Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 44. Dienstag, 22. Zebruar. lysh.
lS. Kortsetzuna.)
Anne-Marie.
Roman von Jlse-Dore Tanner»
Machdruck verboten.!
Wrber sah nach der Uhr: „VS ist fnaW» 10 Uhr, Mo doch wohl für heute zu spät, Sie z» bitten. Sie meiner lieben Fron zufsthren zu dürfen, denn wir wohnen ,draußen in Zehlendorf, aber wenn es Ihnen recht ist, hier nefecnan ist ein kleines, feines Cafe, dort könnten wir ungestört noch ein Weilchen plaudern."
Und affen und ohne Scheu sprach sie zu dem auf- »ltcrffam und teilnahmsvoll Lauschenden von dom Loben daheim, seit ihr Water zum Aweitcn Dkale geheiratet hatte, von ihren Kämpfen, ihrem fckpveren Entschluß, ibrer Flucht und schließlich ihrem Aufenthalt hier in Berlin, der ihr bisher noch nicht die Erfüllung dessen gerächt hatte, was sie von ihr» erwartet.
Als sie geendet, richtete Weber sich lebhaft aus. „Wissen Sie, daß ich Sie bewundere, Durchs-gnä
diges Fräulein? Ich habe danrals schon gewußt, daß Prinzessin Anne-Marie ein fester, abgeschlossener Charakter ist, nicht geneigt, begueme Kompromisse zu schließen, aber daß Sie mit solchem Mut den Schritt in die Freiheit wagen würden, das hatte ich doch nicht gedacht. Mer mm inrüfsen Sie mir eins versprechen—" er streckte ihr seine Hand hin — „daß ich Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen darf, daß Sieunscr Haus als Heimat betrachten wollen, in der Sie immer willkommen siird. Ich hebe meiner Frau viel von Ihnen und anetnam sieben Karl-Friedrich erzählt,^ sie wird von Herzen froh sein, wenn'S ihr gelingt, Ihre Freundschaft zu gewinnen, und Sie werden sich verstehen, dessen bin' ich sicher. Und gleich den morgigen Sonntag müssen Sie uns schenken und schon zu Tisch unser Gast
Anne-Marie willigte mit Freuden ein. Es war ihr wirklich so, als 'habe sie tnu Stück Heimat wiedergc- sunden und als müsse nun alles besser und leichter in ihrem Leben werden, llnd was Weber ihr erzählte von de»» blonden Geheimratstöchterlein, das er als Studentin kennen gelernt und das dann seine Gatitn gÄvor- den, und von dem jetzt einjährigen Bübchen, das sie ihm geschenkt, das machte sie begierig, sein Heim kennen M lernen, ein Heim, von sonniger Liebe durchleuchtet, wie es ihr bisher fremd geblieben.--
„Und wir werden gemeinsam Nachdenken, wie Sie Ihr Leben am besten gestalten uird befriedigende Tätigkeit finden können", sprach Weber werter, während er Nnne-Marie vor ihre Pension begleitete. „Ich habe eine ganze Masse Verbindungen und meine Frau weiß Mer alle Frauenberufe Bescheid, unö mein Schwiegervater würde sich auch mit Feuereifer der Sache an- nchnren, es müßte ja komisch zugchen, wenn wir nichts fänden. Also auf Wiedersehen morgen!"
Und ivährend Prinzessin Anne-Marie in einer ihr iganz neuen freudigen Erregtheit die Treppen zu ihrer Pension emporstreg, war es ihr, als stehe sie jetzt wie- Her aus der Schwüle zu einem neuen Leben.
Es wjar ein eigentümliches Gefühl, das Anne-Marie
beschlich, als sie in Heinrich und Ediths kleinem gemüt- licham Heim weilte, bei jeurand, der wußte, »ver sie war, weshalb sie eine fürsüiche Heimat aujgegebcn hatte, um ein bürgerliches freies Leben dafür einzutauschen.
In der lichtvollen, »varnien Häuslichkeit des jungen Paares, in der Kunst, Wissenschaft, Lebensbejahung. Verständnis und Gemütlichkeit als unsichtbare schützend« Hausgötter walteten, wurde es in AnneiMaric verdunkelter Seele wieder heller, und ihr oft so verzagtes Herz froher, sie selbst freier, als seit sic von der Heimat Abschied genommen. Wie unsagbar schwer war das stete Versteckspielen, >das Aufmerken. sich auf keinem Wider- spruch ertappen zu lassen, wenn von Kinderzeit oder Jugenderinnerungen die Nedc gewesen. Sie hatte ja selbst oft gefühlt, daß ihre chr angeborene Zurückhaltung und ihre Schweigsamkeit ausgefallen waren.
Bei Webers war sie sie selbst — durste sic alles frei hcvaussagen, durste von ihren Sorgen und den Erfahrungen, die das Leben als Fräulein Müller ihr gebracht hatten, sprechen. Stundenlang hätte sie an diesem kleinen, gemütlichen und schönen Tcetisch im Erker- zimnier der jungen Hanssrau sitzen können. Zmn erstenmal, seit der „Prinzen-Erzieher" Heinrich Weber aus ihrem Vaterhanse geschieden war, erfreute sic sich heule an einer lebhaften lluterhaltung über die neue Zeit, ihre Gehen, ihre Forderungen und Ausblicke, Fragen, die auch an Christinens Teetisch keine Beachtung hatten finden kömien. Denn sie lagen der jungen, in den her- kanmrlichen Bahnen der Erziehung der Fürstenkinder ausgewachsenen Freundin nicht.
Sie liebte in Christine die zärtliche, treue und an- schiniegende Freundin, in Edith trat ihr die Iran entgegen,' der die ernste Beschäftigung mit den großen Fragen der Krmst, Wissenischaft und „ Zeit- eroignisse den Verstand geschärft, das Denken gefördert, den Geist diszipliniert hatten, ahne das Herz an Liebe, Güte und Fürsorge darben zu lassen. Es war, als ginge von dem jungen Paar ein kraftvolles Leben aus, ein starkes Wollen, dem das glückliche Können folgen mutzte, und Anne-Marie, die schon oft so verzagt gewesen, fühlte diesen Ledensharich als neue Stärkung ihres Willens, Küb sie begonnen mit ihrer Flucht aus Miesenheims Enge, weiter durchzusetzen.
Anne-Marie nrußte auch deS junge» Eltcrnpaares Schatz belvnndern, den blonden Olaf, der mit großen, fragenden Augen mir sich schaute, und schließlich hatte Heinrich Weber als Hauptsache sich die Mitteilung auf- gchpart, daß er eine Beschäftigung für seine ehenmlige Schülerin in Vorschlag habe, die ihren Fähigkeiten und Neigungen nicht nur vollständig zu entsprechen schien, sondern in der er auch eine Aussicht sah, wie sie ihren reichen Geist noch intensiver und verständnisvoller beschäftigen, der Kunst und Wissenschaft dienen könne. .
„Die kleinen Malereien, mein gnädiges Fräulein, sirid für eine Dame von Ihren Fähigkeiten doch nur Notbehelf — Übersetzungen aus den Ihnen geläufigen
