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In

Der Hornau

u Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 3b.

Samstag, 12. Kebruar.

1916.

t kl Fortsetzung.!

Knne-Marle.

Roman von Jlse-Dore Tanner.

sNachdruck verboten.!

Prinzessin Anne-Marie hatte recht gehabt, wenn sie vorausgosehen, daß die Unterredung mit ihrem Vater und ihr so bestimmt ausgesprochenes „Nein" noch kein endgültiger Abschluß der mit ihr gehegten Heiratspläne sein würde. "

Es schien, als sollten nun erst recht Kamps und Qual für sie beginnen. Sie erhielt einen Brief des Fürsten Geerbach, in der er zu ihrem Erstaunen schrieb, daß er dre Gründe, die sie bewogen hatten, seiner Bewerbung nicht gleich Gehör zu geben und die die Fürstin Jllburg ihm in ihrem Auftrag mitgeteilt habe, wohl zu würdi­gen wisse. In ihrem Wunsche, ihn erst noch näher kennen lernen zu wollen, läge für ihn eine beglückende Hoffnung, und er sähe mit Freuden den Tagen ent­gegen, die ihn als Gast ihres Vaters zu den großen Jagden auf Schloß Wielenheim dringen würden.

Anne-Marie lächelte bitter — es hätte nicht den ge­ringsten Zweck gehabt, ihre Stiefmutter wegen der An­maßung, in ihrem Auftrag an den Fürsten zu schreiben, zur Rede zu stellen, neue furchtbare Szenen wären die Folge gewesen. Wer nun galt es für sie, zu eilen, denn vis zu den Jagden blieben ihr nur noch vierzehn Tage Frist.

An einenr der nächsten Tage fuhr sie in Begleitung ihrer Kammerjungfer nach der Stadt, angeblich, um notwendige Toilettenbestellnngen und Einkäufe zu machen. Das war weiter nichts Auffallendes, denn in der eigenen winzigen Residenzstadt war es unmöglich, elegantere Sachen einzukaufen, und selbst die besseren Bürger fuhren dazu nach der nahen Hauptstadt des be­nachbarten Grotzhevzogtnms.

Sie kaufte sich auch wirklich ein schlichtes, dunkles Reisekleid und einige einfache Blusen, aber der Haupt­zweck ihrer Fahrt war das Abheben ihres kleinen Kapi­tals, was sie auch ganz unauffällig tun konnte, während sie die Jungfer einige kleine Einkäufe besorgen schickte.

Prinzessin Anne-Marie kain sich sehr reich vor im Besitze der 5000 Mark, die sie, sorglich in einem kleinen Ledertäschchen geborgen, unter ihrer Bluse trug. Stuf jeden Fall hatte sie genug, um sorglos leben zu können, io lange, bis sie sich in einen ihr zusagenden und ein­träglichen Beruf eingelebt hatte.

Nun galt es noch, von ihrem Vater die Erlaubnis erhalten, für „einige Tage" zu Christine Raupach ren zu dürfen.

An, nächsten Tage, als sie beim Nachmittagstee mit ihren, Vater und ihrer Stiestnutter auf der Schloß- tervasse saß und der Fairst offensichtlich in guter, fast heiterer Stimmung war, ,nagte sie die Frage: „Vater, Christine Raupach hat mich eingeladen, du hast doch nichts dageaen. wenn ich sie ans einige Tage besuche?"

Dem Fürsten stieg das Blut ins Gesicht und mit scharfer Stimme sagte er: „Ja, ich habe etwas dagegen. Ich wünsche nicht, daß du vorläufig irgendwelche Reisen unternimmst."

, Fürstin Agnes legte sich in ihrem Sessel zurück und Mlt einen, Lächeln auf ihrem schönen Gesicht meinte sie

— und es war em kleiner maliziöser Unterton in ihre« A^wme: „Es wäre doch auch zu schade, wenn du auf Schloß Raupach womöglich krank würdest oder irgond- cm anderer Grund einträte, der dich verhinderte, zu den ^agden wieder hier zu sein. Wir haben bis jetzt noch keine Wsagen erhalten, und ich hoffe, daß die Tage auch für uns Dcmren die'es Mal recht nett sein werden. ^>ch rechne sehr auf deine Unterstützung bei meinen Pflichten, liebe Anne-lMarie."

Anne-Marie antwortete nicht. Sie war blaß ge­worden und eine lähmende Angst überkam sie — sollte cä ihr doch nicht möglich sein, die drückenden Fesseln äbzustreisen, den Flug in die Freiheit zu wagen? Nein, sie wollte und durfte nicht feige und kleinmütig sein und gleich vor dem ersten Hindernis zurückschreckcn. Wenn ihr erster Plan nicht ausführbar war, so mußte und würde sie einen neuen finden.

Wie trämerisch glitt ihr Blick über das Landschasts- bild zu ihren Füßen. Der Schloßberg fiel unterhalb der Terrasse ziemlich steil ab und gestattete so eine freie, wunderbar reizvolle Aussicht ans das darunter liegende altertünrliche Städtchen, durch das sich ein kleines Flüßchen schlängelte und hinter dom weite Wälder i»n

t erbstlaubschimick sich erstreckten und in blaudunstiger erne höhere Bergketten verschwommen sichtbar ävaren. Ja, ihre Heimat war wunderschön und sie würde sich schinerzvoll nach ihr sehnen. das wußte sie schon jetzt, und doch konnte sie nicht anders, sic mußte sie verlassen, wenn sie nicht ihr freies Men'chentum verlieren, sich an den

ihr auserlegten Fesseln wundreibcn wollte.--

Die Stimme der Fürstin schreckte sie ans ihrenl Sinnen auf: „Übrigens hat auch Karl-Friedrich sein

Kommen bestimmt in Aussicht gestellt; ich freue luich, daß ich ihn dann endlich näher kennen lernen werde."

„Ja, ich freue mich auch sehr, daß er kommt", sagte Anne-Marie mechanisch, nährend sie dachte: „Ich werde ihn nicht sehen, ich werde für viele Jahre, vielleicht nie­mals wieder hier mit ihm zirsmumen sein-"

Als sie dann etwas später wieder eiufanr in ihrem Zimmer saß, zermarterte sie sich den Kopf, wie sie un­auffällig ihre Flucht ins Werk setzen konnte, und ihr blieb nur das eine: bei Nacht und Nobel, wie eine Schuldige, mußte sie das Vaterhaus verlassen.

, Es war ausggschossen, daß sie ihre Kammerjungfer rn irgendwelche Eiinzolheiten ihres Planes einwechte. Luise war ein liebes gutes Ding und ihr sehr ergeben, aber sie war etwas beschränkt und würde inquisitori­schen Fragen nicht standhatten. Und dann beschloß sie. ihr zu sagen, daß sie gegen den Wunsch des Fürsten einen kurzen Besuch bei der Fürstin Raupach machen wolle. Sie würde sie bis zur Residenzstadt, wo sie auf jeden Fall umsteigvn mußte, mitnchmen und sie dann nach Hause schicken, während sie selbst, ohne Christine aufzuisuchen, nach Berlin fuhr.

Schlimmi war nur, daß sie auf den Wagen verzichten nrußte und daher kein größeres Gepäck mitnehmen konnte. Sie mußte sich mit Handkoffer und Reisetasche