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Samstag, 19. Zebruar 191b.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 84. . 64. Iahrgang.
Der vorderasiatische «riegrschauplatz.
O Berlin, 18. Februar.
Die Besetzung von Erzerum -durch Die Russen ist ein Ereignis, das militärisch vielleicht nicht sonderlich schwer wiegt, dessen politische Wirkungen jedoch ins Äuge gefaßt werden nrüssen. Man -hat bei uns bisher nur wenig -von den Vorgängen in Armenien vernommen, man weiß jedoch, daß das Land von -aufrührerischen Zuckungen erschüttert wird. Die Pforte hat sich offenbar gegen planmäßig vorbereitete Aufstand sbewegungen zu wehren gehabt, und es mag dabei nicht immer glimpflich zugegangen sein. Einzelheiten sind nicht bekannt geworden. Was die englischen Lügenberichte, die namentlich ans das unwissende Amerika Eindruck gemacht zu haben scheinen, über diese Zustände mitteilten, muß als wertlos gelten, solange für diese oft sinnlosen Übertreibungen nichts bürgt als die Darstellung gewissenloser Hetzer, die dem Schauplatz der Ereignisse vermutlich niemals näher waren, als wir selber cs sind. Indessen kann man wohl annehmen, daß die r u s s i s ch e Wühlarbeit m Armenien Erfolge gehabt hat, und darunr wird der Einzug der Russen sn Erzeruni nicht als gl e i ch- g.ü.ltig anzusohen sein. Das Vordringen des Groß- sürsten Nikolai in das armenische Hochland darf nun aber nicht als vereinzeltes Ereignis betrachtet llverden, es hängt vielmehr mit dein ganzen Feldzugsplane unserer Feinde in Vorderasien zusammen, und es ist offenbar daraus aerichtet. die Gewinne, die durch das verfehlte Unternehmen an den Dardanellen nicht zu erzielen waren, ans Umwegen doch zu erreichen. Me Festsetzung der Engländer und der Franzosen in Saloniki, das Vordringen der Russen in Armenien und in Nordpersien, die sich wiederholenden Angriffe der Engländer gegen die türkischen Truppen in Mesopotamien, der Versuch der Russen -vom n o r d w e st l i ch c n Persien her eine Verbindung mit den Engländern an -der Jrak- front herzustellen, dies alles bietet das Bild eines umfassenden Planes, der darunr, weil er von seinem Gelingen weit entfernt ist. noch nicht als bedeutungslos beurteilt werden darf. Wenn die Feinde an Saloniki gleichsam kleben bleiben, wenn sie sich am Tigris mehr Niederlagen als Erfolge Halen, so zichen sie doch Kräfte ab. und -das fällt mit ins Gewicht. Wir dürfen das ruhig sagen, weil die G e- samt läge es durchaus rechtfertigt, mit unerschütterlichem Vertrauen auf -das Ende zu blicken und -die Zwischenglieder, die uns von diesem Ende noch trennen, als unvermeidliches Zubehör zu der großen Aufgabe zu würdigen. Selbst wenn sich Gewinn und 33 e r I u ft. für die Pso r t e nur ausgleichen, -wäre auf dresem Krr-sgsschauplatz, der ja niemals der entscheidende sein kann, schon viel erreicht: aber der Gewinn über- wisgt durchaus, und die Vertreibung der Feinde von den Dardanellen wird -wahrscheinlich nicht einmal von unseren Gegnern als ausgewogen -durch die Ein- 'nähme von Erzerum gelten. Allerdings mag man in Petersburg hierüber anderer Meinung sein als in Lon- don, Was -den Russen ja nicht weiter zu -verübeln wäre. Dem an den Meerengen geschlagenen Groß- britannien -können sie jetzt schadenfroh mit einem Srege kommen, der -vom russischen Standpunkte ans überdies die Annehmlichkeit -darbietet, daß mit den Engländern nicht geteilt zu werden braucht. In Wirklichkeit wird über das Schicksal Armeniens nud auch Persiens auf anderen Kriegsschauplätzen entschieden werden,.und Ävar in Europa, aber zunächst nrög-en sich die Rüsten bcgreifficherwerse in der Vorstellung gefallen, daß sie behalten werden, was sie schon erworben zu haben alauben, und das ' geht schließlich gegen den ewigen Rivalen England ebensogut wie gegen -die Pforte. Je w e i t e r die Truppen des Grohffirsten Nikolai in >den avmcnffch-persischen Gebieten vorrücken, desto schwüler wird den Eng- ländern zumute werden müssen. Indessen haben wir einstweilen und Wohl nock, auf lange hinaus nicht init den letzten weltpolitischen Folgerungen aus den sehr wichtigen Vorgängen in Vorderasien zu tun son- dern es handelt sich um die unniittekbare Kriegslage und da wollen wir anerkennen, daß es sich in der Tot nicht bloß um einen. Nebenschauplatz -handelt. Um so drrnaender wird die Aufgabe sein, die Entschei- düng.dort zu suchen, wo sie mit in unsere Zand gelegt fft, an unseren Grenzen in Ost und West.
Der amtliche türkische Bericht.
Der Verlust von Erzerum wird noch verschwiegen.
W. T.-B. Konstantinopel, 19. Felb-r. (Nichtamtlich. Draht-
bericht.) Das Hauptguarticr meldet: Au der I r a k f r o n t bei Kut-el-Amara Artillerie- und Jnfanteriefeucr. Im Abschnitt von Felahir wurden feindliche Kräfte, die auf das rechte Ufer des Tigris vorstoßen wollten, nach dreistündigem Kampfe gezwungen, zu weichen und wurden bis in
die zweite Linie ihrer Verschanzung verfolgt. Nach dem Kampfe mit einer feindlichen Eskadron floh diese unter Hinterlassung von mehr als 30 Toten. In Persien, südwestlich Hamadan, wurden die Russen, die Khengaver anzugreifcn versuchten, nach einem Gegenangriff unserer aus persischen Freiwilligen bestehenden Abteilungen verjagt. Sie erlitten beträchtliche Verluste.
An der K a n k a s u s f r o n t nichts von Vedeutung.
An den Dardanellen schoß ein feindlicher Kreuzer und Torpedoboote aus der Höhe vor den Meerengen am 15. und 16. Februar einige Granaten ab. Sie zogen sich daun nach Erwiderung unserer Batterien zurück. Drei feindliche Flugzeuge, die die Meerengen überflogen, wurden durch unser Feuer vertrieben.
Der russische Bericht zum Fall Erzerums.
W. T.-B. Petersburg, 19. Febr. (Nichtamtlich.) Im amtlichen russischen Bericht heißt es: An der Kaukasusfront wurde festgestellt, daß während des Sturms auf ein Fort erster Linie von Erze rum wir noch 29 Kanon-e-n erbeuteten, u-nd daß Wir in der Gegend eines einzigen, im Norden gekegenen Forts -von Täfta, 20 Werst von Erzevilm, 39 Offiziere und 1413 Askari-S z-u Gefangenen machten. Unsere Truppen halten die Festung Erzerum beseht. Wir begannen mit der Zählung der Gefangenen und der Beute, die wir gemacht haben. Tie Stadt Erzernm stcbt an verschiedenen Punkten in Flammen.
Der Hauptkerl der türkischen Strcitkräfte in Sicherheit?
Der Widerhall in'der russischen Presse.
Br. Stockholm, 19. Febr. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln. Delcgramim unseres Sonderberichterstatters.) Während die Petersburger Telegraphenagentur tm neutralen Auslartd die Besetzung E r z e r u m s aufzuibauschen versucht, legen andere russische Stimmen dem Ereignis geringere Bedeutung bei. Der offiziöse „Rcgierungslbote" schreibt: Die Türken konnten bei ihrem Rückzug von der Festung fast alle -leichteren Kanonen mitnehmen. Die Garnison ver-m-ochte cibensalls ihre Haupt st örke zu retten, weil die Festung nicht belagert, sondern im Sturm genommen -wurde. Der Abzug vollzog sich mit einer von den Russen unerwarteten Schnelligkeit. Der „Rußki Invalid" nennt die Einnahme ein unerwartetes Wunder. „Djen" bereitet -auf große russische Verluste vor. Die Erstürmung einer solchen starken Festung fei stets mit großen Verluste-l> verbunden und überdies kärnpften die Soldaten tief im Schnee bei 25 Grad Kälte. Die Kurden harrten lange in der Festung aus, daher sei es nicht anzunehmen, -daß di-e Russeuheer-e ihren Siegeslauf fovtsetzen könnten. Zunächst wäre die Heranziehung von Verstärkungen nötig. Die Heeretverftärkung aber sei bei dem schwierigen Gelände äußerst zcitr-arb-er-d. Die „Dörsengeitung" richtet Kommentare an di-c englische Adresse und nennt den russischen Erfolg die Rettung Ägyptens. Der offenbare Zweck ist, die Stimmung -aufzubessern. Jedoch verfehlt die Nachricht ihren Zweck. Tie Nachricht wird in den weitesten Kreisen mit Ruhe ausgenommen.
Der Nrieg gegen England.
Die neue englisch-französische Ausländsanleihe.
Ein amerikanischer Bankier sucht vorerst Aufklärung in London und Paris.
Rotterdam, 19. Febr. (Zens. Bln.) „Central News" melden ans New Hovk: Wie verkantet, sichen- die
Finanz-Abgeordneten Englands und Frankreichs zurzeit wieder <in Verhandlungen mit den maßgebenden Finanzleuten -der New Iovker Börse, um eine zweite Anleihe, diesmal im Betrage von einer M illiarde Dollar, in -den Vereinigten Staaten. unterzubringen. In Finanzkreffen -glaubt -inan jedoch nicht, -daß sich die Vereinigten Staaten unter -den jetzigen Unrständen zur Aufnahme einer so hohen Anleihe bereit finden -werden. Voraussichtlich dürfte der Betrag «der Anleihe, wenn eine solche überhaupt zustande kommt, bedeutend geringer auss-allm. Asguith will am 21. Februar eine 8-Milliarden-Anl-ei-he cinbringen.
W. T.ll. London, 19. Fchr. (Nichtamtlich.) Der „Times" zufolge erregt der Besuch -des amerikanischen Bankiers imd Präsidenteil der Federal Reserve Bank, Benjamin Strang, in London lebhaftes Interesse. Man glaubt, daß Strong gekommen ist, uni das Kriegs- finanffystem der Alliierten zu studieren. Str-on-q hat sich einige Tage nach Paris -begeben, von -wo er nach London zurückkehren wird.
Ein schwedischer Professor zu Sir Holdcns Fragen.
Stockholm, 19. Fcbr. (Zens. Bln.) Der schwedische Nationalökonom Professor Cassel schreibt z-u den z-ehn Fragen, die Si-üd Edward Holden an Dr. Helfferich Schichtet hat: „Diese Fragen t-ra-gen natürlich die Spuren obres geübten Bankmannes, aber auch in erstEnenswertem Grade die eines oberflächlichen Lesers einer phantasierenden Presse. Unverkennbar leuchtet daraus das Bestreben hervor, sich selbst, seinem Volk -und der übrigen Welt die Kriegslage
Englands und seiner Verbündeten in ein günstigeres Licht zu stellen als die Wirklichkeit zeigt. Man sollte wirklich meinen, daß ein Land, das eine so furchtbare Zeit durchwacht, w« Enajüand jetzt, zunächst ein Bedürfnis haben müßte, der Wahrheit so nähe wie möglich zu kommen. Hat man in England seit Khie-gSauSbriuch einen einzigen ernsthaften Versuch -gemacht, objektiv die Stärke von Deutschlands Widerstandskraft z>u prüfen? - Diese einzige Frage -scheint mir schwerer zu wiegen als Sir Edwards z-öhn zusammen. Hildens Ausmalung der verzweifelten Lage des -Gegners bezweckt, daß der Friedenswille, der sicher-lüch aus beiden Seiten latent ist, nicht zar der Macht anwachsen kann-, dhe er durch Nachdenken der Allgemeinheit über ein zweckloses VerMiten werden könnte."
Bewaffnete Handelsschiffe.
Die neueste Auffassung der Washingtoner Regierung laut Rciltcr.
W.T.-B. Washington, 19. Fcbr. (Nichtamtlich. Verspätet -ein-getroffen. Reuter.) Eine hohe Autorr- tät des Staatsdepartements erklärte: Die Vereinigten Staaten weöden anerkennen^ baß -die Entente nach dem Völkerrecht berechtigt ist, .Handelsschiffe sür -die V e r t e i d i -g u n g zu bewaffnen. Wenn also -die Ententsmächte sich weigern, -den Vorschlag, die Handelsschiffe zu entwaffnen, anzunchmen, so kann die Qnierickanrsche Regierung die Absicht der Mittel- -m ächte, bewaffnete Handelsschiiffe zu torpedieren, nicht g u t h e i ß e n. Das Staatsdepartmnent 'hat zu verstehen gegeben, es beabsichtige nicht selbst bas Gesetz über die Bewaiffnung -von Handelsschiffen -abzuändern, da -dies nicht ohne die Zu-stimnrung aller beteiligten Mächte geschehen könne. Wer es wende vielleicht -die Instruktionen an die Hasenbehörben ab- ändern und Schiffen die Ausklarierung gestatten, die mit Kanonen eines Kalibers ausg-estattet sind, das mir zur -Verteidigung geeignet fft.
Lanfing erbat durch Vermittlung Bernstorfss van Deutschland die Zusicherung, daß es seine Politik des Versenkens vou bewaffneten Handelsschiffen nicht ans solche Schiffe ausdehncn werde, die R c i s e n d e transportieren, selbst wenn diese bewaffnet sind, jedoch seststeht, daß diese Bewaffnung lediglich zu Verkeidi-
J j hi p rf mi rtrfVfiirfti.
Lanfing über die letzte deutsche „Lusitania"- Formel.
Rr. Haag, 19. Febr. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Reuter meldet aus Washington: Lanfing teilte Briand mit, daß die letzte deutsche Formel zur Regelung des „Lnsitania"-Konflikts für die Vereinigten Staaten nur insofern annehmbar sei, als die betreiff-ende Regelung den speziellen Fall mit der „Lufitania" betreffe.
Aussuhrerlaubnis sür die größeren englischen Schisse notwendig.
W. T.-B. London, 19. Fcbr. (Nichtamtlich. Dvcchtbenich-t.) Die „GcHette" zeigt an, daß vom 1. März ob keine briti- fchien Schiffe über 5009 Tonnen ohne Erlambni-s wnsfahren dürfen. >
Die ironische Feststellung eines angesehenen englischen Blattes.
Tie Nachahmung der verhaßten deutschen Einrichtungen.
W. T.-B. Manchester, 19. Febr. (NichtaMklick». Dvahtbe- picht.) Der „Mmrchester Guardian" schreibt >in einem Leitartikel: Wer würde jetzt z-irgeben, -daß man jetveLs wieder rnit Deuffchvaitd zn tun haben loollte; aber wer möchte ernstlich auf die Daulerhffitiykellt dieses Beschtnffeö hauen, die deutschen Wauen zu boykottieren, wenn Europa wieder in das alte Gleis des Frisedens znrückgekehrt ist? Gerade jetzt »nicht der Krieg die deutschen Grundsätze eberffo poprülär wie Deutschland verhaßt. Wir sollen die deutsche Disziplin, die deutsche Geringschätzung persönlicher Fr-scheit, den dsut- fchen MWarismus und jetzt äuch den detukschen Schutzzoll annehmen, imr um zu- b-eweiien-, daß wir alles Deutsche hassen uird um die Überlegenheit des L-riKschen Geistes zu v«Mu- schwuilichen. _
Die Lage im westen.
Belgiens Beitritt zum Londoner Vertrag bevorstehend.
Genf, 19. Febr. (Zens. Bin.) Der „Corriere della Sera" will aus London erfahren haben, daß der Vierverband bei der belgischen Regierung in Le Havre Schritte unternommen habe, um den Beitritt Belgiens zum Londoner Pakt über den Friedensschluß zu erwirken. König Albert habe bei der Slnwescnheit Lord CurzonS in Le Havre bereits sein Einverständnis erklärt, die Verkündigung des Beitritts werde demnächst erfolgen. *
Das große Beispiel — Deutschland.
Mahnende und warnende französische Stimmen.
Wir habenlunS daran gewöhnt, daß die feindlich« Presse ihrer Regierung und ihren Völkern Deutschland als unerreichtes Beispiel hirfftellen mutz, Mtd gerade dcShM» m ohnmächtiger Wut &ej anderer Gelegenheit fcj&e,
