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Verlag Langgaffe 21

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Donnerstag» 10. Februar 1916.

Morgen- Ausgabe.

Nr. 67. ♦ 64. Jahrgang.

weitere Zortschrilte in Albanien.

Nur noch 20 Kilometer von Ourazzo.

Weiter vor gegen Durazzo. Wenige Kilo­meter von Tirana. — Abschluß der Entwaff­nung der Montenegriner.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 9. Febr. (Nichtamtlich.) Amtlich dcrlautet vom 9. Februar, mittags:

Russischer und italienischer Kriegsschauplatz.

Keine besonderen Ereignisse.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Die Vortruppen der in Albanien operierenden k. und k. Streitträstc haben den I s m i f l u ß über­schritten und den Ort P r e z a und die Höhen u o r d- 'oe stI ich davon besetzt. Der Feind, aus Reste» ser­bischer Verbände, italienischen Abteilun- gcu und Söldnern Essad-Paschas bestehend, v erm i ed den Kamps und wich gegen Süden und Süd osten zurück. Nur bei der Besetzung des Ortes Äaljas (8 Kilometer uvrdwcstlrch von Tirana) kam es zu einem kurzen Gefecht, in dem der Gegner ge­worfen wurde. Unsere Flieger bewarfen in der letzten Zeit wiederholt die Truppcnlager bei Durazzo und die im Hafen liegenden italienischen Dampfer er- ersolgrcich mit Bomben.

In Montenegro ist die Lage unverändert ruhig. Tie Entwaffnung ist abgeschlossen.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

preußischer Landtag.

Sitzungsbericht.

(Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener Tagblatis".)

$ Berlin, 9. ge&cunar.

Am Ministertisch: Fuhr. ll. Schorl einer.

Präsident Graf v. Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 3,15 Uhr und teilt mit, daß von Seiner Majestät dem Kaiser ein Danktelegramm eingegangen ist für die Anteil­nahme des Hauses an der Verwundung des Prinzen Oskar.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der ersten Beratung der Gesetzentwürfe, betreffend

Einführung von Schätzungsämtern und Förderung der Stadtschaften.

Abg. Cassel (Vpt,i: In dem bisherigen Schätzungswefen haben sich erhebliche Mängel gezeigt. Es hüben vielfach starke Überschätzungen jtattgefumden. Die Einfüh- uuing kollegialer Seliätznngsämter, wie sie die Vorlage vor­schlägt, bedeutet einen Fortschritt. Ms einen Mangel des Gesetzes milssen wir es aber bezeichnen, daß es keinerlei An­gaben darüber enthält, nach welchen Gesichtspunkten die Schätzungen erfolgen sollen. Wir hoffen, daß in der Kom­mission das Gesetz nach dieser Richtung eine Korrektur er­fährt. Es muß auch Bedacht darauf genommen werden, daß Unterschätzungen iticht Vorkommen. Der Deutsche Städtetag fordert mit Recht, daß die Gemeindebe­hörden Einfluß auf die Gestaltung der Satzungen der Schatznmgsämter haben müssen. Für-dem Verband Groß-Berlin ist ein besonderes Schätzungsamt vorgeschlagen. Dem Minister muß es aber doch bekannt sein, daß in Berlin eine schwere Erbitterung darüber herrscht, daß die Stadt in dieser Beziehung mit den Vororten gleichgestellt wird. Diese Emrichtung wird msi dar einheitlichen baulichen Enk-' Wicklung Groß-Berlins begründet. In dar Tat besteht aber gar keine Einheitlichkeit aut diesem Gebiete. Die bauliche Entwicklung in Berlin hat eine ganz andere Richtung ge­nommen als in den Vororten. Bei einem Grundstückswerte von 17 Milliarden, dem Berlin und die Vororte darstellen, ist e i n Schätzn-ngsamt auf keinen Fall ausreichend. Das ge­meinsame Schätzungsamt bedeutet einen ganz erheblichen Eingriff in die Selbstverwaltung Berlins. Die Aufsicht über das Schatzungsamt Groß-Berlins soll der Zweckverband aus­üben; daß dieser aber eine gedeihliche Tätigkeit entfaltet hat, kann ich nicht zugebe».

Wir protestieren aber ganz entschieden gegen die Aushöhlung von Berlin.

Wir wollen gleichheitliches Bürgerrecht mit den anderen Staatsbürgern; wir wollen keine Parias und Heloten sein. (Zustimmung.)

Wir haben den Eindruck, daß in dem Gesetz agrarische Interessen zu sehr berücksichtigt sind.

Wir erwarten von dem Schätzuugszivang vor allcni. daß für die zweiten Hypotheken wieder ein guter Boden ge­schaffen wird. Wenn der Schätzuingszwcrng zu niedrige Schätzungen zur Folge hat, dann wird es zu einer gewal­tigen Katastrophe aus dem Grundstü cks mar kt kommen. Hier müssen die ÜbergangsHestiminruigen mildernd «mgveisM. Bor allem fordern wir, daß ein zuver­

lässiges Schätzungsverfahven Platz greift. Wir erwarten, daß das Schätzungsverfahven im Gesetz festgelegt wird und daß der Landtag bei der Festsetzung der Zeit der Einfüh­rung des Gesetzes Mitwirken darf. (Beifall links.)

Landwirtschaftsminister Freiherr v. Schorlemer:

Es klingt wie eine Fronte, daß mir in den: Augenblick, da ich eine Vorlage im Interesse des ft ä d t i s ch e n Grundbesetzes einbringe, der Vorwurf gemacht wird, daß ich agrarische Wünsche berücksichtige. Als Landwirt- schasisminister und als Staatsmi-mster habe ich auch die In­teressen der Allgemeinheit zu vertreten, da ich.■ mir bewußt bin, meine Pflicht getan zu haben, so kann ich die Anerkennung des Vorredners leichter als sonst ent­behren. Bei allem Entgegenkommen und bei der Geneigt­heit der Regierung, aus Abänderungsvorschläge einzngehen, werden wir doch daran fest halten müssen, daß für Groß- Berlin nur ein einziges Schätzungsamt geschaffen wird.

Minister des Innern v. Loebell:

Der Abg. Cassel hat seine Einwendungen gegen den vor­liegenden Gesetzentwurf dazu benutzt, uni gegen den Verband Groß-Berlin die schärfsten Angriffe zu richten, Angriffe, die wir ja auch schon von anderer Seite des offiziellen Berlins gehört haben. ,Jch muß diese Angriffe, in denen von einer Verkümmerung der Selbstverwaltung ge­sprochen loim, zurückweisen. In der Achtung vor der Selbst­verwaltung lasse ich mich von niemand übertveffen. Die Selbstverwaltung hat in vorbildlicher Weise Großes für das Vaterland geleistet, und die Regierung konnte diesen Leistun­gen ihre volle Anerkennung zollen. Die Staatsregierung hält es für ihre vornehmste Ausgabe, die Selbstverwaltung nicht nur ungeschmälert zu erhalten, sondern auch zu stärken.

Ein Vertagungsantrag des Abg. Hirsch (Svz.) wird abgelehnt.

Abg. Hirsch (Soz.): Mit dem Grundgedanken des Ent­wurfes über die Sch-ätzüm-gsämter sind wir einverstanden. Im einzelnen haben wir Bedenken. Ich teile vor allem die Be­denken, die Abg. Cassel gegen die Errichtung nur eines Schätzungsamtes für Groß-Berlin ausgesprochen hat. Wir haben es immer erlebt, daß, wenn ein Schlag gegen die Selbst- verlvaltung unternommen wurde, dann das Lob der Selbst­verwaltung vom Mimtstertisch gesungen wird. Es ist dem Minister nicht gelungen, die Ausführungen des Abg. Caffel zu entkräften. Unsere endgültige Stellungnahme zu dem Gesetz über die Stadtschaften behalten wir -uns vor.

Wir teilen den Standpunkt des Deutschen Städtetages, wonach die Beschaffung von Hypotheken in der Hauptsache dem Privatkapital Vorbehalten bleiben muß.

Die Lage der Hausbesitzer ist augenblicklich nnerfreu. lich, aber im ganzen sind die Opfer, die sie bringen, nicht so erheblich. Viele Hausbesitzer gewähren nicht einen Pfennig Mietnachlaß.

Persönlich bemerkt Abg. Caffel lVpt.): Es hat mir fern gelogen, dem Minister einen persönlichen Vorwurf zu machen. Ich kann mir aber die Freiheit nicht vanben lassen, die Maßnahmen der Rsgievung zu kritisieren.

Nächste Sitzung Donnerstag 3 Uhr: Fvrffetzung der Be­ratung. — Schluß 5i/ 2 Uhr.

Sonderfrieden» kein gemeinsamer Frieden.

Im „Hamburger Fremdenblatt" finden wir den fol­genden Aussatz eines alten Diplomaten, der sicherlich der weitesten Zustimmung in deutschen Landen -gewiß ist:

Es ist merkwürdig, wie oft bald dieser, -bald jener unserer Gegner stolz an die Londoner Verabredung vom September 1914 erinnert und laut verkündet, daß der Frieden seinerzeit von allen im Krieg .befindlichen Staaten nur gemeinsam abgeschlossen werden würde. Auch Ss-asonow hat kürzlich wieder der Welt feierlich versichern zu müssen geglaubt, daß Rußland an jener Abmachung festhalte und an keinen Sonderfrieden denke.

Vom Stand-Punkt Englands ist es -gewiß sehr klug gewesen, daß es den von ihm abhängigen H i l f s v ö l r e r n, zumal den Franzosen und Russen, die Freiheit -genommen hat, nach eigenem Ermessen und nach eigenen Interessen Frieden zu schließen. Daß sich aber diese im souveränen ius pacis derart beschränken ließen, ist nur aus ihrem gegenseitigen Mißtrauen zu erklären: sie wollen lieber noch die Vasallen Englands sein als es erleben, daß es dem einen oder dem anderen Leidensgenossen gelänge, zu einem günstigen Sonder- frieden zu gelangen. Erstaunlich ist dabei die Naivität unserer Gegner, die die Gemeinschaftlichkeit des Frie­densschlusses ganz harmlos für gewährleistet halten, wenn sie unter sich über diesen Punkt einig sind. Daß wir dabei doch auch ein Wort mitzuveden haben, kommt ihnen nicht in -den Sinn. Keiner legt sich die Frage vor, ob denn Deutschland (und seine Verbündeten) be- reit und geneigt sein wird, die sämtlichen kriegführen­den Staaten gleichzeitig und gemeinsam zu einen: -um­fassenden Friedenswerk zuzulassen? Bis jetzt sind wir die Sieger, und die Sieger pflegen denn doch ein Mit­bestimmungsrecht zu haben, wenn die Friedensvor- frage zu entscheiden ist, in welchem Formen, am welchem

Ort und unter welchen Voraussetzungen die Verband-' Inneren eingeleitet werden sollen.

Wie man über diese Frage an maßgebender -Stelle in Berlin und Wien denkt, ist uns nicht bekannt. Es wäre aber wahrlich nicht zu verwundern, wenn die Mittelmächte, sobald sich England im Namen seiner Ver­bündeten zu Jried-ensvorschlägen bequemen sollte, kühl erwiderten: wir wollen gern die Hand zum Frieden bieten, aber -wir verhandeln nur mit jeder Macht für t i ch; wir sind mit jeder an einem anderen Ort und durch einen anderen Vorgang in Krieg geraten, wir wollen mit ihr an einem besonderen Ort und durch einen besonderen Vertrag wieder zum Frieden kommen; wir haben mit jeder Macht andere Verabredungen zu tref­fen und halten es -deshalb für nützlicher, mit jeder Ne­gierung gesondert die Friedensverhandlungen zu pflegen. Das wäre ein sehr begreiflicher Stand­punkt, der zudem den großen Vortug, auch für Eng­lands Verbündete, hatte, daß dieses nicht fein altes -Spiel erneuern und Sonderzwecke gegen Preisgabe seiner Freunde erstreben könnte.

In der feindlichen (zuweilen auch in der deutschem) Presse liest man gelegentlich von der Notwendigkeit eines allgemeinen Friedenskongresses nach dem Kriege, an dem auch die Neutralem teilzuneihmen hätten. Namentlich wer im trüben fischen will, weist gern ans einen Weltkongreß hin, als eine unvermeidliche Folge eines Weltkrieges. Wenn .aber die Friedens-Verhandlungen unter den ein», •leinen kriegführenden Staaten überall zn einem klaren Ergebnis führen, ist ein solcher Kongreß vom StandpuE ^ der deutschen Interessen durchaus überflüssig. Kongresse am Schluß von Kriegen haben -der siegende n Partei immer nur Nachteile gebracht und die estd-gültige Regelung verzögert. Han­delt es sich dagegen nur -darimr, neue völkerrecht­liche Grundsätze mufzustellen und für diese stärkere Garantien zu schaffen, so ist dazu eine einfache Konfe­renz von Sachverständigen im Haag viel ge­eigneter als ein feierlicher Mächte-Kongreß, der die Friodensverträge vor sein Forum ziehen könnte. Bis­marck hat sich sowohl 1869 wie 1870 einen europäischen Kongreß vom Hals zu halten gewußt. Wir werden nach diesem Krieg -w-ohl nicht anders h-amdeln und -ums Wahl noch sehr überlegen, ob wir uns auf gemein-! same Friedensvevhcmdlungen einlassen werden'

Oer Krieg gegen England.

Eine neue englische Darstellung des „Baralong"-Mords.

Jetzt Men angeblich die nordamerikanischeil Maultiertreiber die Schuld tragen.

Br. Haag, 9. Febr. (Ei-g. Drahtbericht. Zeus. Bin.) „Daily Telegraph" veröffentlicht die Meldung einer Persön­lichkeit, die über den „Barvlong"-Fall mehr wissen will, als bis letzt bekannt wurde. Seine Erzählung schiebt die Schuld cm der Ermordung der deuffchen Matrosen und Offiziere völlig auf die Schultern der amerikanischen Maul­ese l treibe r der „Nicosian", die, wie alle ihre Bernfsge- noffen wilde Männer seien, die weder ihr eigenes, noch frem­des Leven respektierten. Die Treiber, " so erzählt der Gewährsmann, wußten genau, welche Absichten die Doutschen, »ic das Schiff zu erreichen suchten, hatten, und nachdem sie sich mit allerlei Eisenmaterial ans den Heiz- räumen versehen hatten, haben sie die Deutschen, die an Bord kommen wollten, einfach niedergeschlagen. Ein­zelne entkamen, wurden aber ans allen Ecken wieder aufge­jagt, aus den Kabine n, wo sie Zuflucht gesucht, sogar auch im T u r. net der Schraub e n well e. Die Besatzung des zweiten deutschen Ruderboots, die von einem Offizier ge­führt wurde, kam dann an Bord und wu-vde in gleicher We.se empfangen. Selbst die Anwesenheit der gesamten britischen Flotte hätte die Leute nicht -daran hindern können, zu handeln, '.vie sie gehandelt haben, und hätten bie Deutschen vor der Berserkcrwnt der Treiber nicht gerettet. Der deutsche Kapitän wurde von der Brücke, wohin er gefluch­te: war. hecunterge rissen und mit zwei eisernen Stäben an den Füßen g e k e t t e t. ins Meer geworfen. So ging es weiter, bis ein Offizier der „Baralong" an Bord kam und die Ordnung wiederhcrstellte.

lDrese zynische Schilderung des grausigen Massenmords und das Bestreben, alle Schuld von sich aus die halbwilden Eseltreiber amerikanischer Abstammung zu schieben, bringt einen n e u e n B c i t r a g zu -dem unerhörten Fall. Die Dar- stellung ist für uns ans z w c i Gründen außerordentlich er­freulich: erstens deshalb, weil sie außerhalb Englands kein einziger Mensch glauben wird, da ja das Ver- 1 lohen der englischen Marine erst durch die amerikani­schen Maultiertreiber bekannt geworden ist, denen es -d-aS englische Blatt nun in die Schuhe schiebt; zwe!tens»-des- halv, weil es uns nur willkommen sein kann, daß man in den Vereinigten Staaten am eigenen Leib erfährt, wie niederträchtig die emstische Presse vertenmd-'t. ©■ei*'"*.