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Nr. 29.

Zreitag» 4. Februar.

1916.

i

Der Roman

a Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. .::=■ !

!(8 Fortsetzung.)

Die fiöniQQtöfin, (Nachdruck verboten.1

Roman von Albert Petersen.

„Ach, Monune, du wirst noch tierwähnt", meinte Petrea mit schelmischem Spott.

„Nein, du", antwortete er ernsthaft, „offen gesagt, ich fühle mich bei diesen ollen Polsterstühlen gar nicht Wohl, und die LisäKlatten sind so glatt und sauber, daß man kaum wagt, was draufzustellen."

„Also ist's doch was Besonderes?"

Jetzt erst merkte er, das; sie ihn necken wollte.

„Pah", antwortete er wegwerfend, „die eichen­geschnitzten Armstühle zu Hause sind eher was Beson­deres als so'n moderner Kram."

Uwe hatte seinen Kopf müde zurückgelegt und die Augen geschlossen.

Momene ME) die Geliebte ernst fragend an.

„Ich fürchte, es steht schlecht mit ihm, Momme", flüsterte Petrea traurig.

Er nickte stumm.

„Was ist es damals eigentlich gewesen zwischen ihm und dem Maurer?" fragte er dann.

Das junge Mädchen mochte ihn: nicht von dem widerlichen Gerade erzählen. Sie zuckte die Achseln und antwortete: „Der Kerl tat's in der Trunkenheit."

Und Momme fragte nicht weiter.

6 .

Es war an einem windstillen, sonnigen Nachmittag im Oktober. Dom blauen Herbsthimmel hob sich blen­dend das weiße Gefieder der gemächlich schwebenden Möwen ab, durch die köstliche Nutze des Strandes drang dann und wann von den Geestdörfern her wie aus märchenweiter Ferne das Schlagen einer Turmuhr. Sütf der offenen See hinter der Inselkette stieß ein stolz ziehender Danrpfcr einen langgezogenen Ruf aus. Und dann war wieder alles still.

ES war die Zeit tiefsten Wasserstandes. Die weiten Watten lagen feucht glänzend da, über. den grauen Schlick trippelten die Strandvögel. Nur in den Rillen und im Tief glitzerte das Wasser im Sonnenschein.

Fräulein Bangett hatte ihren heiligen Schwur, nie einen Fuß auf die Hallig zu setzen, gebrochen. Mer ein kleiner Triumph in ihrer Zerknirschung war es ihr, daß sie durchgesetzet 'hatte, nicht im schwankenden Boot nach Liekut übersiedeln zu müssen. Auf der. Fahrt von Hanwurg nach Sylt war sie dauernd in einem Zustand „kurz vorm Sterben" gewesen, und sogar bei den ganz ruhigen Dampferreisen von einer Insel zur anderen und zum Festland nach Dagebüll hatte fie behauptet, an „innerer" Seekrankheit zu leiden.

Zwar hielt sie es auch für ein Heidenstück, auf dem Wagen über den Schlick — sic sagte „Lurchs Meer" — zu fahren, aber immerhin fühlte nwn sich auf dom Wagen Loch sicherer, und zitternd hatte Fräulein Ban­gett hochrädrige Gefährt bestiegen, mit dom Momme Harring an diesen: sonnigen Herbsttag vor Len: „Tan­zenden Seehund" hielt. Der Abschied zwischen ihr und Meggers war herzlicher, als man es eigentlich hätte er­warten können. Aber wenn man vielleicht in den Tod geht, ist man auch gegen „solche Leute" freundlicher.

Der boshafte Wirt rief ihr, als sie schon aus dom Wagen saß, obendrein noch nach: „O Fraulern, wenn Sie man lebend rüberkommen."

Kranrpfhaft klammerte sich die Gesellschafterin an die Wagenlchne. Und jetzt klatschten die Pserdehufe laut und schwer in den feuchten Schlick, und die Räder schnitten, knirschten durch den widerstrebenden Boden.

Sacht fielen die Watten bis zum Trcf ab, und als sie die Wasserrille erreichten, fiel Fräulein Bangett dem Wagenlenker in die Zügel. ^ ..

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denn morden?" . ^ „

„Da ist schon manchsr Wagen de: höherem Wasser­stande durchgekommen", meinte Momme, riß genrachlich die Leine frei und trieb die Pferde an.

Fräulein Bangett kniff die Augen zu und schlug zitternd die Hände vors Gesicht. Sie hörte das Auf- spritzen des Wassers, fühlte, daß der Wagen tiefer sank. Und wartete — wartete auf den Tod.

„Na, wir fahren schon wieder auf'm Schlick", hörte sie dann die verletzend ruhige Stimme des Mannes, blickte auf und sah, daß die Wasserrinne hinter ihnen lag, und vor ihnen auf der sicheren Warft grüßte das Wohnhaus der Hallig zu ihr herüber. Sie war wegen der zr:r Schau getragenen Angst ein wenig beschämt und warf einen scheu fragenden Blick auf Harring, dessen unbewegtes Gesicht aber keine Spur von Spott verriet.

Die Pferde fühlten, daß die Hufe auf festeren Bodeir traten, der Wagen rollte leichter über das grünbcwach- sene Vorland.

Die Schafe, welche ihre plrmipen Köpfe zum kurzen, dunklen Gras hinabstreckten, machten dom Gefährt widerwillig mit schwerfälligen Sprüngen Platz. Der Hütejunge pfiff seinen struppigen Schäferhund zu sich heran. Weiter oben, wo das Gras üppiger wuchs, brüllten die Kühe. iMomme warf einen wohlgefälligen Blick auf die behaglich weidenden Tiere, welche er selbst vor einigen Wochen.drüben in der Marsch gekauft hatte und die sich hier sehr wohl zu fühlen schienen.

Hoch oben auf der Warft reckten auf dom festen sau­beren Strohdach drei Blitzableiter ihre goldgekrönten Finger empor. Die Fcnsterreihe blitzte wie Spiegel­scheiben, und vor der geöffneten Doppeltür stand in: schlichten Lodenkleid die schlanke Gestalt der Gräfin und winkte zu den Ankommenden hinab.

Still lagen die Inseln und Halligen NordfrieslandS im weiten Unckreis, langMm, wie niit ruhiger, bedach­ter Vorsicht kam von Westen her wieder die Flut. Die Möwen schwebten Wer den leichten Wellen, tauchten hier und da, wo sie eine Beute erspäht hatten, znm Wasser­spiegel nieder, stiegen mit lebhaft kraftvollen Flügel­schlägen wieder hoch.

Die Wendsonne war im Scheiden, in rotgold'.geM Glanz legten sich Meer und Küste zur Ruh'.

Und selbst von Fräulein Bangett wich daS Gefühl verzagt machender Einsamkeit, der stille Friede der Gegend teilte sich ihr mit, und heiterer, als die Gräfin