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Nr. 91.Domrerstag, 24. Februar ISIS. Wiesbadener Tagbkslt.

Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. Sette 5.

Handelsteil.

Die Kapitalkraft Frankreichs.

In Frankreich hat man sich immer damit gebrüstet, der Retter finanziell schwacher Staaten, der große Kapitalgeber zu sein. Nun ist auch in der Tat in Frankreich eine große Kapitalkraft, wenigstens bis zum Kriege, vorhanden ge­wesen, und die geldbedürftigen europäischen Staaten waren in höherem Maße vom Pariser als vom Londoner Kapital­markt abhängig. In einer lesenswerten Studie, die in der Januar-Ausgabe desWeltwirtschaftlichen Archivs (Ver­lag von Fischer-Jena) erschienen ist, untersucht nun Prof. Dr. Paul Arndt- Frankfurt a. M., wie es kommt, daß Frankreich trotz seines Kapitalüberflusses nicht ein Land von hervorragender wirt­schaftlicher Kraft und Stärke ist. Er hat dabei das Ergebnis einer Rundfrage, die von der Pariser Monats­schriftFinance Univers veranstaltet worden war, seinen Betrachtungen zugrunde gelegt. Es waren darin die Fragen gestellt worden, ob die französische Industrie neue Kapi­talien gebrauchen könne, und ob sie in der Lage sei, sich solche ohne Schwierigkeit in Frankreich selbst zu be­schaffen. An die veröffentlichten Antworten knüpft Arndt mit seinen Darlegungen an. Er schreibt u. a.:

Die Klagen über den Mangel an Unternehmungslust in Frankreich sind alt; ihre Berechtigung wird durch die Enquete desFinance Univers in vollstem Maße bewiesen. Ängstlichkeit, Bedächtigkeit und Beschränktheit sind die Merkmale der großen Mehrheit der französischen Unter­nehmer, denen die Zeitschrift die Frage vorgelegt hat, ob die französische Industrie Verwendungsmöglich­keiten für neue Kapitalien habe.Prudence erscheint ihnen allen als höchste Tugend. Seufzend wünscht ihnen der eine oder andere Politiker etwas von der Kühnheit der Deutschen. Der französische Unternehmer will immer ganz sicher gehen; er verzichtet lieber auf den Fortschritt, wenn er nicht überzeugt ist, daß mit ihm kein Risiko verbunden ist. Er arbeitet nicht gern mit geborgtem Kapital; höchstens hält er es für statthaft, etwas vom Geld seiner Familienangehörigen oder Freunde für sein Geschäft m Anspruch zu nehmen. Er spart und vergrößert in der Regel sein Geschäft nur in dem Umfange, in dem seine Er­sparnisse dies gestatten, und nur, wenn er eines gesteigerten Absatzes sicher ist. Der französische Unter­nehmer hängt nicht an seinem Geschäft wie der deutsche, der am liebstenin den Sielen stirbt; er sieht mit Ver­langen dem Augenblick entgegen, in dem er sich von ihm loslosen und von seinen Renten leben kann. Der o 8 n? eber des Financc Univers wünscht in seiner Schlußbetrachtung den französischen Unternehmern die Leidenschaft der Industrie,so wie sie die Engländer, Amerikaner und Deutschen besitzen.

. Andererseits legen französische Kapitalbesitzer überall einen Teil ihrer verfügbaren Mittel, um ihre Rente zu er­höhen, in ausländischen Papieren an. Die

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nach höherem Gewinn. Ist sie weit verbreitet und tritt sie mit großer Heftigkeit auf, wie in Frankreich, so wird sie volkswirtschaftlich bedenklich. Arndt führt weiter aus: Man sollte meinen, in einem von der Natur so reich aus­

gestatteten Lande wie Frankreich würde sich beständig günstige Produktionsgelegenheit in Hülle und Fülle er­geben. Und so könnte es auch sein. Es gibt keine Ent­schuldigung, wenn man die Schätze, die die Natur darbietet, nicht hegt. Als Ausrede wird hauptsächlich der Kohlen­mangel hervorgehoben. Aber: Das Land ist so reich an Wasserkräften, in den Pyrenäen, den Alpen, dem mittleren Hochland der Auvergne und den nordöstlichen Gebirgsgegenden, daß es mit Leichtigkeit Millionen und Millionen Pferdekräfte der Industrie zur Verfügung stellen könnte. Dazu kommt, daß Frankreich die reichsten Eisenerzlager von ganz Europa besitzt. Freilich tröstet sich der Franzose über seine wirtschaffliehen Miß­erfolge oft damit, er brauche sich ja nicht so anzu­strengen, wie etwa der Deutsche; denn er habe nicht für die Bedürfnisse einer stetig und rasch wachsenden Bevölkerung zu sorgen ein Argument, das jetzt während des Krieges sicherlich von den Franzosen nicht mehr mit derselben Sorglosigkeit vorgebracht werden wird. Das französische Wirtschaftsleben weist, wie Arndt zusammen­fassend zeigt, eine Reihe bedenklicher Zeichen von Schwäche, ja stellenweise von Fäulnis auf. Letzten Endes sind, wie wir hinzufügen möchten, alle diese Momente dieselben, die jetzt auch die militärische Unter­legenheit Frankreichs gegenüber Deutschland zur Folge haben.

Der Handelsverkehr mit Polen.

Die auf Veranlassung der Zivilverwaltung in Russisch- Polen und mit Genehmigung des Ministers für Handel und Gewerbe zur Förderung des Handelsverkehrs zwischen Deutschland und Polen errichtete Amtliche Handelsstelle deutscher Handelskammern, der auch die Handels­kammer Wiesbaden angehört, hat soeben ihr Merk­blatt in 3. Auflage erscheinen lassen. Für alle Firmen, die an einem Geschäftsverkehr mit Polen irgend ein Interesse haben, sei hier auf die in dem neu erscheinenden Merkblatt zum erstenmal berücksichtigten V erbesserungen auf­merksam gemacht, die die A. H. auf Grund ihrer bis­herigen Erfahrungen vorgenommen hat.

In weiten Kreisen des deutschen Kaufmannsstandes wird man es lebhaft begrüßen, daß die bisher zu entrichten-» den Verwaltungskostenbeiträge in Höhe von 2 Proz. der Rechnungsbeträge aller durch Vermittelung der A. H. betätigten Geschäfte in Fortfall gekommen sind. Dieses von der A. H. gebrachte Opfer wird ihr sicherlich eine große Zahl neuer Firmen zuführen, die bisher an den hohen Gebühren Anstoß genommen haben. Eine erfolg­reiche Tätigkeit hat die A. H. in der Nachweisung geeigneter Vertreter in Polen entfaltet Sie geht dabei in der Weise vor, daß sie die an dem betreffen­den Orte ansässigen Agenten heranzieht, ganz unabhängig davon, welcher Nationalität sie sind, nur unter dem Ge­sichtspunkte der Zuverlässigkeit. Außerdem betrachtet es die A. H. auch als ihre Aufgabe, soweit deutsche Häuser bereits eigene Vertreter in Polen haben, diese nach Kräften zu unterstützen.

Auf Grund ihres behördlichen Charakters und der ihr verliehenen Befugnisse, wie Zensurfreiheit ihrer Briefe, Telegramme und Postpakete, Anschluß an den Fernsprechverkehr, behördliche Unterstützung bei Einziehung von Forderungen usw. ist die A. H.

in der Lage, jeder einzelnen der ihr angeschlossenen Firmen bedeutende Vortelle im Geschäftsverkehr mit Polen zu bieten. Die diesbezüglichen Mittellungen werden den be­zirkseingesessenen Firmen auf Wunsch von der Geschäfts­stelle der Handelskammer Wiesbaden zugesandt.

Berliner Börse.

K Berlin, 23. Febr. (Eig. Drahtbericht) Der Börsen­verkehr war heute etwas lebhafter. Bei Beginn erwies sich die Tendenz als fest. Bevorzugt waren Erdölaktien, Hirsch-Kupfer und Dynamitaktien, die im Kurse anziehen konnten. Fester lagen auch österreichische Rentenwerte im Zusammenhang mit der Besserung der Valuta. Von Berg­werksaktien wurden Phönix - Bergbau, Bochumer und Gelsenkirchen bei etwas höheren Kursen gehandelt. Deutsche Anleihen verkehrten zu gestrigen Preisen. Im Verlaufe fanden dann vereinzelt Realisationen statt, so daß sich die Haltung leicht abschwächte.

Banken und Geldmarkt.

* Die Schweizerische Bankgesellschaft erzielte einen Reingewinn von 2 562 478 Fr. (i. V. 2 10-1444 Fr.), als Divi­dende wieder 6 Proz.

* Eino weitere deutsche Bankniederlassung in Kowno. Die Bank der ostpreußischen Landschaft in Königsberg errichtete in Kowno eine Zweigniederlassung.

* Die österreichische Länderbank errichtet in Belgrad eine Expositur. Die Bestände der Serbischen Kreditbank, die der Länderbank nahesteht, sind von der serbischen Regierung übernommen und außer Landes gebracht worden, so daß sie ihre Tätigkeit vorläufig nicht wieder aufnehmen kann.

* Kriegskreditbank für das Königreich Sachsen. Die Bank schließt das Jahr 1915 nach 5106 M. Abschreibungen mit 1870 M. Verlust (5501 M.) ab. Von 13245053 M. Kreditanträgen fanden 7 929 667 M. Annahme.

* Bei der Märkischen Bank in Bochum ist die schon an­gekündigte Dividende in Höhe von etwa 4 Proz. in Aussicht zu nehmen, nachdem für 1914 der gesamte Gewinn zu Rückstellungen verwendet worden war.

Industrie und Handel.

* Die Singer u. Co., Nähmaschinen-A.-G. in Hamburg, deren Geschäftsleitung sich schon in Berlin befindet, hat eine Zweigniederlassung in Wittenberge errichtet.

* Hedwigshütte, Anthracit-, Kohlen- und Kokswerke, Stettin. Zwecks Erhöhung des Aktienkapitals um 1 Mül. M. auf 7 Mül. M. wird eine Generalversammlung einberufen.

* Bei der Seidel u. Naumann-A.-G. in Dresden wird trotz besseren Geschäftsgangs wieder keine Divi­dende erwartet, und zwar wegen beträchtlicher russischer Außenstände.

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Bekanntmachung.

Aus Grund der Bundesratsverordnung vom 7. Februar d. I. ist am Donnerstag, den 24. Februar c., eine Ausnahme der Kartoffeln vorzu­nehmen. Die Aufnahme erfolgt zu dem Zwecke, genau feststellen zu können, wie groß der Bedarf an Speisekartoffeln bis zur neuen Ernte für die Stadt Wiesbaden ist.

Für die Bestandsaufnahme werden vom 21. bis 23. Februar Frage­bogen den einzelnen Haushaltungen zugestellt und die ausgefüllten Formu­lare in der Zeit vom 25. bis 28. Februar wieder eingesammelt. Wer keinen Fragebogen zugestellt erhalten hat, ist verpflichtet, einen solchen auf dem Brotverteilungsamt, Friedrichstraße 35, abzuholen. Bis zum 29. Februar nicht abgeholte bezw. nicht abgelieferte Fragebogen sind spätestens bis 2. März bei dem Brotverteilungsaml, Frredrichstratze 35. abzugeben.

Es wird dringend ersucht, die Angaben genau zu machen und es wird darauf hingcwiesen, daß Vorräte nicht beschlagnahmt bezw. zur ander­weitigen Verteilung von den Haushaltungen abgeholt werden.

Strafbestimmung: Wer die Angabe verweigert, unvollständig oder verspätet macht, oder den Fragebogen nicht -bliefert, wird auf Grund des 8 10 der obengenannten Bundesratsverordnung mit Gefängnis bis zu 6 Monaten oder mit Geld bis zu 1500 Mark bestraft.

Wiesbaden, den 20. Februar 1916. FW2

_ Der Magistrat.

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gegeben von Dr. Arthur Fleischer und Frl. E?se Hoyer

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