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§ Der Roman, i

f=»i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

nt. 41.

Zreitag, 18. Zebruar.

1916.

(8. Fortsetzung.)

Machdruck verboten.!

Noman von Jlse-Dore Tanner.

Prinzessin Anne-Marie war nun schon -drei Wochen in .der Pension Modinger in Berlin und in gewissem Sinn ein ge lobt, wenn sie sich auch noch immer wie ein vom Stamme losgerissenes Blatt vorkam und noch weit davon entfernt war, ihr Loben befriedigend eingerichtet zir halben. Eines setzte sie immer von neuem in Er­staunen, wie schnell hier in Berlin das Geld ausgogelben war. Nachdem sie sich damals am Tage ihrer Ankunft mit Wäsche, Kleidern, einem Wintermantel versehen, ihre Pension inr voraus bezahlt und noch allerlei Mal- nnd Zcichenutonsilien eingokaust hatte, war von den ersten 1000 Mark ihres kleinen Vermögens nur noch sehr wenig übrig, und der Rest schwand schnell, da sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich den langent- behrten Genuß guter Konzerte und Theater zu gönnen.

Sie gestand sich selbst mit Beschämung ein, daß sie in ihren Lebensgewohnheiten noch viel zu sohr Prin­zessin von Jllbuvg-Wiesenheim und zu wenig das siuiple ßrmtlein Müller war, das sie doch fortan vorstellen wollte. Sie hatte es bis jetzt noch nicht Wer sich ge­winnen können, einen anderen wie den ersten Platz im Theater 311 nehmen, eine andere Fahrgelegenheit wie ein Auto zu benutzen. Das mußte anders werden, denn sie wollte doch ihr kleines Kapital nicht verbrau­chen, sondern den größten Teil als Notgroschen zurück­halten.

Sie hatte in der kurzen Zeit noch nicht vrel Versuche auf dem Geibiete der Frauenarbeit machen können, und die wonig-on waren mißglückt, aber sie hatte manches gehört von den anderen Pensionären der Frau Justiz- rat, von denen mchrere, wie sie auch sich hier in Berlin eine Existenz gründen wollten.

Fräulein Karger, sine ältere, sehr elend aussehende Dame, die das bescheidenst-' Zimmer der Pension Medin- ger bewohnte und mehr als einfach gekleidet ging, hatte Anne-Marie mit Tränen in den Augen ihr Leid geklagt: Sie suchte soit vier Wochen eine Stelle als Er­zieherin und bekam keine, da sie kein Examen gemacht und andererseits für vorschulpflichtige Kinder zu alt war.

„Ach, und auch für die will man heutzutage eine ge- piüste Kindergärtnerin oder Pflegerin haben", sagte sie traurig, „ich wüvde ja auch gerne meine Ansprüche zurückschraWon und einen Posten als Wirtschafterin, als Stütze annchssi.en, aber wenn ich mich vorstelle, werde ich abgewiesen, ich sehe nicht kräftig genug aus. Und wenn ich bis zum ersten November nichts gefunden habe, so kann ich ins Asyl .für Obdachlose gehen, ich bin am Ende meiner Mittel, ich stamme noch aus der Zeit, wo die Mädchen guter Familien nichts weiter sein soll- tcn als Haustöchter, die entweder heirateten oder hWsch dccheim bei den Eltern blieben. Wenn dann der er­wartete Freier nicht kam, die Eltern starben und kein oder nur wenig Vermögen da war, so mußten sie auf ihre alten Tage sich unter Freunden herumstoßen, buch- stiOlich hernmstoßon, denn wenn man nichts ordent­lich gelernt hat, so kann man auch keine Ansprüche

machen. Ja, da haben Sie es, die der jüngeren, tat­kräftigen, fürs praktische Leben erzogenen Generatro» angchören, viel viel besser." ..

Und Anne-<Marie mußte «daran denken, daß Frau» lein Karger nicht ahnte, daß wohl niemand weniger wr» sie für dos praktische Leben erzogen war. Das alte, seine Fräulein tat ihr unsäglich leid. Sie half ihr die Zeitungen und Zeitschriften nach passenden Stellen durchsuchen und grämte sich mit ihr Wer jeden Miß­erfolg. Sie nahm sich vor, ihr, wenn's zun: Äußersten kommen sollte, mit einen: Darlehen zu Helsen.

Anne-Marie selber hatte, wie gesagt, mit ihren Be­strebungen bis jetzt nur Mißerfolge gehabt. Tie Kunst­anstalten, denen sie ihre kleinen Entwürfe für Tisch-, Menü- und Postkarten anaebotcn hatte, hatten sie um­gehend wieder zurückgeschickt, und die eine hatte ge­schrieben, .daß zwar einige ganz nette, Talent verratcnds Sachen unter dem Eingesandtcn seien, daß sie aber doch nicht originell genug wären, und vor allen Dingen nicht in der für ihre NeproduktionsAwecke geeigneten Technik hergestellt. Das entmutigte Anne-Marie sehr, und sie ging ernsthaft mit sich zu Rate, ob es nicht für sie das Beste sei, erst noch im Verein der Künstlerinnen Unterricht in den verschiedenen Techniken zu nehmen, aber sie konnte sich.vorläufig :wch nicht entschließen. Um wenigstens etwas Arbeit, Anregung und eventuell Ver- dienst zu haben, trat sie den: Franenerwerbsverein

.^Bienenkorb" bei, für dessen Weihnachtsmesse sie nun alle möglichen kleinen Gegenstände malte. In: übri­gen las sie fleißig die Annoncen der in Frage konMen- den Zeitungen und Zeitschriften und hoffte, daß sich irgendwie etwas Passendes für sie finden werde, viel­leicht ein Posten, auf dem sie ihre Sprachkenntnisse der- werten könnte. Es war gewiß ganz gut, daß «das Schick­sal sie gerade in diese Pension verschlagen hatte, wo sie an anderen erwerbenden Frauen lernen konnte, ihre Ansprüche möglichst niedrig zu schrauben und anderer­seits sich nicht gleich entnmtigen zu lassen.

Kurz vor Ablauf ihres ersten Monats in Berlin hatte Anne-Marie die Freude, Fräulein Karger zu einer Stelle zu verhelfen. Sie fand in einer großen Dres­dener Zeitung ein Inserat in dem zur Erziehung größerer, mutterloser Kinder eine ältere Dame gesuchi wuvde, uW veranlaßte Fräulein Karger, hin zu schreiben, uW wider alles Erwarten des schon ganz mutlosen, alten Fräuleins bekam sie eine zusagende Antwort und sollte schon am 1. slkovember nach Dresden kommen. Sie war nun von so unbegrenzter Dankbar­keit und Ergebenheit für Anne-Marie, daß diese sich ernsthaft überlegte, ob sie nicht wagen könne, durch Fräulein Karger Wer Dresden ein Lebenszeichen an ihren Bruder oder cm Christine Raupach gelangen zu lassen, bei 'frenen ihre Gedanken so oft voll schnwrzhafter Sehnsucht weilten.

Einen Dag vor Fräulein KargerS Abreise passierte

S n etwas, das sie veranlaßte, ihren Entschluß auKzir- ren.