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Der Roman.
i- —=« i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. ! --» >
Nr. 43. Sonntag. 20. Kebruar. 1916.
1(8. Fortsetzung.)
ßtlltß'lllöPlCt (Nachdruck verboten.!
Roman von Jlse-Dorr Tauner.
Und dabei hatte sie auch ihr Leben noch immer nicht in sichere Bahnen lenken, sich noch keine nutzbringend^ befriedigende Tätigkeit verschaffen können, sie sah auch gar keinen Weg, wie sie es wohl könne — sie schluchzte verzweifelt — wenn «das das Resultat war ihres unge- wKmlichen Schnittes, der sie von ihrer Hemmt, von allen, die ihr lieb gewesen, schied, das Ende ihrer Hoff' nnngen und Wünschte, ihrer wchliiberlagten Pläne? GsgeMvart und Zukunft war gleichermaßen grau nrrd ihoffmtngslos für sie-lohnte es denn iibevhau.pt, zu
leben? . , , . . .
Prinzessin Anne-Marie richtete sich nnt einein Ruck in >die Höhe — nein, das durste und wollte sie nicht denken, sie durste nicht verzweifeln, noch nicht — noch lange nicht. Sie «rußte und wollte noch kämpfen und
ringen, sich einen Platz im Leben erobern.-Es gab
ja unzählig viele Menschen, denen es viel, viel schlechter ging als ihr, vor äderen Tür täglich Hunger -nnd -Sorge standen, die krank waren oder ihre Liebsten in Krankheit dcchinsiochen Men, ohne die Mittel zn.haben, ihnen zu Helsen-o, sie hatte soviel Trauriges hier schon gehört und gelesen-und sie iair .doch jung und gesund
«md hatte noch Mittel genug, eine ganze Zeit ohne Einnahmen zu loben-nein, sie wollte noch nicht ver-
zweifeln, sich nicht aus dein Gleichgewicht bringen lassen durch diesen Planchen Menschen, diesen ekelhaften Film- sabrrkanten. ...
Sie kühlte sich ihr brennendes Gesicht nnt kaltem Wasser nnd überlegte, ob sie Firm Justizrat Medinger can nächsten Tage kündigen wolle, oder sie viellercht bitten, ihr die Mahlzeiten auf dem Zimmer servieren zu lassen — ans keinen Fall wollte sie Herrn Felbcrsähn voll) einsnal bei Tisch gegenüber sitzen. Und die Pension Medinger gefiel ihr sonst ganz gut, Frau Vdedinger -selbst war eine feine, taktvolle Dame, cs wäre Anne- Marie -schwer gefallen, sick nun wieder anderswo einzu- .gewöhnen. So entschloß sie sich zu dom anderen Ausweg des Alleinessens, am nächsten Mittag vorerst ein- mal ein leichtes llbekbefmden als Grund für diese Maßregel vovschiitzend. Und sie war nachher dieses Entschlusses sehr froh, als sie hörte, daß Herr Felbersohn Plötzlich abgereist sei. — —
Je näher Weihnachten rückte, je leerer wurde es in der Pension Medinger, einer nach dem anderen fuhr heim, um dieses schönste Fest mit seinen Lieben zu verleben. Nur Anne-Marie würde fremd nnd heimatlos, doppelt einsam in diesen Tagen sein.
.War auch das Christfest seit ihrer Mutter Tode nie» nnnlS ein wahrhaft frohes und glückliches für sie gewesen, die AMvesenheit des geliebten Bruders, die r,mancherlei Mühen, ihn und Christine mit liebevoll ausgesuchten Gaben zu erfreuen, das Überlegen, für die Angestellten des Hauses passende Geschenke zu finden, die Armen- und Kvatckenbescherungen in der -kleinen Residenzstadt, das hatte doch alles dazu beigetragen, einen verklärenden Schimmer ans jene Tage zn werfen, ihnen Weihngchtsstirmnung zu geben.
Hier fchlte das alles, sie hatte hier nionmnd, der chr nahe stand, niemand, dem an ihrer Anwosenheit etwas gelegen war.
Und als Anne-Marie dann am,Heiligabend einsam nsben dem kleinen Tannenbanm saß, den Frau Modin- ,ger ihr hatte nebst allerlei Weihnachtsleckereien mS Zimmer stellen lassen, die Bilder des Bruders und der Freundin vor sich, ein Buch in der Hand, -da klingelte eS draußen, und das Zimmermädchen kam baU> darauf und brachte ein Paket für sie.
Anne-Marie erschrak bis ins Innerste: wer konnte ihr ein Paket schicken? Wer wußte ihren Aufenthalt -hier? Erst als sie einen Blick ans den Postabschnitt ge» Svorfen und dort Frida Karger als Absenoerin gelesen, ebbte ihre Aufregung zurück — wie töricht sie gewesen war l llnd dann fotu Freude und Dankbarkeit über sie, daß es doch jemand gab, der an sie mit Zuneigung dachte, der sie erfreuen wollte.
Selbstgcbackcnes Marzipan und Konfekt schickte das alte Fräulein, einen selbstgeklöppelten kleinen Spitzenkragen und dazu einen so lieben, herzlichen Brief, daß Anne-Marie die Tränen in die Angen traten. Es tat ihr leid, daß sie nicht auch daran gedacht, dom alten Fräulein eine kleine Freude zu -machen, und so holte sie sich Tinte nnd Papier, nnt ihr wenigstens jetzt noch einen Brios zu schreiben.
Fräulein Karger fühlte sich so wohl in ihrer Stellung, hing schon so sehr an ihren jungen Pflogebofohle- neu, daß sie nicht genilg Worte des Dankes finden konnte. llnd dann machte sie Anne-Marie den Vor- -- schlag, auch nach Dresden zu kommen, falls sic in Berlin sich noch nicht bofriedigeird eingerichtet hätte, sie würde doch dann an ihr. an dem Hause, dem sie jetzt Vorstand, und das Viole gute Beziehungen hatte, einen Anhalt finden. Aber das wollte Anne-Marie nicht, sie wollte nicht schon nach kurzer Zeit Berlitt verlassen, wenn sich ihr nicht gerade anderswo etwas ganz Sicheres bot. Und dann — sie hotte an Christine geschrieben, daß sie nicht in Dresden sei.
Sie konnte der Versuchung nicht tviderstehen, 'kein Brios an Fräulein Karger ein kleines Briefchen an die Freundin beizufügen, nur ein kurzes Lebenszeichen, Grüße und Wünsche für das neue Jahr, die sie auch an Karl-Friedrich wcitergeben sollte.
*
Das nette Jahr ftttg für Anne-Marie mit einer Freude an. Sie erhielt vom Verein „Bienenkorb" die Odachricht, daß alle ihre dort ausgestellten klein«: Arbeiten verkauft seien. Und dann hielt sie mit einer ganz eigenen, scheiten Freude ihr erstes selbstverdientes Geld — fast 100 Mark, in Händeit. Es war doch ein Anfang, ein Hoffnungsstrahl, und gab ihr Mut, auszu- harren und weiterzüstreben.
Die Pension Medinger füllte sich bald nach ssieujoHr wieder, und zu den alten Insassen war ein netter Gast, ein Fräulein von Kammler, gekomnten, ein bildhübsches.
