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Mittwoch, 2. Kebruar 1916.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 53. ♦ 64. Jahrgang.
Dsterreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 1. Febr. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 1. Februar, mittags:
Russischer und italienischer Kriegsschauplatz.
Kein besonderen Ereignisse.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Die Lage in Montenegro und im Gebiet von S k u ta r i ist unverändert ruhig. Die Haltung der Einwohner läßt nichts zu wünschen übrig.
Der Stellvertreter des Chefs des Gencralstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Nach Durazzo und valona.
Es ist eine vielsagende Mitteilung, die der österreichische Generailstahshericht niacht, wenn er davon Kunde gibt, daß Alessio und der Adriahasen San Giovanni di. Medua besetzt worden sind. Dieser Hasen liegt nur 48 Kilometer von Durazzo entfernt, von wo wiederum mur noch 90 Kilometer bis Valona sind, der „italienischen Wbanesenfestung", idem Hauptstützpunkt Italiens am anderen Ufer, des „mare nostru". Den Italienern wird bänglich in ihrer Haut. Man hatte zutreffend erkannt, daß Montenegro den Schutzwall für Albanien bedeutet, und -deshalb zwar nicht den Montenegrinern Hilfe geleistet, -aber doch ihre Unterwerfung solange abzuleugnen versucht, bis alles Lügen nichts mehr half. Und jetzt sehen sich die Italiener, welche sich seit länger als 8 Monate vergeblich bemühen, die „unerlösten Provinzen" zu erobern, und die bisher allen Lockungen und Erpressungen der Entente, sich am Ltalkankrieg zu beteiligen, widerstanden, doch genötigt, einen zweiten Krieg, einen Balkankrieg, den Krieg iü Albanien zu führen.
Die Besetzung von Älessio und San Giovanni di Medua bedeutet den unverkennbaren Auftakt zum Vormarsch nach Durazzo, das von dem Räuberhauptmann Essad-Paischa, dem alten Kostgänger Italiens, mit Hilfe seiner Banden, versprengter Serben und Montenegriner und Wohl auch einiger italienischen Hilfstruppen gchalten werden soll. Mehr Bedeutung für den Vormarsch nach Durazzo als der große territoriale Schwierigkeiten bietenden Straße von San Giovanni di Medua kommt den beiden Wegen von Alessio zu, von denen die' Küstenstraße über Plana, Isini, Hamala und Jubra durch morastischc und sumpfige Beschaffenheit für schwere Frachten, also besonders für die Artillerie, große Schwierigkeiten bietet, während die Straße liber' Delbinisti, Kruja, Jlumi und Bazar Sfak zwar länger, aber besser passierbar ist. Die natürliche Starke Durazzos, das nicht als Festung anzusprechen ist, besteht in der östlich und nordöstlich vorgelagerten Lagune und in einem mehrere Kilometer breiten Sumpfgebiet, drirch das nur ein Fahrweg nach Elbafan und Ochrid^führt. Allein die österreichisch-ungarischen Truppen h«ben in Montenegro ganz andere Schwierigkeiten überwunden, und die weitreichenden Geschütze sprechen heute eine wirksame Sprache. Wenn sie von den: Bergkegel bei Bazar S j ak sprechen werden, dann wird das Schicksal Durazzos entschieden 'ein.
In Italien selbst scheint man nicht darauf zu rechnen, daß Durazzo ernstlichen Widerstand zu leisten vermag, und man setzt alle Hoffnungen auf Valona, welches nach der Verficherung italienischer Blätter so befestigt und aus-gebant worden ist, daß es als „uneinnehmbar" gelten Mrfte; wobei wir nur daran erinnern wollen, daß die italienische Presse auch den L o w t f ch e n für uneinnehmbar erklärt hatte, eine Behauptung, welche die Österreicher widerlegten: indem -sie ihn in: Sturm und noch dazu mit verhältnismäßig geringen Verlusten nahmen._ Immerhin ist nicht daran zu zweifeln, daß die Italiener alles versuchen werden, uni Valona, ihre letzte Stütze am anderen Adriaufer, zu halten. Hatten sic doch schon im Oktober 19)4, als sie noch ide Bundesgenossen der Donaumonarchie waren, in heuchlerischer und meuchlerischer Weise eine sogenannte Sanitätsexpedition nach Valona entsandt, angeblich um der albanischen Bevölkerung Krcmkenpfleger- dienste zu leisten.
Jetzt bleibt den Italienern, wenn sie nicht schmähliche Flucht vorziehen, nichts übrig, als Valona, das immerhin wesentlich st ä r k e r e n W i d e r st a n d als Durazzo leisten kann, und wohin unterdessen eine erhebliche Truppenanzahl geschafft worden sein soll, mit allen Kräften zu verteidigen. Valona wird von dem nur 40 Kilometer entfernten Berat aus bedroht, das ebenso wie Elbas an von österreichisch-ungarischen und bulgarischen Truppen beseht ist und von wo eine verhältnismäßig gangbare Straße nach Valona führt. Im übrigen scheint man sich in Italien darüber klar geworden zu sein, daß die bisherigen Anstrengungen
noch nicht genügen können, um dies „Schwalbennest an der Felsküste" zu Halten, und .das Dekret, wonach dem Befehlshaber der italienischen Landtvuppen in Valona auch das Kommando über die Seestroitkräfte an der albanischen Küste übertragen worden ist, läßt wohl nur den Schluß zu. daß man weitere Verstärkungen hinsenden will — die vielleicht unterwegs eine unliebsame Bekanntschaft mit Unterseebooten machen können.
Das Kabinett.Salandra hat sich zu diesem „zweiten Kriege" bekanntlich gegen den scharfen Widerstand Cadornas entschließen müssen, einmal «weil wieder die „Piazza" drohte, und zweitens weil Italiens Gebieter, weil England dekretierte, daß Italien auf dem Balkan mitmachen muß. Ist cs doch kennzeichnend, daß Truppen des italienischen Kreuzers „Piemonte" bei der unter erneutem Völkerrechtsbruch erfolgten Besetzung der Hafenfeftuug Karaburnn Mitwirken mußten. Die schöne Zeit, wo die Italiener sich wenigstens damit trösteten, daß sie nur „ihren Krieg" führten, scheint endgültig vorüber zu sein. Jetzt sollen sie außer ihren Prügeln auch noch die der anderen bekommen. Und weshalb sollten auch die Katzelmacher etwas vor den anderen Prügelknaben Albions voraushaben?
König Nikita auf Anraten seiner Minister geflohen.
W. T.-B. Wien, 1. Zehr. (Nichtamtlich.) Die „Neue Freie Presse" gibt ein Telegramm eines Kriegsberichterstatters über eine Unterredung mit den montenegrinischen Ministern R adulovic und Popovi c wieder, die erklärt haben, daß König Nikolaus auf ihr Anraten das Land verlassen habe, da mit der Möglichkeit der Gefangennahme gerechnet werden mutzte. Beide Minister erklärten weiter, die in Montenegro zurückgebliebene Regierung, bestehend ans Nadnlovie, Popovic unI General Vesovis, sei nach der Verfassung zweifellos berechtigt, Frieden zu schliefen, zumal da sie mit Zustimmung des Königs und auf Grund der Bestimmungen der Verfassung die Regierung übernommen hätten.
Flüchtlingselend in Montenegro.
Die Flucht König Nikitas. — Rußlands mißglückter Hilfeversuch.
Wien, 1. Febr. (Zeus. Bln.) Die Flucht König Nikolaus' scheint jetzt Aufklärung zu finden. Da der erbetene Waffenstillstand abgelehnt wurde, und weil die österreichisch-ungarischen Truppen, so lange die bedingungslose Waffenftrcckung nicht angenommen toar, auf ihrem Vormarsch selbstverständlich nicht anhalten konnten, fürchteie der König offenbar, von der Gefangenschaft überrascht zu werden. Nicht nur Familieneinflüsse bestimmten ihn zur Wreife, sondern auch die Regierung in Podgoritza legte sie chm nahe. Außer den Ministern wußte niemand von der Flucht, selbst die dem König am nächsten stehenden Personen nicht, wie sein Hofmarschall oder sein langjcchriger Leibarzt. Nach Z 16 der montensgrinischeu Verfassung hätte in der nunmehr geschaffenen Lage der Kronprinz die Regierungs- tätigkeit auszufichren. Weilt auch der Kronprinz, wie es jetzt auch zutrifft, außer Landes, so soll die Regierung nach znrückgelassenen Anweisungen des Königs handeln. Prinz Mirko ist in Schloß Krufchewatz bei Podgoritza. Eine österreichisch-ungarische Kompagnie bildet die Schloßwache. Im übrigen ist ganz Montenegro jetzt eine einzige Heerstraße serbischen Flüchtlingselends. Vor seiner Flucht hat das serbische Heer überall die Zivilbevölkerung nach russischem Muster in Polen fortgetrieben. Die Beamten bekamen noch die Gehälter für zwei Monate ausbezahü und mußten mit den Archiven davon, die sie dann im Stich ließen. 3000 von ihnen warteten erst in Durazzo, dann in Giovanni di Medua auf die versprochenen, aber nie eintreffenden Schiffe zur Überfahrt nach Italien. Alle diese Gerichts-, Post-, Bahn- und Forstbeamken und auch zahllose Beamte der geschlossenen Banken strömen jetzt mit den Überresten- der vertriebenen Familien über Montenegro herein, um nach Serbien zurückzukehren. Ihr Zustand spottet jeder Beschreibung. Ein Generalstabsarzt brauchte seit Oktober 6000 Franken für das Notdürftigste. Für ein leeres Zimmer bezahlte er 20 Franken die Nacht. Er kam von Podgoritza, nachdem er in Skutari kein Kommando mehr vorgefunden hatte, mit seiner Familie in einem Ochsengespann nach Cettinje, für das er 200 Franken bezahlt hatte. Der letzte Befehl hatte ge- lautet, daß jeder tun sollte, was ihm am besten schiene. Obwohl das fliehende serbische Heer seinen ganzen Autopark zurückgelassen hatte, konnte niemand der Wege halber im Kraftwagen reisen. Der ganze sorbische Park wurde in Ljuma Kuleh schließlich verbrannt. Unter den Fliehenden wütet die Dysenterie stark, Soldaten und Zivilisten starben täglich zu Dutzenden ans der Straße. In Ljuma Kuleh wurde auch Paschitsch zum letztenmal gesehen. Er rief den Soldaten jiu: „Wir gehen noch nicht unter, Rußland hilft uns." Ein Minister bestätigt, daß Rußland in der Tat über S i l i st r a durch R u m ä n t -c n zu marschieren und die Bulgaren anzugreifen gedachte. Ter Zar hatte sich in Odessa von den Truppen bereits verabschiedet. Als der Plan aufgegeben werden nrutzte, wurde mit den angesammclten Truppen die bessarabische Offensive urrter- nonrmen. Eüie Gruppe serbischer ArtiLlerieosfr-
z i ere wurde in Cettinje gofangengenoimnen. Sw waren während des ganzen Krieges Montenegro zugeteilt. Montenegro, das vorher ganz geringe Schulden bei der Entente -hatte, Hai jetzt eine Staatsschuld von 100 Millionen, hauptsächlich innere Anleihe. Die neuen Millionen wurden ohne Kontrolle gedruckt.
Ein serbisches Rumpfparlament.
Rom, 1. Febr. (Zeus. Blu.) In Rom sind 71 serbische Mgeordnete angekommen, die aber nach Korfu Weiterreisen, wo ein serbisches Rumpfparlament zusammentreten wird.
Zur bevorstehenden Befreiung der Saloniker Konsuln.
Nr. Konstantinopel, 1. Febr. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Die bevorstehende endgültige Befreiung der in Saloniki verhafteten Konsuln wird auch die -baldige Freilassungs der in der Türkei zu Vergeltuugszwecken verhafteten Airgehörigen der feindlichen Staaten zur Folge haben.
Oer Krieg gegen Nutzland.
Angriffe und Gegenangriffe bei Tschernowitz
Br. Berlin, 1. Febr. (Eig. Drahtbericht. Zenf. Bin.)
Aus Tschernowitz wird gemeldet: Die kleineren
militärischen Unternehmungen werden beiderseits „fortgesetzt Der Kanonendonner ist in Tschernowitz täglich hörbar. Besonders heftig waren die Kämpfe in der Nacht zum 26. Januar in der Gegend von Bojan. Die Russen konnten die verlorenen Positionen nicht zurückcrobcrn. Am 28. Januar griffen wrr bei Top o- routz mit vollem Erfolge an und machten viele zu Kriegsgefangenen. In der folgenden Nacht begann wieder die fcindlichcOffeusivc, die ebenfalls erfolg- l o s blieb.
Die vergeblichen Anstrengungen der Russen an der bcsfarabifchcn Front.
Bor einem neuen Sturm?
Berlin, 1. Febr. (Zenis. Mm) Der Sonderb«richter- statter des „B. T.", Age Madelung, meldet aus dem k. k. Kriegspvessequartier: Bei der Armee Pflanzer-Baltin, die mn äußersten rechtem Flügel 12 Tage lang ungeheure Massenangriffe des Feindes unerschütterlich Kuwückgewieseu hat, höbe ich von einem Beobachtumgsposten aus Einsicht in die russischen Stellungen nehmen dürfen. Die Höhen östlich und nordöstlich von Tschern^oitz sind heute, wie vor den letzten Schlachten, fest in der Hand der k. k. Armee. Hier werden die Russen sich nur blutige Schädel holen. In den soeben abgeschlossenen Kämpfen hatten die vordersten Reihen der Russen, die im einzelnen Mschrnttem ein Artilleriefeuer mit etwa 100 Einschlägen in der Minute ertragen mußten, keinen leichten Stand. Senkrecht über ihnen gingen in einem gnadenlosen Wolkenbruch unsere Granaten nieder, hinter ihnen lag wie ein Riegel der Hölle das eigene Sperrfeuer und vor ihnen rieselten unsere Gewehrkutzeln durch die Leiber der Mürmemden. Es ist ein herbes Handwerk, Graben zu stürmen und zu verteidigen. Bor unseren Hindernissen, an den Höhen, die Tschernowitz decken, lagen noch ganze Reihen gefallener Russen. Sie erheben sich nie wieder, mn Sturm! zu rennen. An ihre Stelle treten andere ein, jung und rosig, alt und lederbvaun nebeneinander, reichlich mit Körperkrrrft und Ausrüstung versohcn, nicht zu verachten, wenn sie in Schwung gekommen sind, unsere Braven hier bestätigen es bereitwillig. Wer es ist ihnen nicht gelungen, die Ecke hier an Rumäniens Grenze einzudrücken. Sie haben sich vergeb- lich bemüht und viermal größere Verluste als wrr gehäbt. Jetzt herrscht Ruhe, als wäre es die Stille vor einem! neuen Sturm.
Die Lebensmittelnot in Petersburg und Moskau.
Stockholm, 1. Febr. (Zens. Mn.) Zu den neuerlichen Berichten wegen der Verhaftung van Juden an der Moskauer Börse erfährt „Rjetsch", die Polizei hätte absichtlich das Gerücht von betrügerischen Lebensmittelspekn- l a n t e n verbreitet, um die Juden dann zu verhaften und so das wegen der Teuerung aufgebrachte Volk abzulenken. Trotz der Einstellung des Eisenbahnverkehrs für alle Waren Mischen Petersburg und Moskau ist die Lebensmittel- not in beiden Städten nicht beseitigt.
Die Eissperre im Hufen von Archangel.
W. T.-B. Kopenhagen, 1. Febr. (Nichtamtlich. Drahibe- richt.) „Poliriken" wird aus Bergen berichtet: Im Hafen von Archangel liegen 80 Schiffe eingefroren, größtenteils, englische urw russische. Ferner liegen in Archangel zwei moderne kanadische Eisbrecher, abi;r niemand ist dort, der sie richtig zu benutzen versteht. Außerdem liegen in den einzelnen Häfen der offenen murmanischen Küste etwa 20 «chiffe, die daraus warten, nach Archangel einfahren zu können, wozu jedoch geringe Aussicht besteht. Im Sommer soll der Hafen von Archangel bedeutend erweitert werden.
Neue russische Schlappen in Persien.
14 000 Perser im Kampfe.
Br. Konstantinopel, 1. Fevr. (Eig. Drahtbericht. Lens. Bin.) Der Berichterstatter der Ztg." er-
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