Norgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 33.
Mittwoch» 9. Zebruar.
1916.
( 12 . Forlfetzung.)
Die Gräfin war mit dem freudestrahlenden Fräulein Bankett abgereist.
Momme saß tätlich mit üenr Großknecht zusammen und zeigte rhm, wie inan die Wirtschaftsbücher führte.
a rL GE-'echt „H^ver" statt Hafer-,
„Kalwer statt Kälber, aber die Anlage und den Zweck -der Bücher erfaßte er doch. Auch zu den BefestigiliigS- anlagon ging Mornrne mir ihm, gab die Strecken Vorland an, welche im nächsten Sommer durch Dämme zu schützen seren, wies airf die Stellen, welche besonders gefahndet wurden.
inzwischen kam der Vorfrühling mit lauen feuchten über y£orbfrtc3kjnö. Sric ^onnc fdjicn iDünttcr u?d Werlte länger, über den dampfenden Ackern schrien dre Kiebitze und Brachvögel.
Moiuline Harring dachte schon daran, die Hallig zu verlassen.
An einen! sonnigen Märztaae, als über der Hallig dre erste Lerche inbilierte. glitt ein Boot vonr Festland her irber die rrchrgen Watten dahin.
Monviire ka,-.n gerade mit dem Greßknecht von den Lainmern, als er das Fahrzeug bemerkte.
En Mann der die Riemen führte, mrd zwei Frauen.
„Nanu?" knurrte der Greßknecht.
Momme aber hatte die Gestalten im Boot erkannt, Meggers nett .der Gräfin und Fräulein Bangctt
Er schickte den Großknecht ins Haus, um die Mäd- chen zu arlanneren. Er selbst schritt langsam zimr Einschnitt des Vorlands hinunter, wo das Boot anlegen wurde.
Stumm stand er da. und auch die Damen, die doch schon in Rus,weite waren, sagten kein Wort der Be- grußung.
w aT, '? doot legte an, Mamme hals den Damen beim Anssteigen. Fräulein Bangett schnitt ein Gesicht, als sollte ste auf den Richtvlatz gesüürt werden, die Gräfin sah erregt und bleich aus — vielleicht von >der Reise.
^ie sich nnch ^Iot-cI>QiiItLftcn Dingen, und
Momnie.antwortete richig berichtend.
Die Damen beoalben sich in ihr Zimnrer, nachdenr die Gräfin den Mädchen Auweisungen erteilt hatte
Also wieder hier!
Karola von Adlersselde stand ani Fenster ihrer Stube, und wieder dran neu die Gefühle mächtig ans sie ^ - , Dort das Vorland, über welches sie gegangen mit ihm. Dahinter die Walten, über die sie geritten — niiit ihm. mit rhmI llnd gleich würde ste in dein stimmer werken m jenem Raum, da sie dicht nebeneinander am rotaluhendcn Ofen saßen in*jener Nacht, als ste ihr müdes, tränennasses Antlitz in seine starken, festen Hände legte. Danials — als dann alles aus war. —
J&n ihrer Stube saß Fräulein Bangett' und grollte Mlt dem Herrgott uud mit der Welt.
Me schön war es gewesen da unten an der Riviera Die herrliche Natnr, di? wariiie Sonne am blauen Hvrmnol, Palmen u-nd «blilüenb? Noien, lmd id>ann dci^ PrEiereude Leben vornehmer Menschen.
Oie yalliggräfin.
Roman von Albert Peterse«.
lNacbdruck verboten.)
Und auch die Gräfin war doch anfgelcbt, hatte wieder geplaudert, gelacht und .geflirtet, hatte im K!asliio einen „Lappen" gesetzt inrd abends im Knrhause getanzt. Und hatte schon neue Rcisepläne erwogen.
Bis bis zu jenem Albend, als sie in kleinem Kreise plaudernd zusammensaße-i und plötzlich einer die Frage aufwarf: „Was ist das Schönste?"
„Na", wollte sich einer der Herren — ein österreichischer Lebemann — die Antwort leichtmachen, „das Schönste sitzt doch unter uns."
Er wurde belehrt, daß .das Schönste und die Schönste nicht dasselbe ist.
^ Ein Pariser Bonlevardtreter nreinte lachend: „Das 'schönste ist so ein Leben, wie ioir es führen "
Dann aber strich sich der „scheußliche" preußische Oberst — hatte er doch seinen Urlaub in seiner Maslil-engarinson verlebt — ernsthaft über den eis- grauen Schnurrbart und rief in unangebracht über- zeugtem Ton: „Ne, da Scherz beiseite — das -Schönste ans Gottes Erde „t — die Arbeit, die Pflicht."
Dre anderen Herren hatten verächtlich die Achseln gezuckt. Fräulein Bangett aber sah, daß ihre Herrin plvtzluh ernst dreiublickte, und dann begann sie, znur Obersten gewandt, von jenem zähen, schweigsamen <«^ n jT 1 r.$ kbn *“ erzählen, der in selbstverständlicher Pflichterfnllimg sein Land gegen das Wüten des Meeres verteidigt, der in trotziger Arbeit >der See seine Beute wieder abzugewinnen versucht.
_ Und am nächsten Taae mußte die Gräfin es vor Sehnsucht nach diesem schrecklichen Lande nicht länger ertragen haben — sie waren Zurückgereist.
9 .
Ein stächeuder Frühlingstag. In den Lüften jichelten die Lerchen. Aus dem Vorland tummelten die weißen Lämmer um die Mutterschafe. In goldigem Sonnenschein lag dre weite See da. Hier und da tauchte ein Weißes oder rotbrairnes Segel auf.
Zwar hatte der Gvoßknecht Fraulein Bangett g-gen- über geäußert, das Wetter könnte so noch nicht bleiben Aber pah — es war nach Frühlingsanfang. Ende März. Es war an Mommes Abschiedstag.
Die Gräfin schritt ruhelos in ihrem Zimmerchm auf mrd ab. Also jetzt würde sie ihn nicht mchr sehen. Es war umsonst, daß ihre Sehnsucht ste so eilend wieder zuruckgetrieben. Umsonst? Nein, nein, es war nicht allem die Sehnsucht nach ihm, ,dem geliebten DLonne gewesen, ein Etwa? in ihr, das bessere Ich hatte aus der Welt des raffinierten Genusses und heuchleri- schon Scheins zurückverlangt nach dieser Küste und den schlichten Menkck^n.
Weiter grübelte die Gräfin.
Jetzt münde er gehen, llnd sie? Sie würde ihm kaum die Hand zum Abschied reichen. Wie unnatürlich benahm sie sich ihm gegenüber, wie klein. Was lomtte er denn datlir, daß er sie damals an jenem Albend nicht liebend in die Anme zu nehmen vermE«.
