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Dienstag» 22. Februar 1916.
Morgen - klusgabe.
Nr. 87. ♦ 64. Iahrgang.
Auch westlich non Kamin m der AdriMe
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
^V. T. L. Wien, 21. Fchr. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 21. Februar, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Österreichisch-ungarische Abteilungen warfen gestern abend den Feind südöstlich von Kozlow an der Strypa aus einer vorgeschobenen Stellung. — Beiderseits erhöhte Fliegcrtätigkcit.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Keine besonderen Ereignisse.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Albanische Abteilungen gewannen, von österreichisch-ungarischen Offizieren geführt, westlich von Kavaja die A d r i a k ü st e.
Der Stellvertreter des Chefs des Gcneralftabs: v. Höfer, Fcldmarschallrntnant.
Dar Seegefecht bei der Doggerbank.
Nach Mitteilungen des Flottenchefs.
Br. Berlin, 21. Fchr. (Erg. Drahtbericht. Zens. Mn.) Über den Verlauf des Torpedobootsangriffs an der Doggerbank wird der „B. Z." von ihrem Berichterstatter, der eine Unterredung mit dem deutschen Flottenchef hatte, berichtet: Während des Gefechts hatte jeder Führer nur das eine Ziel gekannt, dom Offensivgeist die Zügel schießen zu lassen, die sich ergebende Situation bestens auszunützen, möglichst oft den Feind zu fassen. Bei dein Drauflos st ü r m e n, bei der Schnelligkeit der aufeinander folgenden Manöver und Schüsse war ihnen die Möglichkeit einer ruhigen festen Stellung Zunächst genommen. Bei einem Nahgefecht auf See blitzt auch nur selten einmal ein Scheinwerfer und beleuchtet einen kurzen Augenblick das Kampffeld. So konnte auch erst eine nachträgliche Aussprache eine mühsame Rekonstruktion des Gefechtsbildes in der Nacht vom 10. zum 11. Februar ergeben. Daher erfuhr man zunächst auch nur, daß der neue englische Kreuzer „Arabis" versenkt worden fei und daß auf einem zweiten ein Torpedotreffer erzielt wurde. Erst etwas später konnte dann ergänzend 'berichtet werden, daß nach einwandfreier Feststellung ein zweites Schiff gesunken sei. Daß den Engländern dieser Ausgang des Gefechtes überaus peinlich war, konnte man zwischen den Zeilen ihrer Ableugnungsversuche lesen. Die von der Doggerbank vertriebenen Kreuzer waren in der _ englischen Darstellung eine Flotte von vier Minen:uchern, von denen drei wohlbehalten zurückgekchrt sein sollten. Diese Fassung des Dementis war mit gut^n Vorbedacht gewählt und zur Verschleierung der Verluste berechnet. In ihrem Kummer haben die Engländer dann aber anscheinend ganz vergessen, daß sich in Gesellschaft der vier Minensucher doch niindestens ein anderes Schiff befand — die „Arabis". Diese scheint in der Tat nicht zu der Einheit der Flotte gehört zu haben, führte auch nur zwei Schornsteine gegen drei der übrigen Neubauten. Der Untergang der „Arabis" wurde einwandfrei festgestellt. Zunächst handelt es sich bei der englischen Motte nicht um gewöhnliche, Keine, flachgehende Minensucher mit einem Schornstein, sondern um einen ganz modern ausgchauten Schiffstyp, der erst seit kurzem in Dienst gestellt worden war und vielleicht auch zum Minensuchen und Minenlegedienst verwendet wird. Ihre Ausstattung mit Ballonabwehrkanonen legt die weitere Vermutung nahe, daß sie in erster Linie als Aufklärungsfchiffe gegen Zeppeline gedacht waren. Der Verlust dieser Einheit dürfte die Engländer auch besonders schmerzlich betroffen haben.
Daß die britischen Schiffe sich durchaus nicht kainpf- los zur Strecke bringen ließen, zeigt der Verlauf des Gefechts. Für die Nacht vom 10. zum 11. Februar war ein großer Torpedobootsvorstoß in die Nordsee angefetzt. In breiter Linie furchten schnell die Boote die Ballen. Eine dichte Nebelbank hinderte die Fernsicht. Endlich auf der Höhe der Doggerbank lich- tete sich der dichte Schleier. Bald entdeckte das führende Boot am Nordflügel etwa 5 Seemeilen voraus die unklaren Silhouetten von drei Einheiten. War es Feind oder Freund? In höher Fahrt und etwa nördlickan Kurse suchten die Boote sich heranzupirschen. Offiziere (und Mannschaften sind in fieberhaffer Spannung ans
ihren Posten. Wer drüben riihrt sich nocki nichts. Me Schiffe präsentieren sich jetzt in günstiger Beleuchtung, drei Schornsteine aus jedem heben sich klar vom Hvri- zont äb.. Noch ist die Möglichkeit vorhanden, daß es sich um eigene aus dem Kurs gelaufene Lchiffe ihandeln kann. Vorsichtig schleichen nun unsere Boote heran. Weitere_ Einzelheiten werden erkennbar. Deutsche Schiffe sind es nicht. Anscheinend Kreuzer der englischen „Arethusa"-Klasse, dessen Naimensschiff vor kurzem nun auch einer Mine zum Opfer fiel. Noch inrmer bleibt es drüben ftilL Noch wenige Minuten und die Torpedoboote liegen im westlichen Kurs auf gleicher Höhe mit dem Gegner, der nun auch Fahrt voraus macht. Die Distanz ist gering, ein Torpedo wird auf den Engländer angesetzt, in demselben Moment dreht der Gegner aber ab und läuft mit östlichem Kurse. Die angreifenden Boote folgen und finden ein zweites Mal Gelegenheit, ein Torpedo abzuschießen, aber wieder dröht der Gegner vorzeitig ab. Eine Schleife nach Nordwesten bringt überraschend einen neuen Gegner vor das Röhr. Der Schuß sitzt. Deutlich wird beobachtet, daß das Schiff schnell sinkt. Schon erhallen aber die Boote von einem anderen Gegner, der etwas nördlicher liegt, Artilleriefeuer. Auch von Süden her wird ans großer Entfernung heftiges Artilleriefeuer wahrgenommen. Die Situation wird ungemütlich. Noch finden über unsere Boote Zeit, dem nördlich stchenden Gegner einige Geschütztr-fffer zu versetzen, die Funken- station zu zerstören und anscheinend auch Rudcrhavarie zu verursachen. Wie sich herausstellt, ist dieser getroffene Kreuzer die „Arabis". Ein zweiter Torpödotreffer macht ihr dann bald so gründlich den Garaus, daß zunächst der ganze Kommandoturm abgehoben und das Schiff in zwei Teile auseinanderbirst. Daß die „Arabis" nicht mit dam zuerst getroffenen Schiffe identisch sein kann, geht daraus hervor, daß sie bereits einen Teil der Besatzikng eines anderen Fahrzeuges ausgenommen hatte und daß die Geretteten der „Arabis" sich angelegentlich erkundigten, ob das Boot auch Mannschafien des vorher torpedierten Schiffes gerettet hätte. 'Weiteres war jedoch weder von Offizieren noch Mannschaften zu erführen. Sie verweigerten nähere Aussagen und hatten auch ihre Mützen mit den Namens- bändern sofort vernichtet.
Typisch ist das V e r h a l t e n der Engländer bei den nun folgenden Rettungsversuchen, die sich bei der großen Dünung nicht ohne Schwierigkeiten und Ge- führen für die eigenen Besatzungen der Torpedoboote durchführen ließen. Trotz „Baralong" und „L 19" waren unsere Blaujacken in aufopfernder Weise bemüht zu retten, was noch zu retten war. In ihren kampfunfähigen Gegnern sahen sie nicht mehr den Feind sondern den Menschen, nicht einmal den Engländer' ^ntwinsm alleinigen Begriff von Menschlichkeit und Kultur. Doch da ichlnq das böse Gewissen der Engländer. Sie konnten es nicht fassen, daß man sie nicht niedermache, daß man vielmehr stundenlang bei ihren Kameraden Wiederbelebungsversuche anftellte Jmm-r von neuem beteuerten sie, daß die „Baralong"'nicht'zur Marine gelwrte, und die Offiziere legten besondmm Wert auf die Erzählung, daß der „Baralong"-Kon!man- dcmt entlassen worden sei. Fast eine Stunde blieben die Boote noch auf der Kampfftätte und an ihnen lag es lgewiß nicht, daß auf der Heimfährt ein Reserveoffizier ein Deckoffizier und ein Mann von 21 Geretteten, dem Seemannsgrab übergeben werden mußten, und daß auch der -Lchiffsarzt schließlich nicht mit dem Leoen davonkani.
Der deutsche Luftangriff auf Lowestoft und Umgebung.
Volle englische Bestätigung des deutschen Erfolges.
W. T.-B. London, 21. Febr. (Nichtamtlich., Amtlich wird gemeldet: Zwei deutsche Doppeldecker griffen gestern Morgen Low estoft an und warfen 17 Bomben aus großer Höhe ab, worauf sie verschwanden Personen sind nicht getroffen worden; Nebengebäude, Riestumrants und zwei Wohu- hüuser wurden beschädigt. Zwei Marine-Wasserflugzeuge stiegen auf und verfolgten die Angreifer, jedoch ohne Erfolg. — Ein deutsches Wasserflugzeug warf Bomben in der Nachbarschaft des Kentishkonok-Feuer- schi ff s ab; ein anderes Flugzeug warf sechs Bomben aus Walmer. Zwei Bomben zerstörtes Lmusdächer, eine andere siel dicht neben einer Kirche nieder, durch welche die Fensterscheibe^ zersprangen, als di« Gemeinde gerade das
Tedeum sang. Eine weitere'Boinbe fiel in ^der Nähe des Strandes nieder, tötete einen Zivilisten und eine Marineperson. Insgesamt sind zwei Männer und ein Knabe getötet und eine Marineperson verwundet worden. Zwei britische Flugzeugs stiegen in Dover auf und verfolgten die Angreifer, ohne sie eiuzuhölen.
L-o west oft war mit dem nüMicher gelegenen IarmlcUth bereits bet dem allerersten Angriff ans die englische Küste, am 19. Januar v. I., das Ziel unserer Luftschiffe. Seitdem sind beide an Industrie reichen Städte mehrfach von Flugzeugen oder Zeppelinen heimgesucht worden. Walmer liegt zwischen Dover und dem am THemse- ausfluß befindlichen Fischer- und Lotsenort Ramsgate, der erst am 9. Februar den Besuch zweier deutscher Wasserflugzeuge bei sich sah.
Die „Lusit«nia"-Verhandlungen.
Zur II-Bootkriegverschäxfung.
I-. Berlin, 21. Febr. (Eig. Meldung. Jens. Mn.) In der „Lusttarvia"-Frage läßt sich heute; nochmpls bestätigen, daß sie aus dem gkuten Zu,staub heransgetreten ist. Mann aber ihre' endgültige Erledigung kominen wird, läßt sich jetzt so wenig bestimmt vvvaussagen wie vorher. Jedenfalls sind die Verhandlungen aus dem s chllä mm- st e n Stadium herausgetreten, über die Aufnahmie, die die Denkschrift offiziell in Washington finden wird, ist noch nichts gemeldet wvnden. Die Denkschrift dürste auch in ihrer völligen Fassung Wilson und Lansintz noch nicht vorlieg«en, da der amerikanische Botschafter aus dem Drahtweg nur den Hauptinhalt wettergeben konnte, «feer alle Wer - lagen mit der Post versandt werden Mußten. Die amerikanische Regierung wird sich wahrscheinlich Vorbeibalten, ihr Urteil über die gesamte Frage zu fällen, wenn sie in der Lage sein wird, aus dem gwnzen Bewei smu ±c*r i<tl den Standpunkt der ldcuffchen Regierung Kar zu erkennen.
Sonar Law über die Politik nach dem Kriege.
Englische Zukunftsmusik.
W. T.-B. London, 21. Febr. (Nichtamtlich. Drahtlbericht.) Muter mlÄdet: Bouar Law hatte eine Unterredung mit dem Mitarbeiter der „New Jork Times", über die ökonomische Entente der Alliierten nach dem Krieg sagte er tu. a., er -Aaube, daß durch den Krieg die finanziellen- Differenzen beigelegt seien. Bar dein.Krieg hatte Dleutsch- I a n d WestrußbanL durch eine Art kommerzielle Durchdringung fast in seiner Macht. Dieses Gebiet müsse in Zukunft in anderen Händen sein, vornehmlich in deücn Frankreichs und Englands. Der deutsche Handel nahm vor dem Krieg in I'tal i e n zu. Sein Einfluß sei in Frankreich merkbar, in England groß gewesen. Deutschland werde von vielen Märkten vertrieben werden. Die Alliierten werden wahrscheinlich eine wirtschaftliche Entente eingxhen. Bonlar La,w sprach ferner die Erwartung aus, daß nach dem Krieg eine Periode reger industrieller Tätigkeit an- brechen werde. Die Munitionsarbeit habe der englischen Maschinenkunde neues Leben ciuhckhaucht. Die Hilfsmittel dvr Produktion seien vermehrt, die Findigkeit und das klnpaffungsvettnögen des Volkes gestärkt und ihm gezeigt worden, was es könne. Ans die Frage, ob der Krieg eine Veränderung dev Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien bvimgen werde, antwortete Bvnar Law, es werde vielleicht dazu kommen, wenn namentlich ein ,F riede n Sbund gegründet würde, um zu verhindern, daß sich eine Ktataftvophe, wie die jetzige, wiederhole. Falls dies ein bewaffneter Büud sein wollte, müssen die Vereinigten Staaten aber stärker werden, um ihre Rolle als internationale Ptolizetmacht au'sfüllen zu können. Nur mächtige neutrale Staaten können Übertretungen des Kriegsrechts verhindern. Fn diesem Krieg hat eine derartige Intervention nicht stattgefunden.
Line Wendung in Italien; Politik?
Im Anschluß an Briands Rom,fahrt hat unser H. L.« Mitarbeiter am Luganersee mit einigen dem Kreis der italienischen Deputierten nahestehenden Persönlichkeiten Unterhaltungen gehabt und komimt zu folgenden 'bemerkenswerten Feststellungen:
Salandra suchte im Zentrum des Giolitti-s- mus, das ist Turin, eine persönliche Aussprache mit dem Fiihrer der Kammermchcheit. Garroui, der frühere Boffchaster in Konstantinopel, der feit Jahren zu den Intimen des Hanfes Giolitti gchört, und der wegen feiner Kriegsgegnerschaft sowM in Salpndras Organen wie auch von dem Mi nister Bar-
