Einzelbild herunterladen
 

Ver löiitöii

H

Nr. 45.

o Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

_ Mittwoch, 25. Februar.

1916.

HO. Fortsetzung.^

Knne Marie.

Roman von Jlse-Dore Tanner.

lNachdruck verboten.1

Die Vögel Zwitscherten in den noch kahlen Bäumen des Tiergartens, aber die Soirne schien schon ganz warm und schön, als Anne-Marie ihre Schritte zu dem Palais des Geheimen Kommerzienrats Hellevfort lenkte. Heinrich Weber -hatte ihr geschrieben, daß die Vorbe­sprechungen erledigt feien, und daß der alte Herr sie sehen und sprechen wolle.

Als Anne-ALarie das gelesen, war einen Augen­blick ein merkwürdiger Gedanke durch ihren Sinn ge- flogen: Also, wie sich ans Schloß Wiesenheim die Beam­ten und Dienerschaft vorstellten, so ging das stolze Kind ernes alten Fürstenhauses, um sich einem Brotherrn vorzustellen. Vielleicht wäre dieser Gedanke, vor eini­gen Jahren noch, anch ihr unsaßlich und unniöglich und -erniedrigend gewesen, aber merkwürdig, davon spürte sie Nichts, sie -kam sich -vor wie eingestellt in die Reiben derer, die in kraftvoller, ehrenhafter Avbeit nicht nur den wahren Wert des Lebens suchen und erblicken, son­dern die selbst dadurch über sich -hinauswuchsen.

Der Portier, der aus ihr Läuten an der Gartenpforte erschien, führte sie durch den Harisflirr in eilt um orientalischen Stil reich ausgestattetes Vorzimmer, ließ die elektrischen Lichter ausslainmen und bemerkte init einer gewissen freundlichen Herablassung, daß er den Drener rufen wolle, der „das Fräulein" dem Herrn Ge- hermvat melden würde.

Der Diener, der zu Schnallenschuhen, seidenen Strümpfen und Scmitho'en ein einfaches Hausjackett trug, war nicht voll Herablassung, sondern voll Würde. Ars er rhr iutc Tür zu des Go^eunrnts ArHbeitszünmer ossnete dom er -die „neue Sekretärin" gemeldet hatte, - schüttelte er den Kopf. ssticht, wie >manche, die gekomnreir tvaren um diese Stelle — fast eine Dame — nein wie omß rechte, große Dome, und das — er sah auf die Karte, die sie ihm gegeben und die er noch in der Hand hielt — das hieß Anne-Marie Müller!

Eine wirkliche Dame! Den Eindruck hatte auch der Güherme Kommerzienrat, der an seinem Schreibtisch am Fenster saß und, obgleich er gewohnt war, sitzen zu blei- Den, wenn seine Beamten kamen — er erhob sich un- willkürlich von seinem Stich! und starrte die hohe Ge- stalt an, die sich ohne Ziererei frei und anmutig näherte, zum Gruß den Kopf neigte und mit ihrer volltönenden Snmnre faste: „Herr Professor Weber schrieb mir, daß wünschten'--"^o^imr^t, mich heute zu empfangen

„Ganz recht, mein, gnä-Fräulein, Fräulein

Müller, tvenn ich nicht rrre.

„Anne-Marie Müller."

.Sie könnten sofort mit der Avbeit in der Bibliothek beginnen, Fräulein?"

,^Jawohl, Herr Geheinirat — ich bin ganz frei."

"M! sind wohl schon längere Zeit ohne Stellung?" ,^ch, habe noch nie eine Stellung innegehabt, ich Wollte eigentlich mein spracksliches Können auf dem Ge­riete der Ubevsetzung verwetten,"

«Und das -geht nicht?"

„Es ist sehr aussichtlos, Herr Geheiinrat."

„tl-ber Ihre Borbilduiig hat mich Herr Professor Weder unterrichtet — die Hauptsache ist, daß Sic sich gern dieser Beschäftigung widmen,"

„Ich wüßte keine bessere, Herr Geheiinrat."

Der alte Herr sah aus, komisch, wie kurz und sachlich diese pinge Dame war.

„Professor Weder sagte mir, Sie seien vom Lande — ohne Eltern."

„Jawohl, Herr Geheinirat."

Sein Blick ging prüfend über die junge Dame hin. wahrscheinlich hatte der Vater alles veiwirtschaftet und dre Tochter mußte sich nach dem Zusammenbruch einer Berns sichern.

, „Schreiben Sie Schreibmaschine?" Sein Toii klang wieder schroff und scharf.

, „Bis jetzt habe ich mich daiiiit nicht beschäftigt, aber ich werde es leicht lernen können."

„Ist vielleicht nicht nötig, wenn Sie eine gute leser- siche Handschrift haben. Die Arbeitsstunden wissen Sie, von M>10 Uhr bis 3 Uhr."

werde pünktlich sein, Herr Geheiinrat." können wir morgen anfangen, Fräulein Müller, ich reise übermorgen auf einige Tage fort und -urochte Ihnen selbst einige Direktiven geben."

»Ich danke sehr, Herr Gchcimrat, adieu!"

Wieder ein Neigen des feinen Kopfes inid ein paar sachte, leichte Tritte, die über den dicken Teppich klangen — die Tür schloß sich' — Fräulein Anne-Marie Müller war gegangen.

Draußen tm Freien, unter dem blauen Himmel, atmete sic auf. Das war also ihr neuer Herr! Si-> säh rhu noch immer vor sich, die nur -uiittelgroße gedrun- geue Gestalt, den runden Kopf -mit den frischen Farben, den buschigen, weißen Augenbrauen, der geraden, seinen Nase und den klugen, kühlen Aiigen, und sie mußte ihn mrt der tadellosen Kavalierevscheiuuug ihres -Vaters ver- Welchen.

, Also so sah ein Mann aus, der sich, seiner Arbeit, seinem Fleiß, -seinem unermüdlichen Streben fürstliche Reicht,mrer verdankte, so sah ein Mann aus, der Herr war iider Hunderte von Gruben- und Eisenhütten-Ar- bertern, ein Mann, -der nach desTages Last iind'Schasfeii sich freiste an den Werken der Kunst und Wissenschaft und ihnen rn doiii fürstlichen Hause, das seine eiserne Energre und seine Eisenwerke geschaffen, ein glänzen­des, wundewolles Heim gab, während ihr Vater, nach- dom er nur kurze Zeit den Ofsizicrsrock getragen, auf seinem Bosttz ohne anderes Streben die Jahre ver- brachte, als eben das: ein „Fürst" zu sein, und der eS schon Arbeit genug fand, wenn er mit dom Reutmsi-ster und den Pachtern festgostellt hatte, daß die Finanzen in Ordnung seien, um das eintönige Leben im Schloß mi

Wlchonheim weiter .fortzwetzen. --

«f bsd'ivfte nur einiger weniger Tage, dann hatte Anne-Marie sich m chre Arbeit eingelebt. Die Bi-blio- vysk, an Icl >0 fiel) tbte Jöftlidjcn Seife fdüfoffeu, in öenen