s Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts. !- -« i
Nr. 30. Samstag» 5. Zebruar. 1916.
(0. Kortsetzung.) DtC fit. (Nachdruck verboten.!
Romain von Albert Petersen.
Bald war Ti)cho Tychsens Haus erreicht. Momme sprang zur Erde, und während er der Gräfin aus dem Sattel half, war er mit seinen Gedanken sck>on m> Hause. Er fiihrte die Pferde auf den Hofplatz und band sie an.
Die Gräfin aber hatte das Haus wicdererkannt, und jetzt trat auch schon jenes blonde Mädchen, mit -dem sie die unerquickliche Unterredung gehabt hatte, heraus.
Die Frauen sahen sich an, nicht feindselig, aber abwartend, wer von ihnen zu der anderen treten würde. Jetzt kam Momme vom Hofplatz zurück. Er ging auf Petrea zu, drückte ihr mit ernster Herzlichkeit beide Hände, wollte mit ihr ins Haus treten, besann sich, daß die Gräfin ja warten mühte, vocgestellt zu werden, nannte die ddamen und eilte voran ins Trauerhaus.
Die Gräfin brach das Schweigen.
„Herr Harring -war wohl ein Freund Ihres —" sie stockte.
„Der Tote ist mein Bruder", antwortete Petrea leise, „ja, Momnre und Uwe waren Freunde."
Als die Frauen ins Totenzinrmer traten, stand Momme am Bett des Gestorbenen, stand da mit gefalteten Händen, und er, den die Gräfin für so kühl gehalten, lieh ohne Scheu -die Tranen rinnen, die ihm tiber -die Wangen rollten.
Stmnm standen olle da, eine ganze Weile lang. Dann wandte Momme sich, reichte Petrea wieder beide Hände -und sagte zur Gräfin: „Wollen wir zurück; es wird Wend."
Petrea stand am Gartenzaun, als die Reitenden davontrabten.
„Ein stolzes Bild", dachte auch Petrea, „eine schöne Frau —" Dann aber lächelte sie trotz ihres Schmerzes um den Bruder, lämelte im zuversichtlichen Bewußtsein treuen Besitzes. —
Sie Gräfin bewegten seltsam quälende Gedanken, als sie neben Momme dahinritt.
Die Art, wie er dem Mädchen beide Hände -gereicht, der zärtliche Blick, -die trotz der Trauer sichere Haltung des Mädchens — alles das löste in ihr unbestimmt trübe Gefühle aus.
Momme, Momme!
Und plötzlich war an -die Stelle zufrieden glücklichen, Wunschlosen Bewutztseins des seligen Beisammenseins etwas anderes getreten —- ein Sehnen, ein Fordern, ein Bssitzenwollen.
Unwillkürlich lenkte sie ihr Pf-evd dichter an das seine, verzehrte ihn mit liebevollen Blicken, ihn, der ahnungslos -dahinritt und seinem Schmerz über den toten Freund nochhing.
Die Menddämmerunq breitete schon sacht ihre Schleierfittiche aus, als sie den Strand des Festlandes erreicht hatten.
Olme Zögern ritt Momnre Harring aufs Borland hinaus, ohne Besinnen folgte ihm die Gräfin.
Mag's gefährlich sein, inag's tollkühn sein! Mit ihm, ich bin mit chm!
-Aufklatschend schlugen di« Hufe in den Schlick, übe» den schon sacht eine dünne Wasserschicht rollte.
-Bor dam Dies riß Momme jeinen Schinmrel hoch.
„Donner — wir hätten drüben bleiben sollen", sfieh er hervor.
„Kommen wir nicht durch, Momme?" fragte sie leise.
Er überhörte, daß sie ihn mit seinem Vornamen an, redete.
„®t kommen noch durch, aber -bis zum Sattel —"
„Vorwärts, Momme, vorwärts!"
Die Pferde wurden trotz ihres Sträubens vorwärts getrieben. Das Wasser spritzte ans, bis zur Brust rannen die Wogen den unruhigen Tieren.
Er lenkte mit der einen Hand sein Pferd, mit dev anderen führte er das der Gräfin.
Und sie kamen durch.
Zwar patschten die Pferde weiter tut steigenden Wasser, aber sie erreichten den höherliegenden Schlick.
Inzwischen war es dunkel geworden. Am samtschwarzen Himmel flammten die weihgoldenen Sterne, von Liekuts Warft her schimmerte ein rötliches Licht.
Die steigende Flut raunte und rauschte, die heiseren Stimmen nicht sichtbarer Möwen schrien -aus niedrige« Höhe.
Immer näher kamen sie der Hallig. Jetzt war das Vorland erreicht. Der Schäferhund bellte ans. Dis Pferde stiegen den schrägen Fahrweg zur Warft hinan.
Als die Gräfin aus donr Sattel stieg, hatte sie den Wunsch: die gmrze Nacht mit ihm durch die finsteren Watten reiten!
Karola von Adlersfelde verbrachte eine schlaflos« Nacht.
Herrgott, was war mit ihr? Was sollte das alles? Momme, Moiimr-e! Mit feinem Vornamen hatte sie ihn angercdet. Ein heißes Rot der Schani stieg in ihr auf, während sie in gequälteni Grübeln dalag.
Ein Glück, daß er nicht beachtet hatte, wie sie ihn an- gerodet.
„Momme, Momme", zärtlich flüsterte -sie es: cs war so süß. seinen Namen zu hören.
Dann aber lehnte ihr Frauerrstolz sich auf gegen die, immer stärker werdenden Gefühle, gegen diese Liebe, welche ihr die Sslbstbezwingung zu nehmen drohte.
Nein, nein, ich will mich dagegen wehren!
Mit diesein Entschluß schlief sie endlich ein.
7. ^
Der Herbst, der lange auf sich -hatte warten lassen, hielt endlich seinen Einzug in Nordfiies-land, und alS fürchtete er, die K-üstenbew-ohner möchten verwöhnt un- übermütig geworden sein, hielt er seinen Einzug mit lärmender Heftigkeit. Der Wind heulte von Südüvöst her, die Flut schrie und tobte, toarf als rauhen Fehde- brief die flatternden Schaunvfetzen gegen die Warft Letz Hallig.
