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Nr. 35.

Freitag, II. Februar.

1916.

s Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i s r ^ » !

KnneMarre.

Roman von Jlse-Dore Tauner.

^Nachdruck verboten.1

Fürst Karl Max Don Jllburg-Wiesenheim saß ar- beitend an seinem Schreibtisch. Es herrschte bereits Dämmerlicht in dem großen, mit dunkleit Ledermöbeln ansgestatteten Arbeitszimmer, und der Fürst hatte auch die Feder längst niedergslegt, sich bequem in seinen Ledersessel zurückgelegt und rauchte. Er war ein auf­fallend schöner DLann trotz seiner grauen Haare, und sein vollkommen regelmäßig geschnittenes, bartloses Gesicht ließ nicht erkennen daß er bereits in den Fünf­zigern war.

Jetzt drückte er auf den Knopf an seinem Schreib­tisch und fast unhörbar erschien ein alter Diener ouf der Schwelle zum Nebenzimmer: ,/Dnrchlancht be-

schlen?"

„Ich lasse Prinzessin Anne-Marie herunter bitten."

Es dauerte eine geraume Zeit, bis sich ein leichter Schritt im Korridor hören ließ und die Prinzessin nach einem kurzen Anklapfen ins Zirnmer trat. Sie ivar sehr groß und schlank, und ihr Gesicht hatte unverkenn­bare Ähnlichkeit mit dem ihre» Paters, aber trotzdeui war es kamn hübsch zu nennen, denn ihm fehlte d»rs edle Gleichmaß der Züge, die Nase ivar etwas zu lang, die Wangen zu hager, und nur die großen, grauen, etwas verschleierten Augen mit den dunklen Wimpern und Krauen waren wirklich schön.

Sie war schr blaß itnb es lag etwas Ängstliches in ihrer Stimme, als sie fragte: „Du wünschest, lieber Water?"

Der Fürst wies auf den Lehnsessel zur Seite seines Schreibtisches: ,-Getz dich dorthin, Anne-Marie, ich

möchte etwas Ernstes mir dir besprechen. — Es wird dich kaum überraschen", fuhr er dann fort, „daß Fürst Keerbach bei mir um deine Hund anhält, es war riach seinen! Benchmen in den letzten Monaten nicht anders !zu erwarten" — — er hielt einen Augenblick inne, wie, 'um seiner Tochter Zeit zu geben, eine Äußerung zu »nachen. Als sie stunmr blieb und nur seltsam bleich und starr vor sich hinsah, nahm seine Stimme einen härteren Klang an, als er sagte: „Und er ist von uns allen ja auch zu seinen: Antrag ermutigt worden."

E§ ging wie ein Ruck durch Anne-Maries Gestalt, und ihre Stiimne war hart und klar wie die ihres Waters, als sic sagte: „Verzeih', lieber Vater, dieses

„uns" kann sich nur auf dich und die Fürstin beziehen, -ich selbst hcche dem Fürsten stets vollständige Gleich­gültigkeit, ja Ablehnung gezeigt."

Die Aden: auf des Fürsten Stivn schwollen an, nur riOhsam bcherrschte er den Jähzorn, den seine Um­gebung fürchten gelernt hatte und in dein es ihm nicht I darauf ankam, irgendeinen kostbaren Kunstgegenstand gegen die Wand zu schmettern oder mit der Reitpeitsche mach seinen Dienern zu schlagen.

, „Zum Glück hat Fürst Beerbach dein Benehmen nicht als Ablehnung aufgefaßt. Du bist 25 Jahre alt und hast noch niemals einen Antrag bekommen, du bist mrm und nicht hübsch, du kannst Gott auf den Knien tzgnken, daß sich jetzt diese in jeder Bezichung vorzüg­

liche Partie dir bietet, ich müßte dich für wahnsinnig halten, wenn im auch nur den Gedanken haben könntest, sie abzulehnen."

Derselbe Zug unbeugsamen Willens, der für das Ge­sicht des Fürsten charakteristisch rvar, lag ans dem Gesicht seiner Tochter. Ohne Winrperzucken kam die Antwort: „Ich lehne den Antrag des Fürsten ab, ich werde ihn auf keinen Fall heiraten."

Mit voller Wucht schleuderte der Fürst das schwere Papiermesser, mit dein er gespielt hatte, auf den Schreibtisch zurück, so daß es dort von dem Tintenfaß abspmng und in weitem Bogen ins Zimmer flog.

„Und wie denkst du dir deine Zukunft?" schrie ec die Tochter an. —

Prinzessin Anne-Marie wurde noch um einen Schein bleicher: „Ich wollte dich bitten, lieber Vater, mir zu gestatten, in München, Berlin oder Dresden siir mich allein zu leben — ich verlange keinerlei pekuniäre Opfer von dir, ich würde mit dem auskommen, »vas du mir gibst. Ich bin ein selbständiger Charakter, ich-—"

,Mahnsinnig bist du!" Der Fürst war aufgesprun­gen, sein Gesicht war verzerrt vor Wut, und bei jedem Wort bekräftigend mit der Faust aus die Schreibtisch­platte schlagend, schrie er die Tochter an: „Entweder du heiratest den Fürsten oder du bleibst hier. Nie — nie- urals werde ich die Erlaubnis zu irgendwelchen Extra­vaganzen deinerseits geben. Das fehlte auch noch. Ich habe keine Lust, der Welt durch ein Mitglied meines Hauses Stoff für Zeitungsartikel zu liefern! Und soll­test du je wieder solche wahnsinnige Idee haben wie vor sechs Jahren, als du dir einbildetest, diesen — diesen unverschämten Lümmel von Hauslehrer zu lieben, so werde ich dafür sorgen, daß du unschädlich gemacht wirst, da kannst du sicher sein. Ich lasse mich und unser HauS nicht lächerlich machen. Hier herrscht nur ein Wille, und das ist meiner."

Auch die Pvinzessin hatte sich erhoben und stand jetzt ihren: Vater gegenüber, ihre Angen sahen ihn kalt an:

./Hast du mir sonst noch etwas zu sagen, ich möchte mich cnffernen."

„Dir hast zu bleiben, bis ich dir erlaube, zu gehen", seine Stimme überschlng sich fast. „Ja. ich habe dir noch etwas zu sagen. Du hast es nicht verstanden, dir meine zweite Frau zur Freundin zu machen. Von jetzt an werde ich darüber tvachen, daß du ihr mit aller ihr ge­bührenden Hochachtung gegenübertrittst und ihr den schuldigen Gehorsam erwerst. So, jetzt kannst du gehen."

Und während Prinzessin Anne-Marie ruhigen Schrittes über den Korridor ging, an den: zitternden shammerdiener ihres Vaters vorbei, hörte man den Fürsten in seinem Arbeitszimmer hastig ans- und ab- gehen, wie cs seine Gewohnheit ivar, wenn ihn etivas heftig erregte. j

Gerade noch bis sie in ihreni Zimmer angekommen ivar, hielt Prinzessin Anne-Maries Fassung stand. Dort sank sie in den Lehnstrchl am Fenster, barg das Gericht in beiden Händen und weinte bitterlich.