Einzelbild herunterladen
 

,E S. Bo

Ir? H i?« 1

I §sSf I“

-

m ■"-•= !

Nr. 32.

Morgen.Veilage des Wiesbadener Tagblatts.

Dienstag, 8. Februar.

lylb.

dl. gortfefcung.)

^öTIlQQVöfttte (Nachdruck verboten.!

Roman von Albert Peterfen.

Auch auf Momme, der seit der Szene gestern noch immer ernst und sinnend war, wirkte die harmlose Fröhlichkeit der Brüder.

„He, Momme, wie Mutter sich freuen wird. Sie be­hauptete eiben, der einzige Vernünftige ihrer Söhne seiest du."

„Ach, Jungs, setzt ihm doch keine Raupen ein", rief Frau Harring lachend, „glaub's ihnen nicht, Momme: du bist gerade so unvernünftig wie die anderen."

„Ja, Mutter", antwortete er frisch, „ich bin sogar noch unvernünftiger, denn ich will mich verloben."

Wieder riefen die jungen Harrin-gs durcheinander.

,/Heil Schwägerin Petrea!" — „Mutter, hol'n Grog xur Feier des LageS." — „Er ist doch noch unvernünf­tiger als wir." — „Mutter, gratulieren: wirst Schwie- germutter."

Frau Harring Hatte die Sahne beiseite geschoben und reichte Momme die -Hand.

„Sollen wir Brautwerber spielen, Momme?" <— „Wenn du keine Courage hast, nimm Mutter mit."

Die Tür wurde geöffnet, und der Koogsinspektor trat lächelnd ein.

„Jungs, ulacht nicht solch Radau: man kann ja nicht arbeiten."

„Still", rief der Älteste lachend, „Vater hat Koog mit einemr o geschrieben."

Momme aber ging mit dein Vater hinaus.

„Ich kann wohl die Füchse anspannen?" fragte er. -

„Natürlich, Ngomirre. Und blel Glück. Grüße Tychfens."

DLamme Harring fuhr auf dam Bradbroer Weg dähin.

Es tveihnachteto. Arrf den ihm begegnenden Wagen lagen hinter denr Sitz Tannenbäume, Fußgänger waren mit Tüten und Kisten beladen, der Landbriefträger schritt nrit all seinen Paketen schwer dahin. In den Körben der alten Brotfrau, welche von Brodbro alle Höfe zu besuchen pflegte, härrsten sich Festfladen, Kringel ,rnd bnntbernalte Tiere aus Mehlteig. Ein Jungkirecht, der auf einer Fenne beim Mistfahren war. pfiff weniger »uelodisch als tiefenipfunden: .Stille Nacht, Heilige

Nacht —"

Momme Hielt vor Thchsens Hof.

Der Barver, der seit llwes Vettvundung alleiir die Stelle bewirtschaftete, arbeitete vor der Scherme.

,/Darf ich ausspannen?" fragte Momme.

Der Barver hielt in seiner Arbeit inne und sah, arrf die Mistforke gestützt, zu dem jungen Harrirrg hin.

„Hast du soviel Zeit, Momme?"

»Möchte was Wichtiges mit dir besprechen."

„Dann komm."

Momme lenkte den Wagen auf den Hofplatz. TrMen batte die Forke in den Dunghanfcn gestoßen und half beim Ausspannen der Pferde. Nachdem die Tiere in den Stall gezogen waren, schritten die Männer rreben- emvander her durch den Garten.

Plötzlich blieb Tycysen stehen.

„Du wolltest was von mir, Monrme?"

„Petrea drnll ich. Ist es dir recht, daß wir zum Fest Verlobung feiern?"

Der Geestbaner schüttelte dem jrrngen Mann dre Rechte.

„Uwe ist noch nicht lange aris dein .Hause", sagte er mit leiser Wehmut, „es wird eine stille Feier, Momme.'

„Mir gerade reckst."

Sie traten ins Haus.

Die Schwestern waren so eifrig beim Kuchenbacken, daß sie den Besucher jetzt erst bemerkten. Wer Pctreas Antlitz huschte ein Rot der Freude.

„Nim laß mal 'n Augenblick die Mehlschniererei", polterte Tychsen mit gutmütigem Lachen, „Petrea, »rach die Hände vom Deich rein uiid den Btuud vom Sirupe probieren —' du mußt beides gleich brauchen."

Absichtlich versuchte der Bauer einen leichteir Ton anzuschlagan; er mußte an seinen armen Jungen denken und wollte doch keine trübe Stinimnng auskommen lassen.

Petrea aber fühlte, daß Hinterden scherzciden Wor­ten ein tiefer Ernst sich verbarg.

„Geht doch in die Stube, ich konimc gleich."

Einen Airgenblick später stand das blonde Mädchen vor den Männern.

»Moanine möchte dich zur Frau Haben, Petrea", sagte der Bauer ernst. Und statt jeder Antwort legte sic ihre beiden Hände fest in die seinen.

8 .

Karola von Adlersfelde verlebte eine trübe Weih­nacht. Sie hatte ihrer Gesellschafterin außer einigen Gchlmucksachen auch oiu paar Bücher geschenkt, und Jräivlein Barett war so mit ihrer Lektüre beschäftigt, daß die Gräfin sich rvngestört ihren Gedanken hingeben konnte.

Als Momine Harring vor dem Fest ivach dem Fest­lande gefahren war, Hatte sie die dumpfe Empfindung gehabt, daß jetzt irgend etwas geschehen müßte — irgend etwas, und sie wußte doch nicht tvas.

Am späten Nachmittag, zur Zeit der Ebbe, ließ sie ihr Reitpferd satteln uild ritt hinaus aivss Vorland.

Wie oft war sie mit ihm hier draußen gewesen, hatte ihren Träumen von der glücklichen Königstochter nach- gehangen, hatte nicht daran gedacht, daß es einmal an« ders werden könnte, lind jetzt war alles aus.

Sie hielt das Pferd an und blickte durch die Dämme- vung auf die See hinaus, durch deren Nebelplast sich mühsam das Licht der Leucksttrn-me einen Weg erzwang.

Und während sie so still hinansstarrte, batte sie dre Hände auf deur Sattelknopf gefaltet, und ein trostloses Gefühl des Alleinseins überkam. sie, daß ihr bittere Tränen in die Airgen traten.

Was nun? Was nun?

Und etwas wie Haß gegen diese Gegend stieg in ihr auf. Hatte die Küste drüben, das Meer mit seinem Frie­den und seinem Wüten sie nicht zurückgehalten, nivr — um ihr bitteres Herzeleid zu bereiten? Aber nein, nein!