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| j' '^ l Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i»

Nr. 40. Donnerstag. 17. Februar. 1916.

15. Fortsetzung.!

f sAachdnuk uetBolen.!.

Vtoman von Jlse-Dorc Tanner,

„Wir wissen nichts von Anne-Marie", sagte Karl- Friedrich. „Anne-Marie ist, indem sie ihrer Jungfer sagte, daß sie hierher führe, von hem Bahn-Hof -der Hauptstadt aus abgereist — und niemand weiß, wohin. Ich aber, Durchlaucht, ich kann gar nicht glauben, -daß sie so ganz allein in der Welt umherreist oder irgend­wo Aufenthalt nimmt, ich — ach Durchlaucht, ich hoffe, daß sie Sie in ihre Pläne eingeweiht hat, daß Sie wissen, wohin sich meine unglückliche Schwester wandte."

„Anne-Marie — unglücklich — Prinz Karl- Friedrich", — dann, sich erinnernd, wie -die Freundin V unter der eigenwilligen Art des Vaters und feiner Mei­nen Gemahlin gelitten, fügte sie hinzu: „Es muß etwas «geschehen sein, das Anne-Marie nicht ertragen konnte, sonst — sie war immer, trotz allem und allem Schweren, so stark und so mutig."

„Ich sehe noch nicht ganz klar — Durchlaucht, aber ich -weiß, daß Fürst Beerbach um Anne-Marie warb, daß sie ihn ausschlug — aber das wäre noch kein Grund zu einer-" das Wort wollte erst nicht über seine Lip­

pen — „einer Flucht gewesen — ich fürchte — tttetn Water wollte sie, von Fürstin Agnes unterstützt, zur Ehe mit ihin Mingen — das ging über die letzte Grenze des Ertragens."

Die junge Fürstin war jäh erblaßt und zog den dünnen Schal noch enger um ihre schmalen Schultern. AnneiMarie, ihre Anne-Marie allein in der Welt — der fremden, kalten Welt — das war eigentlich ein Bild, das Christine sich gar nicht vorstellen konnte.

Mit gespanntem Ausdruck hingen die Augen des Erbprinzen an ihrem Antlitz — sie sah, wie er auf die letzte, leise gehegte Hoffnung wartete, daß sie wußte, wo Anne-Marie zu suchen fei. Aber sie schüttelte den Kopf lund erwiderte leise: „Es schmerzt mich so, Prinz Karl- Friedrich — ober so weit hat Anne-Maries Vertrauen nicht gereicht" — oder, sie gedachte ihrer eigenen Schwäche, für sich selbst, geschweige denn für andere ein­zustehen: „Oder, sie wollte mich nicht in einen Zwiespalt bringen, unter dem ich leiden würde — ich weiß nicht, wo Anne-Marie ist, ich kann mir auch nicht iin min­desten denken, wohin sie sich gewandt. Es kam ein Paket an mich mit einem Brief, dessen Jrchalt mich erschreckte -und befremdete, Anne-Marie bat mich, ihr liebe Sachen so lange für sie auszubewahren, bis sie sie von mir zu- rückholen lasse. Sie reise ab, schrieb sie weiter, und würde vielleicht später von sich hören lassen. Ich sollte nicht traurig sein, ste sei zu dem Entschluß gekommen, sich ein eigenes Leben zu schossen, -das Leben des Zwan­ges auf W-iesenheim ginge über ihre Kraft-"

„Und weiter nichts?" Des Prinzen «Stimme war ganz toirlos.

.Mein, mein Prinz — weiter nichts."

Ein tiefes — banges Schweigen.

„Ich kann ste verstehen und ich muß ste beneiden", -sagte Fürstin Christine nach einer Weile, und ihre großen schönen traurigen Augenne bückten an Karl-

Friedrich vorbei ins Leere, wo ihre eigene Vergangen­heit: der Zwang zur Ehe mit dem ungeliebten, ihr so wes-ensfrsiuiden Mann, ihre kurze, freudlose Ehe vor ihr aufstieg. Sie war sich oft so zertreten, so klein vorge­kommen — weil sie sich nicht hatte aufraffen können, weil sie sich nicht «hatte durchsetzen können, ihr eigenes Leben leben zu können. Es «wäre ja bej ihr «um -den gleichen Preis gegangen: allein in der Welt stehen, hinein in Kreise, die ihr in ihrer Lebensstellung als- Fürstentochter so fern und fremd waren. Dazu -hatte Christine einfach die Kraft gefehlt, die körperliche sowohl wie die seelische.

Karl-Friedrich, «mit seinen eigenen kummervollen Ge­danken beschäftigt, blickte plötzlich aus — wie ein Hauch hatten ihre Wort — „und ich muß sie beneiden" — sein Ohr gestreift, und doch brannten sie «mit einem Male in seinem Herzen!

Christine Raupach beneidete seine arme heiuratlose Schwester um die Kraft und den Mut, den sie mit die­sem Schritt gezeigt hatte. Nicht die Beute eines ver­leibten Mannes -wollte sie sein, der sein Leben genossen hatte und nun für sein Haus, das ihm jetzt zu bewohnen einfiel, eine repräsentierende Herrin und für sich eine schöne, kluge -Gattin suchte, dazu stand ihr ihre Würde zu -hoch —-

„Und Anne-Marie hat auch Ihnen nichts mitgeteilt, Prinz Jllburg?" fragte die Fürstin.

„Gleichzeitig mit der Depesche seines Vaters erhielt ich einen Abschiedsbrief von il)r — sie schreibt, daß sie am Ende des Ertragens sei, daß sie, um vorläufig Mit­tel zu haben, das Patengelchcnk der Tante Amalie, 5000 Mark, mitgenommen habe -— — aber nicht, wohin sie reisen würde."

„Mer «daS Geld geht doch mal zu Ende", sagte Christine besorgt, die keine «große Rechenkünstlerin war.

„Ja, Durchlaucht, damit scheint Anne-Marie ganz vertraut zu sein, sie hat «nur mitgeteilt, daß sie sich eine Existenz gründen will und feste vernünftige Pläne hat", erwiderte Karl-Friedrich, der, beruflich tätigen Frairen- kreisen absolut fernstehend, selbst keine Ahnung hatte, was Anne-Marie wohl beginnen würde.

„Mer sie kann doch nicht für Geld arbeitend Christine schlug ganz entsetzt die Hände zusammen.

„Ja, das scheint sie doch zu wollen." , /

Christine schüttelte den feinen Kopf mit der gold­glänzenden Haarsülle. „Wie sie das nur anstellen mag — und wo sie nun wohl wohnt — und «doch, wie glück­lich muß das machen, wie viel Frieden muß das geben, wenn «man so unbekümmert um alles andere den Wog gcht, der einem der rechte scheint."

Karl-Friedrich stand aus, ging einmal durch «daS Zimmer und blieb dann vor der jungen Fürstin stehen. Und er wußte -mit «inmn Mate, wie trostlos auch dieses anscheinend glänzende Frauenschicksal war, ein unge­liebter, jähzorniger. liederlicher Mann, eine herrschsüch-