Einzelbild herunterladen
 

Der Roman.

Z Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 47.

Zreitag, 25. Februar.

1916.

- (12. Fortsetzung.)

Knne-Marle.

Roman von Jlse-Dore Tannrr.

. '(Nachdruck verboten.!

' Erbprinz Karl-Frickrich öffnete jetzt joden Brief seines Vaters mit einem gewissen Bangen. Der Fürst pflegte nnr bei Besonders .'.nichtigen Anlässen an rhn zu schreiben — kein Wunder, daß er nun diese Briefe stets mit Anne--Marie in Verbindung brachte. Der Brief, Iden er beute früh auf seinem Frühstückstisch gefunden, übertraf seine schlimmsten Erwartungen: , .

,-Sende mir sofort sänitliche Photographien, die Du von Anne-iMarie seit ihrer Backfischzeit „ besitzest, ^ch hübe cineir Detektiv mit der leidigen Affäre beauftragt, der mir Garantien dafür 51t bieten scheint, das; sie ttt befriedigender und diskreter Weise erledigt werden wird", stand dort uird machte den Herzschlag Karl- Friedrichs stocken. . .....

„In befriedigender Weise", das hieß, daß dieser Detektiv seine unglückliche Schwester finden und in des Water Gewalt bringen würde. Und dazu sollte er mit Auslieferung ihrer Bilder die.Hand bieten?

Sein Blick siel aus die sprechend ähnliche Photo­graphie AnneMarieS, die auf feinem Schreibtisch stand. Mit einem Ruck stand er ans, griff nach dem Bild, löste es ans seinem Rahmen und wars es in das Kmnin- soner, sein Gesicht sah blaß, fast verfallen ails, und seine Zähne waren fest aufeinandergebissen.

Nun konnte und würde er dem Vater ruhigen Ge­wissens schreiben, daß er kein Bild mehr von Anne- Marie besaß. Aber da stand weiter in des Fürsten Brief: „Die Fürstin Raupach hat, wie ich weiß, Anne- MLarie mehrfach selbst photographiert, fahre sofort hin und laß Dir diese Bilder geben."

Also würde er nach Raupach fahren und er war iiiiberzeugt, daß die Fürstin Raupach ebenso wie er Mit­tel und Wege finden würde, Anne-Maries Bilder nicht in die Hände feines Vaters gelangen au lassen — —

aber die alte Fürstin <-. Es war ihm schon Lei

seinem letzten Besuch «in Raupach erschienen, als »volle sie es verhindern, daß er ihre Schwiegertochter allein sprach, und er ivnßte, daß ste Mitteilungen von Anne- Maries Brief an Christine an feinen Vater gelangen ließ. Sie war eine nicht zu unterschätzende Gegnerin und es hieß für ihn, die allergrößte Vorsicht gebrauchen.

Wäbrenü er im Automobil saß und Schloß Raupach entgagenfiihr, trat die Gestalt der jniigen Fürstin vor sein geistiges Airge. Er hatte sich in Len letzten Mona- ten, seit er Christine Raupach näher kennen gelernt, unauffällig näher nach den: verstorbenen Fürsten Raupach erkundigt, und was er da gehört, brachte sein Blut in Wallung, wenn er nur daran dachte.

Jetzt verstand Karl-Friedrich den traurigen Ausdruck in Christinens Aiige besser zu deuten, nicht unbesiegbare Drauer um einen gelickten Loten hatte ihn erweckt, sondern schmerzvolle, demütigende Erfahrungen, Glück-

K it, ein Lcken, das ihr die herbste Enttäuschung «ibeS brachte. Wie schön mußte es sein, Christine HLauvachs Angeii in Glück ausleuchten zu sehen,, Röte " ' Hre Wangen zu zaubern, die zarte Gestalt in an- isgender Zärtlichkeit in den Armen gu halten.

Er stöhnte auf in schmerzlicher Ungeduld. Würde es ihm je gelingen, ihre Licke zu gewinnen. Sern Vater würde kaum etwas gegen eine Verbindung der beiden Häuser Wiesenheim-Raupach omzuwenden haben, aber nuit allen Mitteln würde die alte Fürstin eine zweite Heirat der Schwiegertochter zu verhindern suchen.

Das Auto fuhr ans die Rampe von Schloß Raupach» ein Diener eilte herbei und ging dann, ihn bei der jun» gen Fürstin anzumelden, während ein zweiter ihm beim Mlegen des Mantels half.

Aus dem Korridor begegnete ihm die alte Fürstin. Augenscheinlich hatte sie ihn Vorfahren sehen, denn US zeigte keinerlei Erstaunen, begrüßte ahn huldvoll und be­gleitete ihn dann »vre selbstverständlich in den Salon der Schwiegertochter. Dort stand Christine, und der Freud-cNschimMcr ans ihrem Gesicht erlosch, als sie ihres Rdannes Mutter mit dein Erbprinzen cintreten sah. Sie reichte ihm die schmale, leise zitternde Hand, die er ehr­furchtsvoll an seine Lippen zog.

„Nun, mein lieber Erbprinz, was bringen «re uns? Hoffentlich iiur Gutes", wandte sich die alte Fürstin liebenswürdig an Karl-Frickrich, iiachdem sie Platz ge- noinDutcu hatteii. „Haben Sie Nachrichten von der un­glücklichen Aniie-Marie? Ich nmß sagen, ich zittere fast, wen,: ich die Zeitungen vornehme, täglich furchte ich, mein Auge könnte ans eine sie betreffende Notiz fallen. Du bekai'.nst doch eist gestern wieder einen Brief mit dem Poststempel Dresden und Anne-Maries Hand- schrift, Christine, d>i hast mir noch lgar nicht erzählt, was er enthält", wandte sie sich an ihre Schwiegertochter, und es lag ein leiser, spöttischer Triumph in ihrer

Stimme. ri . r .

Christine Raupach «war sah erblaßt, UM dann gleich dararlf dunkel zu erröten. t . . ,

„Sie schreibt mir, daß es ihr gut geht, und sendet Mir Grüße, »üeiter nichts", sagte sie leise, gequält.

,Gerade, um Zn erfahren, ob Sie, Durchlaucht, irgendein Lebenszeichen erhalten hätten, kann ich her sagte Karl-Friedrich schnell, „ich selbst habe nichts von irgendwelcher Bedeutung gehört." , ^ p

„Näheres schreibt Anne-Marie nicht, nur daß es ihr gut geht, und daS srcut mich." „ ,

Die Fürstin-Mutter schüttelte niihbilllgend deii Kopf. .Wie kann es einer Prinzessin gut gehen, die allem Herkommen ins Gesicht geschlagen und sich zmn Picks erniedrigt hat, und wie kann dich das auch noch freuen! Ich muß sagen, ich verstehe dich nicht, Christine." !

„Ich .habe Anne-Marie lick, sie ist meine Frenndm. sagte die junge Fürstin schnell, und es klang etwas wie Trotz aus ihrer Stimme.

„Jetzt auch noch? Drs wäre doch etwas — hm —» sehr merkwürdig", die Stimme Fürstin Meta war schneidend und zwei rote Flecken zeigten sich auf ihren Wangen, das Zeichen, daß Sturm im Arizug war.,

In diösem Augenblick ließ .durchdringendes Kruder- geschrei airf dem Korridor die beiden Dcmren zusammen,, zucken und lauschen.