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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
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Nr. 27.
Mittwoch, 2. Zebruar.
1916 .
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(0. Fortsetzung.1 ©tC tlt, lNachbrnck Vervotea.1
Roman von Albert Petersen.
_ Karola von Udlersfeld-Falkenhain lag in Decken gehüllt ans dem Sofa im Wohnzimmer des Harringschen Hauses. Der Arzt hatte eine Fußverstauchung fcftge- stellt. Nun lag sie mit jodbraunom Fußgelenk da und wartete auf den Tag, da sie wieder aufstöhen i!Nd zum „Tanzenden Seehund" hinübergehen könnte. Wartete? Nein, die Gräfin wartete eigentlich nicht darauf. Es tat ihr, die jahrelang nur unter fremden Menschen geweilt hatte, so wohl, sich oon der mütterlichen Frau Harring wie ein Kind »siegen und unchegen zu lassen.
Dann und tvann saß auch der Koogsinspoktor -bei ihr, und wenn ihm die Kunst dessen, tvas man so „Plaudern" nennt, auch völlig abging, so konnte er doch klug und fesselnd sprechen, wenn es galt, ernstlich auf ein Thema einzugehen, und es möglichst zu erschöpfen. Und >da die Gräfin sich wirklich für die Geschichte und Entwicklung, über den Landraub durch Sturmfluten und die Landgewinnung durch harte, trotzige Menschenarbeit zu interessieren begann, so führten sie, der schlichte, kluge Mann, und sie, die vielgereiste „Dame von Welt", angeregte, eifrige Gespräche.
Besonders nach der Hallig Liekut fragte die Gräfin. Der Koogsinspektor lächelte.
„Auf Liekut liegt der stolze Jugendtraum meines Sohnes Momme begraben", sagte er, „er hatte so goldene hohe Pläne. Wer ich kann es mir leider nicht leisten, ihm die Mittel vorzuftrecken."
Da antwortete die Gräfin langsam, sinnend: „Ich
würde es gern tun."
Der Mann sah sie überrascht, mit höchstem Erstaunen an, dann schüttelte er den Kopf.
„Wenn ich auch überzeugt bin, daß Momme mit den nötigen Mitteln aus der Hallig einen wertvollen Besitz machen könnte — er nimmt kein fremdes Geld dazu."
Fremd — das eine Wort uur hörte die Gräfin. Ja, das war es ja. Sie .war diesen Leuten Hier doch die Fremde. Und — und — mochte sie noch so sehr sich ibemühen, das Vertrauen, die Freundschaft dieser kühlen Menschen zu gewinnen, es war nicht leicht: denn diese Menschen verglichen scheinbar die ganze Welt mit ihrem Meer, das an sonnenglitzernden Tagen so still, so köstlich friedlich, lockend daliegt und dann plötzlich die arglos Vertrauenden hinabreißt, über die schlummernden Deiche springt und an den Wohnungen der friedlichen Menschen rüttelt.
Die Gräfin hatte sich ein wenig aufgerichtet, und plötzlich rief sie: „Ich will die Hallig kaufen!"
Der Koogsinspektor hatte den Kopf gehoben und sah sie an, als fragte er sich: Fiebert sie?
Sie aber stteckte dem Mann die Hand hin und fuhr bittend fort: „Herr Harring. können, wollen Sie Ihrem Sohne raten, mir als — nun, sagen wir — als Verwalter zu helfen, das Werk auszuführen?"
Er war aufgeftanden, geradezu mißtrauisch sah er zu «hr hinab. Dann kam es abweisend, stoßweise von seinen Lippen: „Frau Gräfin, was — bedeutet.das? — Mein Sohn und Sie — auf der Hallig? — Sollten Sie
glauben, daß wir — >— für solche Geschichten halten wir uns zu — wert!"
Sie stöhnte auf. Ilnd im Tone der verzweifelten Ratlosigkeit sagte sie: „Geschichten? Was für Geschich-. ten denn? So — so glauben Sie mir doch. Ist denn gar kein Vertrauen in Ihnen? Was tat ich denn, daß Sie so argwöhnisch gegen mich sind? Ich bin doch auch ein Mensch mit Sinnen, welche die eigenartige Schönheit dieses Landes empfindet, ein Mensch mit einem Herzen, das den inneren Wert ihres Volksstammes ahnt, ein Mensch mit Sehnsucht nach Schaffen, Wirken, nutzbringender Arbeit, nach Vertrauen und Liebe dieser stillen, wortkargen Bewohner, die lieber in Taten als in Worten zeigen, was an und in ihnen ist. Die wach- sende Liebe zu Ihrer Küste trieb mich zu meinem Entschluß — nicht — Geschichten."
Einen Augenblick stand er grübelnd da. Dann aber streckte er ihr die Hand hin, drückte ihre Rechte so fest, daß sie Schmerz empfand, und sagte: „Zürnen Sie nicht, Gräfin, ich fühle, daß ich Ihnen Unrecht tat. Besprechen Sie die Angelegenheit mit meinem Sohne."
Momme kgm vom Felde zurück, als sein Vater ans dem Haus trat und sagte: „Die Gräfin möchte wegen der Hallig niit dir sprechen. Ich glaube, du könntest ihre Vorschläge annehmen."
Momme murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und ging in seine Kammer, um sich von der Feldarbeit zu säubern. Dann begab er sich zu der Gräfin.
Sie schien ihn schon erwartet zu haben und sogleich begann sie ihm zu schildern, wie sich der Ankauf, die Sicherung und Erweiterung der Hallig gestalten solle, und fragte ihn, ob er ihr nicht helfen '.volle.
Im ersten Augenblick durchfuhr Momme nur der, eine Gedanke: Dein Halligtraum soll sich erfüllen. Dann aber dachte er: Was kann sie selbst die Hallig kümmern? Das, was sie da will, ist nichts als ein — Geschenk. Und wie kommt sie dazu? Pah, Leute, welche im Gelde wühlen, werfen mitunter wohl damit herum. Launeli Weiberlaune. Ne, danke.
Und ruhig antwortete er: „Bedaure, aber ich stehe tvegen einer Pachtstelle in Verbindung."
Sie sah ihn groß an.
„Und das wollen Sie nicht rückgängig nrachen, wo es sich um die Hallig — Ihre Hallig handelt?"
„Ihre Hallig. Gräfin. Nein, ich mag nicht die Vcr, Handlungen wegen der Pacht abbrechcn."
Abweisend, schroff hatte er es gesagt, und leise, weich und bitter zugleich, antwortete sie: „Ich weiß nicht, womit ich Sie verletzt habe. Sagen Sie doch, was tat ich Ihnen?"
Gegen diesen Ton war er nicht gewappnet. Ein tiefes Rot der Verlegenheit stieg heiß in sein Gesicht.
„Nichts, nichts, wirklich nichts", stotterte er, „aber — aber so ohne weiteres schreiben: aus der Pacht wird nichts — nein, das widerstrebt mir."
„Also ist eö noch nicht bestimmt, daß
