Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 37.
Sonntag» 13. Februar.
I9T6.
(8. Fortsetzung.)
5tnnL-Mavre.
Roman von Jlse-Dore Tanner.
(Nachdruck verboten.)
Sie packte alle jene Dinge, die ihr für die erste Zeit unentbehrlich schienen, in ihre Reisetasche und den kleinen Koffer, ihre Schmucksachen barg sie in ihrer kleinen Umhängetasche. Das Päckchen an Christine sollte mit einem erklärenden Brief erst am Samstag fortgöhen. Auch Christine durfte ebenso wenig wie ihr Bruder wissen, wohin sie gegangen — das war das Schwerste, das; sie auch ihnen, für vorläufig wenigstens, unerreichbar bleiben müßte. Denn wenn auch Christine sie nie verraten würde, ihre Schwiegermutter sah jeden Brief, der in ihre Hände kam oder Schloß Ralirpach verließ, rmd Karl-Friedrich durfte sich einem strikten Befehl seines Vaters nicht widersetzen, sie wollte ihn vor Konflikten, vor einem Zerwürfnis mit dem Vater bewähren. — Den Brief an ihn würde sie dein: Verlassen des Schlosses -in den Kasten stecken.
Mit bitterem Herzweh schrieb Anne-Msirie diesen Abschied sbrief an den geliebten Bruder, den einzigen Menschen, der ihr außer Christine naheftand. Mehrere Male zerriß sie den Bogen wieder, sie ivollte nicht weich werden, auch den Groll gegen den Vater, der auch in Karl-Friedrich schluminerte, nicht zu sehr schüren, so schrieb sie schließlich nur wenige Zeilen:
,Klein lieber Karl-FriedrichI
Wenn Du diesen Brief erhältst, habe ich unsere Heimat verlassen und werde, solange unser Vater lebt, nicht mehr dorthin znrückkchren. Du kennst das Löben, das ich auf Schloß Miesenheim geführt habe, und Du hast oft gesagt, daß Du es nicht ertragen würdest. Nun wohl, auch ich bin cm der Grenze -des Ertvagenkönnens angelangt — lange schon, und der Antrag des Fürsten Beevbach, zu >dessen Annahme man mich zwingen will, war das Zuviel. Ich gehe fort, um endlich einmal mein eigenes Ich zu -leben, zu arbeiten, zu darben meinetwegen, aber doch zu leben. Du brauchst miich nicht zu bemitleiden oder Dich meinetwegen zu ängstigen, mein geliebter Bruder, ich bin so unendlich glücklich, seit ich mich zu dom Entschluß durchgerungen habe, endlich frei sein zu wollen, nUd ich habe alles wohl überlegt und erwogen. Die 5000 Mark oon Tante Amalie Helsen mir über die erste Zeit, bis ick mir eine Existenz gegründet habe. M habe feste und vernünftige Plärre, Du kannst Dich auf mich verlassen, nrein Karl-Friedrich. Gin tiefer Schmerz ist es für mich, daß ich Dich nun für lange, lange Zeit nicht mehr sehen werde, keinen Brief vorr Dir erhalten und keinen mehr an Dich schreiben kann. Das ist der teuerste Preis, den ich für meine Freiheit zahlen muß. Ich danke Dir rr-och einmal für all Deine Liebe und Treue und wünsche Dir von ganzen:, ganzen: Herzen ein reiches und volles Glück, wie Du es verdienst und wie -es ja -doch auch nranchmal uns armen Fürstenkindern bösch'reden ist. Behalte lieb
Deine Schwester Anne-Marie."
Den letzten Tag verbrachte Anne-Marie damit, alle die alten, ihr besonders lieben Plätze noch einmal auf* znsuchen und lange an der Grabstätte ihrer Mutter zu
Verweilen, die sie mit den letzten, schönen Herbst-rosen schmückte.
Erst nach dom Abendessen, das Anne-Marie mit der Fürstin gemeinsam eingenommen und nach dem sie sich unter dein Vorwand heftiger Kopsschinerzen gleich zurückgezogen hatte, rief sie Luise in ihr Zimmer herauf und teilte ihr mit, daß sie sie noch an: selben Abend nach der Residenz begleiten müsse.
„Ich reise zur Fürstin Ranpach, aber heute soll da? niemand erfahren, wir müssen heimlich das Schloß verlassen", schloß sie ihre Mitteilung.
„Ach, du liöber Gott!" stotterte Luise so entsetzt, daß Prinzessin Anne-Marie unwillkürlich über ihr Erschrecken lächeln mußte.
„Wenn du nur eine Spur Liebe und Anhänglichkeit für mich hast, wirst du dein Möglichstes tun, daß uns niemand sieht, es könnte dann sonst sehr, sehr traurige Folgen für niich haben", sagte sie ernst.
„Ach, Durchlaucht, gnädigste Prinzessin, ich will ja gewiß alles gern tun", schluchzte das Mädchen nun auf» .Wenn nur Seine Durchlaucht, der Fürst, nachher —"
„Das loff nur meine Sorge sein, Luise, dich trifft ans keinen Fall eine Schuld, du folgst nur meinen Weisungen."
Kurz nach zehn Uhr setzte sie das einfache braune Filzhütchen auf und band einen dichten Schleier vor. Sie hoffte, daß sie mit diesen: und in dem neuen Kostüm, das hier noch niemand gesehen, vielleicht unerkannt bleiben würde, selbst wenn es einem guten Wiesenhcimcr einsallen sollte, auch noch spät abends nach der Residenz zu sichren.
Punkt einhalb elf erschien Luise, bleich und verstört anssühend. Sie nahm den kleinen Reisekoffer, Prinzessin Anne-Marie griff selbst nach der Tasche, warf noch einen letzten Blick auf ihr Zimmer und ging dann leise mit der Kammcrjnngfcr hinaus. Fast unhörbar stiegen sie die Hintertreppe herunter, die die Prinzessin bisher kann: jemals betreten, und ohne jeniand zu troffen, kainen sie aiuS dom Schlosse und durch,den im tiefsten Dunkel liegenden Garten auf die Straße, die iwch dem Bahühof führte.
Das Städtchen Miesenheim lag schon im tiefsten Schlaf, und die vereinzelten Fußgänger, die sie trafen, sahen sich nicht nach den beiden unscheinbaren Franen- göstaltcn um.
An: Bahnhof schickte die Prinzessin Luise an -den Schalter und ließ von ihr zwei Fahrkarten zweiter Klasse nach der Residenz besorgen. Der Beamte an der Sperre -stutzte zwar, als sie durchgingen und sah ihnen erstcmnt und aufmerksam nach, aber sonst passierte nichts, tvas sie hätte ängstlich machen können, und sie stiegen unbehelligt in den Zug und fuhren der großherzoglichen Residenz entgegen.
*
Anne-Marie töar zunächst wie in: Trauine, aber ge, wohnt, sich, wenn es gglt, gnfznraffen, sie sich.
