Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. « 5—.- i
_Nr. 59. _ Mittwoch. 16. Kebruar. 1915 .
Sortsehung.) (Nachdruck verboten.)
Roman von Jlfe-Dore Tauner.
„Bitte, Vater, der Brief war nur für mich, und ich gelbe 'btt mein Ehrenwort, das; er weiter nichts citthält als die Mitteilung 'der Tatsache, daß sie Wiesenheim verläßt, um nie wieder zurückzukehren."
„Gib mir den Brief, ich will ihn lesen, Karl- Friedrich."
„Wenn ich dir mein Ehrenwort gebe, daß der Brief nichts weiter enthält, keinen Fingerzeig, wohin sie gegangen, so wird dir das genügen — Erbprinz Karl- Friedrich von JWuvg-Wiesenheim sagt keine UMvahr- heit." ,
, Seine Stimme hatte, während er sprach, an Festigkeit gewonnen und der Fürst ließ die Hand sinken.
„Und sie schrieb dir den Grund?"
„Ja — weil sie zur Ehe mit dem Fürsten Beerbach sollte gezwungen werden."
„Gezwungen!" Der alte Fürst lachte schneidend auf. „Gezwungen? Was das wieder für Phrasen sind — Anne-Marie muß doch einmal heiratetr, und der Fürst ist eine glanzende Partie — früher pflegten Fürstentöchter in derlei AmMlegeicheit.cn lassere Einsicht zu halben."
Karl-Friedrich hatte eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber er bezwang sich und schwieg, beseelt von dem Wunsch, die Situation nicht zu verschlechtern.
„Und was sacht du dazu, daß die allzeit bewegltchen Zeitungen schon am Werke sind, die romantische Flucht der Prinzessin Anne-Marie von Jllburg-Wiesenhenn in ihren Spalten neugierigem Volk zum Frühstück vorzu- setzen?"
„Das ist zwar peinlich, aber nicht zu umgehen, Vater — man wird, falls allzulange davon gefabelt wird, was ich nicht glaiche, eine Notiz lancieren, daß die Prinzessin sich zur Erholung in Italien oder in einem englischen Seebads aufhält."
„Und tot — und deine Kameraden?"
,^ch verstehe zu schweigen, Vater —* und meine Kameraden auch."
Der alte Fürst setzte sich in seinen Stuhl und winkte Karl-Friedrich auch, sich zu setzen. Der zog sich einen Strchl heran rrnd blickte fast gedankenlos tot Zimmer »mrher.
Hier — im Zimmer — ida am Fenster hatte die Gestalt seiner Schwester gestanden, als er zuletzt vor einigen Monaten hier Abschied nahm. Der tiefe Schmerz, schon beim Lesen ihres Briefes empfunden, kamt »nieder über ihn — wo, wo mag sie wohl sein, in der Ferne, itr der Fremde — das stets behütete zarte Fürstenkind — ohne Begleitung, selbst ohne ihre treue Luise »var sie in die kalte Welt hinausgegangen.
Das elektrische Licht strahlte aus der Deckenbeleuchtung, tot Kamin brannte ein loderndes Holzfeuer — warm war es hier und hell, währen- draußen der Herbststurm tobte. Ach nein — hell und warm war es hier Nie Massen, seit die treuen melancholischen Augen der ersten Fürstin sich tot Tode geschlossen hatten.
Ihn fröstelte, er stand aus, schürte das Feuer im Kamin, warf noch zwei große Buchenscheite darauf und kam dann langsam wieder über den Teppich zu seinem Platz.
„Willst du mir helfen, Anne-Maries Aufenthalt zu erkunden, das heißt natürlich ohne jedes Aufsehen — die Polizei darf unter keineir Umständen aufgcboteit werden, »vie wenn man nach bürgerlichen Defrandanien fahndet."
Der alte Fürst schüttelte sich ordentlich bei dem Gedanken, daß die Angelegenheit draußen viel Staub auf- »vnbeln könne.
„Gewiß, Vater, auf jeden Fall."
„Dann besinne dich mal gefälligst, tote man das am besten anstellt."
„Dazu »nicht du mir den Hergang der Siche erzählen —" der Herzschlag dcS jungen Erbprinzen »var so energisch, daß er nur stockend sprechen konnte, „von ident Augenblick an, »vo sie wo sie mit dir zun» letztenmal sprach."
Fürst Karl Mjax besann sich ein Weilchen, dann berichtete er den Konflikt und tvaS er von der Flucht «wußte.
„Und besitzt Anne-Marie Geld?" fragte der Prinz.
,Sie wird wohl ihren Schmuck verkaufen, sie hat sich ja nie etwas aus Schmuck gemacht —das »var auch solche Marotte von ihr."
Der Erbprinz hatte ein Weilchen nachgodacht — dann sagte- er: „Weißt tot, was mir das Beste scheint — ich fahre nach Raupach »wd spreche mit der jungen Fürstin, sie »var Anne-Maries beste und treueste Freundin, und wenn sie sie auch für,diesen Schritt nicht ins Vertrauen zog, so hat sie doch vielleicht bei gelegentlichen Besuchen irgendwelche Äußerungen getan, die wenigstens einen kleinen Fingerzeig geben, wohin sie sich gewendet hat." Bei sich aber dachte er, daß er sich freuen würde, cincir solchen Fingerzeig zu erhalten, daß er aber mit der Mitteilung an seinen Vater sichr vorsichtig sein »vüvde.
Die harten Züge des alten Fürsten hellten sich auf, die Bereitwilligkeit des Sohnes erfreute ihn.-
Karl-Friedrich, der sinn Automobil gang früh zur Fahrt trach Schloß Raupach bestellt hatte, konnte kaamr schlafen. In seinem in einein Anbait des Schlosses best genen Zimmer ging er fast die halbe Nacht ruhests umher dann wieder setzte er sich evschövft in einen der tiefen Lehnsessel, entsailtete Anne-Maries Brief und las Zeile trat Zeile, trotzdem er ihn schon auswendig wußte. Seine Gedanken eilten tlrat voraus nach Raupach und in seinem Herzen lcbte die bestimmte Hoffnung, daß Fürstin Christine ihm irgend welckien Anhaltspunkt geben könne, »vo Anne-Marte zu suchen sei. Es war ja doch undenkbar, daß sie sich nun vielleicht lange Jahve nicht Wiedersehen sollten.
Fürstin Christine Raupach saß in ihrem kleinen Wohnzimmer, dessen zwei mit rosendiirchwirkten Mullgardinen versehene Fenster nach dem Park gingen. Eine lichte Rosentapete deckte die Wände, der Teppich und die
