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u Borgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatir. !»—=j J

Nr. 48

Samstag» 26. Februar.

1916.

'tis. Fortsetzung.)

£fclUtfc"HTCllrtC. Wachdruck verboten.,

Roman von Jlse-Dore Tanne».

Anne-Martes Arbeit in der Bibliothek machte gute Fortschritte, aber nicht nur das machte ihr Freude, ton- Hern vor allen Dingen die große Förderung, dre m)t Geist dadurch erfuhr. Vom Kleinen ms Große «- Schlossen sich ihr -immer reichere Schatze an Wrssen und Können. Und nicht nur in der Bibliothek fand sie ihrer Llrbeit Glück, auch die Kunstsaimnlungen des Geheim- rats gaben ihr reichen Gewinn.

Die italienische, die vorraphaclitische, die tuoder- ländische, die mittelalterliche deutsche, dre franzosrsche -und englische Kunst und die Kunstepochen.die früher rem khsoreti'sch ihvsm Wissen eingeprägt ^ewe.len, hler lernte sie sie durch den Augenschein begreifen.

Es war ganz langsani gekommen, nach und nach, «daß aus dem kurzen Gruß, den sie mit Thomas Heller- korl wechselte, wenn er zur Arbeit ln die Bibliothek laut, oder aus den Kuustsälen komurend, sich an dein große,r Mitteltisch der Bibliothek Notizen machte, längere Ge- spräche wurden. Und das kan, vielleicht, Werl sie sich 'gegenseitig wie zwei Rätsel .gegenüberstanden. Dr. Heller- ckort hatte ihr erzählt, daß sein Vater, nachdem, er sich $tad) feinem Sti^imn aiufj p ml bi sch nls ^ngemeur ln I anderen großen und in den eigenen Werken betätigt hatte, ihm zwei Jahre Urlaub bewilligt habe. Davon war er fast cm Jahr auf Reisen gewesen, wollte vier Wochen daiheim bleiben und dann wieder auf Reisen

^^Also nur vier WochenI" dachte Anne-Marie erfreut hei sich, „in vier Wochen werde ich wieder ganz allein sein, mit meinen Büchern —" und nach drei Wochen schon war es ihr, als wenn sie estvas entbchre, wenn nicht bei ihrem Kommen Thomas Hellerfort arbeitend a>m großen Mitteltisch der Bibliothek saß oder wenn gegen 11 oder 12 Uhr mittags nicht seine Schritte über 'den Teppich klangen. Sie hatten zuerst, wie am ersten Tage, nui- knappen Gruß gewechselt — dann hatte!hin 'und wieder ein kurzes fragendes oder erklärende^ Wort über den Stand ihrer Arbeiten den Wog gefunden von einmn zum anderen. Auch seine Antwort, die zuin^eil das Rätsel löste, das sie sich anfgeaeben: Weshalb der Mann mit dein reichen Kunstverständnis Ingenieur ge-

worden. _ .. , .

.^ch mußte das werden, Fräulein Müller, denn ich muß doch das ganze Fach beherrschen, das Huttenfach, den Maschinenbau, die Kohlengrichen, wre sollte ichje die Leitung solcher Werke übernahmen können, wenn ich nicht Einblicke rrnd Kenntnisse über alles hätte, was dagit gchört? Die Beschäftigung mit der Kunst -darf mir mir licbe irnd willkommene Evlwlnnq sein."

„Wer wenn nian sich nicht gern mit praktischen Din-

& — mit Dingen des Maschinenbaues, der Hutten- e befaßt, dann ist das doch fahr schwer."

,/Es gehört Energie dazu, mein gnädiges Fräulein, und diese Energie hat mir — wie soll ich sagen -- em gütiges Geschick als Erbteil mitgegeben — aber sie könnte — das sage ich freimütig — noch großer sein

hei mir, könnte Kunst und Wissenschaft ganz bereite ge­schoben haben. Deshalb schätze ich au den Menschen nächst ihrer Güte und Ehrenhaftigkeit im allgemeinen nichts höher ein als die betätigte Energie des Wollens im Besonderen."

Eine helle Röte stieg in Anne-Maries Gesicht, sie beugte ihren Kopf tiefer auf ihre Arbeit, damit Dr. Hellersiort ihr Erröten nicht sehen sollte. Es war wie «ine Anerkennung ihres Schrittes, das sürstlick)« Eltern­haus Mi verlassen und ihr Loben auf sich selbst zu stelleir — i-nd dieses Lob, das ihur selbst doch ganz unbewußt war —beglückte sie. .

Energie? Sie hatte ja auch Energie bewiesen. Weich «darauf ärgerte sie. sich, was giiig es sie eigentlich an. welckre Eigenschaften Dr. Thomas Hellerfort, der Sohn ihres Brotherrn, wie sie in ihren Gedanken oft den Ge­heimen Kommerzienrat nannte, in der: Menschen liebte.

./Maschinen sind mir schrecklich", sagte sie, um doch etwas zu antworten, „sie sind so unpoetisch, so unruhig, so imbarncherzig, sie verlangen so viel von den Menschen, die sie bedienen und die an ihnen selbst fast zu Maschinen

werden."

„Das Leben ist mich unbarmherzig, Fräulein Müller, .auch ohne Maschinen, es war mit Ihnen auch nicht !p>,-mln>rcka. als es Sie in einen Beruf zwang."

Thomas Hellcrfort konnte -nian nicht den Fehler der Neilgier nachsagen, aber er hätte doch gern gewußt, welche Verhältnisse ein Mädchen wie Anne-Marie Müller, das — trotz allem und allein — die unverwisch-. baren Manieren der großen Tanne lxittc. in eine Sekre­tärinstelle gebracht hatten. Bei Tisch hatte Frau Dr. Kalspers gemeint, daß ein eigentümliches Dunkel über ' Fräulein Müllers häuslichen Verhältnissen schwebe. In der Art geschwätziger, in Kleinlichkeiten sick) erschöpfen­der Frauen malte Frau Dr. Kaspers alle Möglichkeiten anZ, weshalb Anne-Marie so verschlossen war.

„Ja, aber das ist doch ganz gleichgültig, welin Frau« lein Müller ihre Schuldigkeit tut, mir den Fehler bat. .sich zu sehr für sich Ul lialten, so ist doch das fein Grund zu allen möglichen Bedenklichkeiten." Thomas Heller- fort, der sich bisher nicht anr Gespräch beteiligt hatte, sagte eS zwar mit fester Stimme, aber das aufmerksame Ohr des Geheimen Rats hörte einen fernen, besonderen Unterton heraus.

./Dieses Fräickein Müller mllß ja ein ganzes Unikum sein, daß man sich hier so eingehend mit ihr beschäftigt. Diese Ehre ist, soweit ich weiß, noch keiner Hellerfort« schen Sekretärin geworden."

Mila Hofnmnn, eine Nichte Frarr Dr. Kalspers, irnd eine Enkelin eines Jugendfreundes des Hausherrn, hatte das Wort genommen.

Ihre Stimme klang hell und schrill, und die dunk- len schwarzen Augen in dm: brünetten Gesicht blitzten etwas herausfordernd und boshaft, um sich aber gleich davauf wie ertappt zu senken, als Thomas Hellerfort sie mit einem offenen Blick des Staunens maß. Dann saate