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Seite 2. Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt.

Der ttrieg gegen Italien.

Österreich-Ungarns Macht und Stärke am Adriatischen Meer.

Di-. Lugano, 7. Febr. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Die „Jtalia" bespricht die starke Stellung Österreich-Ungarns im Adriatischen Meer, welche die italienische Flotte, auch wenn sie von englischen und französischen Torpsdobootsgeschwadern unterstützt werde, nicht erschüttern könne. Tiefe Stellung sei bereits so stark, daß sie durch Er­werbung neuer Stützpunkte an der albanischen Küste nicht mehr wesentlich verstärkt werden könne. Dies soll offenbar ein vorbereitender Trost sein in der Voraussicht, daß idiose Stützpunkte demnächst m österreichische Hand fallen wer­den. Alle Blätter ergehen sich in Vermutungen darüber, was die Z e n t r a l m ä ch t e, insbesondere Deutschland, wohl tun, welche Berechnungen in naher Zukunft mehr oder weniger gerechtfertigt sein könnten. I

Italien lebt mit Deutschland im Frieden!

Br. Lugano, 7. Febr. (Eig. Drahtbevicht. Zens. Bin.) Zu dem fortgesetzten Geschrei der Hetzpresse nach der Kriegs­erklärung an Deutschland stellte „Nazi-one" fest: Ehe

Italien mit der Entente Verpflichtungen einging, legte es dar, welcher A r t im Falle des Kriegs gegen Österreich wohl sein Verhältnis zu Deutschland werde. Indem dann Italien dem Londoner Vertrag beitrat, verpflichtete es sich, nur mit den» jenigen Mächten, mit denen es :m Krieg ist, keinen Separat­frieden abzuschließen. Es konnte aber sicherlich keine Ver­pflichtung eingehen, den Mächten, mit denen es in Frieden lebt, den Krieg zu erklären.

Russische Unterslrömungen.

Der Krieg hat für un'ere Feinde ein doppeltes Ge­sicht, eines der gemeinsamen Interessen und eines der Sonderinteressen. Praktisch angesehen be- ldsntet .das, daß hie Gemeinsamkeit nur solange ver­bürgt sein wird, wie die eigenen Interessen dos zu- lassen. Von England hülfen wir überzeugt sein, Hatz es ihm mit her Beteuerung ernst ist, keinen Son­derfrieden abschließen zu wollen. Auch von Frank­reich wivd man has gleiche jagen müssen, einmal weil es nicht anders will, vor allem aber, weil es nicht anders kann. Italien wüvde vernrutlich lieber heute als movgen seinen Kopf aus her Schlinge ziehen. Rußlanh mag ungefähr eine Mittelstellung zwischen hen Stimmungen und Tendenzen in London und Paris und denen in Rom einnehmen. Zweifellos ist in Petersburg der Kriegswille noch so lebendig, daß England einstweilen nicht zu befürchten braucht, Ruß­land werde abspringen; gleichwohl machen sich die An­zeichen einer Zersetzung dieses Kriegswillens allmählich bemerkbar.

Wenn wir aus und über Rußland hören, so tun wir regelmäßig gut daran, zwischen den Quellen zu unter­scheiden. Was wir von Zeit zu Zeit aus neutralen Blättern über die russischen Zustände erfahren, bas werden wir mit gebotener Vorsicht aufzunshnren haben, insoweit es sich um Urteile ohne die Beigabe von unter- stützenden sachlichen Mitteilungen russischen Ursprungs handelt. Vollends die gelegentlichen Artikel von kürz­lich aus Petersburg liber Finnland zurückgekehrten Deutschen oder deutschfreundlichen Neutralen dürfen wir als Erkenntnisguelle kaum benutzen. Anders steht es mit dem, was die Presse unserer Feinde über das Zarenreich mitzuteilen weiß, und erst recht anders verhält es sich mit den Kundgebungen aus Ruß­land selber.

Die Londoner Zeitschrift „Der neue Staatsmann" schrieb kürzlich in einem: Bericht über die russischen Stimmungen gegen England und gegen uns, die Kviegspartei in Rußland sei geteilt in einen für Eng­land freundlich und einen gegen England feindlich ge- sinnten Flüael. Dann heißt es in diesem Artikel wei-

Mt dem ersten Valkanzug nach Konstantinopel.

Von Chefredakteur Alfred Scheel.

Kvnflsntinvprl.

Viele nennen Konstcmtinvpel die schönste Stadt der Wett. Wer sie zum ersteumale sicht, glaubt eS ohne weiteres; die Phantasie vermag sich ein prachtvolleres Stadt- und Landschaftsgemalde nicht dorzustellen, und die Feber eines großen Dichters wäre nicht imstande, eine Schilderung dieser Pforte der Glückseligkeit zu einem nachempsindbaren Eindruck zu. gestalten. Einze-lbeschreibung würde völlig verwirren und ernüchtern, und so mag dem Versuch, den Eindruck von vier kurzen Tagen, an denen jede Stunde Er­lebnis war, sestzuhalten, der Umstand zugute kommen, daß er nur al fiesco gemalt werden kann.

Orient und Okzident reichen sich in Konstantinopel dre Hände. Dies Wort hat man wohl oft nachgesprochen. Aber es wird anschaulich und offenbart seine Wahrheit beim ersten Blick aus das Stadtbild. Die alte asiatisch-türkische Kultur seit Jahrhunderten beherrschend, reckt noch imnrer ihre Wahr­zeichen, Moscheen und Paläste, in verschwenderischer Zahl empor, und 'daneben erheben sich moderne Bauten, neue Stadtteile in nicht immer dem besten Stil europäischer Zivilisation. An den langen Usern der Meerarme stehen, verfallen, oft teilweise abgebrannt die türkischen Holzhäuser mit buntem Anstrich, auf den Höhen aber neuerbaute Ka­sernen mit regelmäßigem Zuschnitt, massig und rechteckig. Fm alten Stambul steigt man winkelige, dunkle, schmutzige Gassen empor, verliert sich im Labyrinth großer Basare, in denen dicht aueinandergedrängt die winzigen Kaufläden das Erdenklichste an Waren für orientalische uüd europäische Be­dürfnisse feilbieten. Dort fühlt man sich eingewoben in eine Atmosphäre türkischer Gemächlichkeit und Zurückhaltung. Aber es gibt andere Stadtteile, wie Pera, von lautem euro­päischem Lebenstempo, und wie Galata, wo der jüdische Kauf­mann vorherrscht. Wie unvermittelt gerade in unseren Well- kriegstagen die Kulturen verschiedenster Zeiten urid Gc- schichtskveise aneiManderstoßeir, fühlt inan gmrz besoirdcrs etwa, wenn man aus der Enge Altstambuls mit seinem ariemückschen Lebenszuschnitt drüben in Per« an einem

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rer: „Unglücklicherweise ist ine ausgesprochen deutsch- f e indli ch e e n g I a n d f r e u n d l i ch e Partei sehr klein, lvährend die deutschfreundliche Partei, obwohl nicht sehr zahlreich, arkßerordentliche Macht be­sitzt. Zur letzteren gehören die Buroaukvaten, die fürch­ten, daß eine Schwächung des Thrones in Deutschland unmittelbare Rückwirkungen auf die russische Dynastie haben könnte. Sie erinnern daran, daß das regierende Haus in Rußland aus deutschem Blute stammt und glauben, daß ein siegreiches Deutschland die einzige Hoffnung biete, Rußland vor gänzlicher Anarchie zu retten.

Auch gibt es eine große Partei, die aus einem So n- derfrieüen mit Deutschland Vorteile zu ziehen hofft und zu der manche einflußreiche Personen deutscher

oder baltische: suqMuiumng aui Hose gehören. Der Einfluß der Zarin ist bedeutend. und es ist kein Geheimnis, daß sie und manche Damen am Kaifevhofe ganz im Banne Rasputins tzdes bekannten „Wunder­täters") stehen, der von den deutschfreundlichen Krei­sen stets mit Wohlwollen betrachtet worden ist. Das Zünglein an der Wage bildet jedoch der Teil der deutsch­feindlichen Partei, der gleichzeitig engilandfeindlich ist. Ihn muß man daher besonders sorgfältig im Auge be­halten . . ."

Dies also steht, wie gesagt, in einem englischen Blatte, und wir haben ja auch sonst neuerdings allerlei darüber gehört, daß es in Petersburg Gruppen ein- ffußreicher Persönlichkeiten gibt, die cs mit Befriedi-

Kasernenererzierplatz vorüberkommt, wo feldgraue Soldaten nach deutschem Kommando in preußischem Militäryeist auSge- bildet werden; oder wenn man soeben eine alte türkische Segelbarke wie ein vorgeschichtliches Gebilde bestaunt hat and dann ldas technische Wunderwerk eines modernen Kriegsschiffes im einzelnen betrachtet. Die türkische Frau, die nur selten das .Haus verläßt, wandelt scheu und still durch die Straßen, mit schwarzem Kleidübellwurf und tief ver­schleiert, und meidet den Blick des Europäers. Armenierinnen und Griechinnen tragen und betragen sich wie die Errropäe- rinnen. Das Leben der Perastraße unterscheidet sich gar- nichi oder nur .durch dw KopsbedÄung der Männer, den roten Fes, von dem in irgend einer europäischen Haupt­straße.

Konstantinopel ohne das Meer wäre nicht Konstantinopel. Die schmale Meerenge des Bosporus, das Marmarameer und die Dardanellen scheiden hier zwei Erdteile, Der Bos­porus entsendet in das europäische Festland einen schmalen Arm, das goldene Horn, und scheidet Stambul von Galcrta- Feva. Und überall auf den mählich von den Küsten an­steigenden Hügeln am Bosporus, am.goldenen Horn, am Ein­gang des MarmaramoereS, liegt KonstaNtinopel. Zwei Brücken über dem goldenen Horn, die alte und die neue, der äußere und der inr^ere Handelshafen und der Kricgshafen, belebt auch jetzt durch zahlreiche Schiffe und Boote, lassen erkennen, daß hier seit aAers eine der durch ihre natürliche Lage verkehrsreichsten Städte der Welt, ein buntes Leben lebt. Wohin du bückst, erheben sich die Prachtbauten der Moscheen und Paläste und erinnern dich beständig, daß du in der Hauptstätte des Islams und der Residenz einer alten orientalischen Dynastie weilst. Wenn die weißen feuchten Wasserschleier am Morgen, bis der erste Sonnenstrahl sie zerreißt, und wenn sie mn Abend, bis das Licht des Mondes sie überhellt, das überdeckte Bild der großartigen Stadt lang­sam enträseln. so empfindest du als werdende Wirklichkeit die Märchen-Vision mo-rgeuländischer Städtepracht, Aber wenn die Lichtfülle eines strahlenden Sonnentags im leuch­tenden Wau des Meeres und des Himmels die helle Bunt- heit der vielhügeligen Stadt an allen Ufern aiiflcuchten läßt, so fühlst du, ein Sohn unserer kriegerischen Zeit, den Glauberr lebendig werden, daß dieser schönsten Städt aus der Scheide ziveier Menschenwelten, gebettelt in den Mutterboden einer alten Kultur, und erfüllt von drni Schaffensdrang einer neuen Zeit, eure glänzende Zukunft verheißen ist.

Dienstag, 8. Februar 1916. Nr. 63.

,g>ung begrüßen würden, wenn sich ein Ausweg ans item, Wirrjial dieses Kriegs zeigen wollte. Die Tatsache, daß zwei russische Minister schon vor mähr als einem halben Jahre in einer dem Zaren überreichten Denkschrift einen Sonderfrieden nrit uns gnrpsahlen, fft ebenfalls durch feindliche Blätter bezeugt, diesmal durch französi­sche, und.daß sie nicht angezweifelt werden kann, wird ferner dadurch belegt, daß einer russischen Zeitung er­laubt wurde, dies interessante Faktum durch Abdruck aus dem Französischen mitzuteiten. Nebenbei zeigt das .wieder, daß die Stimmungen, aus denen heraus jener Fühler nach den: Frieden ausgestreckt worden war, auch heute noch vorhanden sind und es vermocht haben, das russische Publikum mit den Pariser Enthüllungen bekannt zu machen.

In einem Moskauer Blatt schrieb ein „echtrussischer" Konservativer: „Das Volk weiß noch nicht, was schlim­mer fein wird: ein Sieg Deutschlands oder eine Re­publik nach dem Siege der Liberalen." Zwischen den Zeilen dieses merkwürdigen Ausspruchs liest man den kaum noch schüchternen Wunsch, mit uns irgendwie ins reine zu komuren. Davor sind wir ja behütet, daß wir auf diese und andere Kundgebungen einen übermäßigen Wert legen. Wir spähen doch nicht nach russischen Sehnsüchten aus, sondern wir führen den Kampf mit «der notwendigen Wucht, aber zum Ganzen gehört es selbstverständlich auch, daß wir wissen, wie diese Wucht wirkt. Was die Russen sich unterein­ander als gepreßte Bekenntnisse und Wünsche zu» . * . "" «

Kaum etwas ist für ein Volk kennzeichnender aks fei« religiöser Kult. Gottgläubige Türken in weltabgewandt« Andocht beten sehen, gibt einen Begriff davon, warum der Islam eine der weltbeherrschonden Religionen ist. Den Islam darf der nicht antasten, der ein Freund der Türkei ist. Nie gibt es zwischen Rußland und der Türkei Frieden, so­lange Rußland das berühmteste Bethaus Konstantinopelr, die .Hagia Sophia, zu besitzen trachtet. Unter türkischer Füh­rung wurden wir rn diesen wundervollen Kivchenbau ge­führt, dessen feierliche Masse als würdiges Haus der Anbe- tung des Höchsten empfunden werden muß. Die erhaben« Wölbung der riesigen Kuppel, von keinem Pfeiler gestützt, umfängt gleichsam mct mildem Zwang alle zerflatternden weltlichen Empfindungen und läßt nur Denmt und innere Gelassenheit als beherrschende Gefühle gelten. Wir sahen stumme Männer einzeln und später gemeinsam mit einem Priester laute Gebete vernichten, während sie, auf der Erde kauernd, von Zeit zu Zeit den teppichbelegten Boden mit der Stirn berührten, hörten von den Türmen der Mrnaretts ztoei Muezzine die klagenden Gebetsrufe am Abend singen und wurden trotz der Fremdartigkcit des Kultus von feiner religiösen Tiefe ergriffen. Die Wucht und Größe des ge­waltigen Tempelbaues konnte ums nicht bester veranschaulicht werden als durch einen Blick von dem Kuppeldach, das wir erkletterten, auf die vor uns ausgebreitete Stadt und von der höchsten Empore in das Innere hinunter, wo die auf dem Boden liegenden Frommen zwerghaft Kein er­schienen.

Fast alle anderen Moscheen der Stadt sind, wie man ums sagt«, nach dem Muster der Hagia Sophia gebaut. Wir überzeugten uns davon wenigstens cm einer, der berühmten Krönungsmoschee in Ejub, einen- Borort Konstantinopels, im Winkel des Goldenen Horns. Diese Moschee gilt den Mohammedanern als besonders heilig, weil hier die Schwert- nmgüvtung des Sultans stattfindet; wir mußten eZ als eine besondere Auszeichnung betrachten, daß wir nicht nur in den Vorhof eingelassen wurden, den: zwei uralte Bäume am Brunnen den besonderen Charakter verlethen, sondern in die Moschee selbst, mit» daß uns ein Priester ihre eigentüm­lichen Schönheiten .erklärte. Nach dem eben genannten Ejub fuhren wir am zweiten Tag in der Pinass« der deutschen Botschaft, denr „Pfeil"; an beiden Usern des Gokdensn Horns passierten wir malerische Vororte und prächtige Pa«