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r« —-ni Mrgen-Brilage des Wiesbadener Tagblatts, i« ^ .-«i

Nr. 38. Dienstag, 15. Februar.« 1916.

(8. Fortsetzung.)

HllUS'inötiS, (Nachdruck verboten.)

Roman von Jlse-Dore Tanncr.

Es war .bei der Dienerschaft nicht ilicbemerkt ge­blieben, .daß die Kaminerinngfer der Prinzessin die ganze Macht nicht nach Hause gekommen. Das war noch nie passiert und würde auch ihre sofortige Entlassung gur Folge gehabt haben. Als Luise auch am Morgen zur geroahnten Zeit nicht kam, um den Tee für die Prin­zessin zu holen, revidierte die Beschließerin ihr Ziminer und fand das Bett vollständig unberührt. Don einer seltsamen Ahnung getrieben, stieg die alte Frau, die schon der verstorbenen Fürstin tuen' gedient, mit zittern­den Knien die Treppe zu den Zimmern der Prinzessin in die Hohe und klopfte erst zaghaft leise, dann lauter an die Tür. Als alles still blieb, trat sie zögernd, mir angstvoll klopfendem Herzen ein. Als sie das^Bett der Prinzessin leer fand, fiel sie ans den nächsten Stuhl und schlug ausjammernd die Hände vors Gesicht: „Ach Gott, ach Gott, ich hab's ja geahnt."

Fürstin Agnes erblaßte, als Frau Bergmann ihr die Ilbwesenheit der Prinzessirr berichtete.

„Prinzessin Anne-Marie wollte die Fürstin Naupach

besuchen, der Fürst wünschte diese Reise nicht-"

sagte sic zögernd. „Nun. jedenfalls, Frau Bergmanrr, mache ich Ihnen tiefstes Stillschweigerr snp Pflicht., Es kann nichts weiter geschehen, bis der Fürst wieder zurück ist."

In ihrem Innern fühlte sie neben allem Ärger fast etwas wie Bewunderung für die Stieftochter, die es Wagte, dem Dater gegenüber arrf ihrem Willen zu be­stehen. Sie war überzeugt, daß Anne-Marie die Ab­sicht hatte, so lange bei Christine Raripack) zu bleiben, bis der Fürst Beerbach wieder das Schloß verlassen hatte.

Als die Beschließerin zwei Stunden später wieder bei ihr erschien und ihr meldete, .daß Luise, ans der Residenz zurückgekommen sei, wo sie die Prinzessin an den Zng, der nach Raupach fuhr, begleitet halbe, schüt­telte Fürstin Agnes verständnislos den Kopf: es war ihr unbegreiflich, waruni Anne-Marie die Kcmnmer- jungfer nicht mitgenommen.

Es ging ein heimliches Raunen und Flüstern durch Schloß Wiescnhemn und es »rar vergeblich, daß Frau Bergmann unnahbar und scl-weigsam war. Die Dienst­boten steckten die Köpfe zusammen und tauschten Ver­mutungen aus, und es war nicht einer unter ihnen, der nicht die Partei der Prinzessin ergriffen und dem Fürsten den Ärger gegönnt hätte. Es herrschte eine unheimliche Spannung, und es war, als hielte jeder im Schlosse den Ateni an, als der Wagen, der den Fürsten brachte, heranrollte.

„Frau Fürstin lassen Seine Durchlaucht bitten, sich gleich zu ihr bemühen zu wollen", rneldete der Haushosi Meister.

Der Fürst stutzte und seine scharfen Airgen über- flogen einen .Moment die bleichen, ängstlichen Gesichter. „Die Mrstin ist doch nicht krank geworden?" fragte er schnell.

„Nein, Ihre Durchlaucht befinden sich wohl." - v

Der Fürst eilte mit jugendlich elastischem Schritt die Freitreppe empor und trat nach hast!gern Anklopfen in das Boudoir seiner Gernahlin. , , „

Auch sie kam ihm mit merkwürdig blassem, angst- lichem Gesicht entgegen.

„Nun —. ist etwas passiert — Egon?"-

„Egon ist gesund und urunter, mein Freund, aber cs ist allerdings etwas iwrgefallen, was dich erzürnen wird — Anne-Marie hat gestern abend heimlich das Schloß verlassen, um zu Christine Raupach zu fahren, ihre Abwesenheit wurde erst heute früh bemerkt."

Fürst Jllburg-Wiesenheim stand wie vom Donner gerührt. Die Adern an seiner Stirn schlvollen hoch ans und sein Gesicht nahm eine bläuliche Färbung an. Seine Hand lag schwer auf einem der zierlichen Stühle seiner Gernahlin, und plötzlich brach dieser in sich zusammen. Fürstin Agnes stieß einen leisen, erschreckten Ausruf ans und ihr Gemahl murnreltc beschämt: „Verzeih" — er hatte in ihrer Gegenwart feiner Heftigkeit rroch nie- mals die Zügel schießen lassen.

Mit großen Schritten ging er .dann einige Male im Zimmer auf und ab, während die Fürstin ihm mit sanfter, beschwichtigender Stiinme mitteilte, was sie wußte — wenig genug.

Auch das gleich daraus von ihm mit der angstzittern- ben Luise angrstellte Verhör ergab nichts anderes als das Unerhörte, noch nie Dagowescnc: seine Tochter hatte es gewagt, seinem Befehl zu trotzen, sein Verbot einfach zu ignorieren.

'Und mit demselben Zuge, mit dem Prinzessin Anne- Marie <mr Mcnd vorher die Heimat verlassen hatte, führ der vertraute Kammerdiener ihres Vaters nach der Residenz, um dort ein Telegramm an die Prinzessin Anne-Marie von Jllburg-Wiesenheim auf Schloß Raupach anszugeben: „Befehle dir, sofort zurückzn-

koinmen. Dein Vater."

„Wenn sie nicht fatnrnt, werde ich sie holen", hatte ider Fürft ingrimmig zu seiner Gemahlin gesagt.

Wäre das Telegramm in Miesenheim selbst ausge­geben worden, so hätte trotz Dienstgeheimnis die ganze Stadt gleich von der Flucht der Prinzessin erfahren. Für alle Fälle aber begab sich der Fürst in aller Morgen­frühe nach dam Postamt zu einer ernsten Rücksprache mit dem Direktor.

Wenige Stunden später langte aus Schloß Raupach das Aniworttelegrantm an:

„Prinzessin Anne-Marie hier nicht nngekomimen.

Fürstin Raupach."

Fürstin Agnes war i.nr Zimmer ihres Gemahls, als diesem das Telegramm überbracht wurde, und sie er­schrak, wie blaß und verfallen er plötzlich während des Lesens aussah. Ohne ein Wort zu sagen, mit gittern­der Hand reichte er ihr das Blatt herüber, während er fvlbst in finsterem Brüten dasaß.

„Was soll das bedeuten, Karl-Max?" fragte die Mrstin endlich leise, fast zaghaft.