Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 31. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 31. Januar, mittags:
Auf allen drei Kriegsschauplätzen keine besonderen Ereignisse.
Der Stellvertreter des Chefs des Gencralstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.
Oie Lage im westen.
Der letzte Zeppelinangriff auf Paris.
„HavaS" bestätigt.
W. T.-B. Paris, 31. Jan. ' (Nichtamtlich.) Eins Note der „Agence Havas" besagt: Am 30. Januar,
aberids, bewegte sich ein deutsches Luftschiff in der Rich- tung Paris, wo es kurz nach 10 Uhr abecks eintraf. Es wurde von den Abwehrgeschützen beschossen und von Flugzeugen angegriffen. Das Luftschiff warf eine Anzahl Bomben, die nach den bisherigen Meldungen keinen Schaden verursacht haben. Um 11^ Uhr war der Alarm beendigt und die Beleuchtung wieder hergestellt. . »
Die Wirkung des Samstagnacht-Angriffes.
IV. T.-B- Paris, 31 Ion. (Nichtamtlich. Agence Havas.) Die Zahl der Samstagnack: Gelöteten erreicht 24, darunter mehrere Opfer, die nicht identifiziert werden konnten. Unter den Frstge- stelltcn kefinten sich 9 getötete und 14 verletzte Fronen, 8 getötete und 12 verletzte Männer und 2 verletzte Kinder. Eine Bombe höhlte einen Trichter vcn einem Meter Tiefe mit einer Öffnung von 5 bi? 6 Metern aus, die zweite durchschlug ein Haus von drei Stockwerken vollständig, die dritte zerstörte cm Haus von drei Stockwirken halb, die vierte ein solches von fünf Stockwerken, die fünfte richtete denselben Schaden an cineni anderen Gebäude an, die sechste verursachte unbedeutenden Schaden an einem Hause vcn siinf Stockwerken, die siebente zerstörte ein einstöckiges Haus, öie achte fiel auf die Straße herab und riß die Türen und Fenster etnes benachbarten Hauses auf, die nennte zerstörte eine Wand und den Hof eines fünfstöckigen Hauses, die zehnte durchschlug eine Werk, statt, die elfte siel auf einen Steinhaufen, die zwölfte zerstörte rin einstöckiges Gartenhaus. E.ne explodierte nicht.
Wertere Einzelheiten.
Br. Christiauia, 31. Jan. (Eig. Drahtbcricht. Zeus. Bin.) Zu dem Zeppelinangriff auf Paris wird hiesigen Blattern noch gemeldet: Zum ersten Male seit dem Monat Marz 1915 fielen am Samstag Zcppclinbomben auf Paris. Tausende von Menschen spazierten auf den Boulevards und die Schauspielhäuser waren voll besetzt, lim 10 Uhr sah man plötzlich Polizei und Feuerwehr durch die Straßen laufen, alles Licht auslöschen und e l c k t r i s ch c K a h e I d u r ch s ch n e i d e n. Jeder wußte, was bcvorstand, keiner aber suchte einen sicheren Zufluchtsort. Alle blieben auf den Straßen stehen und guckten in den dichten Nebel hinein. Eine Viertelstunde »ach 10 Uhr fiel der erste Schuß; ein Heller Blitzstrahl Stadt. Nur ernrge kleine Acroplanc landen das'Lust- Stadt. Nur einige kleine Acroplan faudcn das Lnft- schlff. Uber ihr bellendens Maschinengewehr dröhnte der Kanonenschuß des Zeppelins. Um I1/2 Uhr kehrte dle rrcucrwrhr zurück, zum Zeichen, daß die Gefahr vorüber sei. In einem Vorort von Paris hat das Bombardement besonders großen Schrecken hervorgerufen und viele Opfer gefordert. Ein Haus von 5 Stock- iverkcn, von zahlreichen Familien bewohnt, war völlig zerstört und eine Straße war bis zur Untergrundbahn .rufgerißen und dort ein Zug entgleist. Die vorgestern durch Zeppelrngeschosse zerstörten Metropolbahnwolbnn- gen verhinderten teilweise den Straßenverkehr. Zahlreiche Familien, durch die Erfahrungen der verflossenen Nacht gewarnt, improvisierten Schlafstellen in Kellerraumen. Während die Verfolgung des Zeppelins in der Nacht zum Sonntag von 39 Flugzeugen unternommen wurde, beteiligten sich diesmal über 50. Die Umrisse des Zeppelins konnte aber irur ein einziger Pilot wahrnehmen. Den Kampf aufzunehmen, dünkte aussichtslos. Heute nachmittag werden 23 Tote auf Staatskosten beerdigt. Die Familien von 30 Verwundeten erhielten Spenden. Mit furchtbarer Wucht zerstörten 13 Geschosse außer den Mietshäusern auch mehrere Schuppen und wühlten die Straßen vornehmlich im Parise'- Nordosten auf.
Alle Hände an der Arbeit.
W.T.-B. Paris, 31. Jan. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) „Havas"-Meldung: Als sich gestern abenb das feindliche Luftschiff näherte und das erste Alarmsignal ertönte, wurden wie abends vorher alle Dorsichtsmaß- . regeln ergriffen. Wachtleute löschten die Gasflammen \\ aus. Bürger kletterten mit Unterstützung von Schntz- : leuten ans die ^-'skondelaber und löschten das- Licht j ( aus. Jedes Kressen Fenster erleuchtet waren,
l s wurde von der droihenden Gefahr benachrichtigt. Auf \i Len Straßen befindliche Spaziergänger, läuteten an
wurde gestern abend, früher gegeben als am Tage zuvor. Die zahlreichen Sonntagsspaziergänger stellten sich auf den Straßen und Platzen auf und beckachteten neugierig den nächtlichen Hinrmel. Leider war die Nacht noch nebliger als die vorangegangene. Auch die in den Wohnungen befindlichen Menschen verließen, als die Hörnersignale der Feuerwehrleute ertönten, zahlreich die Behausungen und besvrachen auf den Bürgersteigen das große Ereignis, ohne irgend welche Furcht zu zeigen. Der Munizipalrat beschloß, einen Kredit von 20 000 Franken zur Unterstützung der -durch den Luft- angriff betroffenen Familien bereitzustellen. Auf dem Friedhof Pere-Lachaife wivd den Opfern ein eigenes Grab gewidmet werden. Der Polizeipräfekt läßt in den durch eine Bombe zerstörten Häusern Aufräumungs- arbeiten veranstalten, bei welchen eine nicht explodierte Bombe im Gewicht von 63 Kilogramm gesunden wurde.
793 Zranzosen und Belgier durch Luft° bomben ihrer Landsleute getötet.
W. T.-B. Berlin, 31. Jan. (Nichtamtlich.) Unsere Feinde im W e st e n richten bekanntlich fortdauernd Artillerie- und Fliegerangriffe auf die Ortschaften in den von uns besetzten Gebieten Fvankreichs und Belgiens. Auf die Einwohner der eigenen Nationalität wird dabei nicht die geringste Rücksicht genommen. Die hinter unserer Front fett bereits über Jahresfrist erscheinende „Gazette d'Ardennes" veröffentlicht seit einigen Monaten die Namen der getöteten und verwundeten Einwohner. Eine Zusammenstellung dieser Angaben ergibt für die Wirkung des feindlichen Feuers auf die eigene friedliche Bevölkerung folgende Zahlen:
Getötet:
Männer Frauen Kinder u. 15 Jahre» im September .... 88 40 24
im Oktober ..... 41 60 31
int November .... 11 21 13
im Dezember ..... 9 10 7
zusammen 89 131 75
Verwundet:
Männer Frauen Kinder
im September .
46
24
im Oktober......
110
51
im November ....
25
15
im Dezember.
27
18
zusammen 182 208 108
Insgesamt sind mithin während der letzten vier Monate des vergangenen Jahres 793 französische und belgische Bürger durch Geschosse ihrer Landsleute oder Engländer getötet oder verwundet würden.
England und öie Wehrpflicht.
Von General d. Inf. z. D. v. Blume.
Um die Menschheit vom „Fluch .des beutschen Militarismus" zu befreien, hat sich nunmehr England zu dessen Hauptprinzip, zur Wehrpflicht, bekannt. Wer das etwa für unlogisch hält, verkennt, daß England von der Vorsehung zur Beherrschung der Welt auserwählt ist und bei Erfüllung dieser Mission vor kleinlichen Bedenken nicht zurückschreckeu darf. Das wird wohl auch den dortigen Volkskreisen begreiflich gemacht werden, die bisher erklärt haben, sich der Wchrpflicht mit allen Mitteln wrdevsetzen zu wollen. Es ist wenig Wahlschein- '.ich, daß sze ihre Drohung verwirklichen werden. Wir hcken Mk: mit der Tatsache zu rechnen, cktz England im Begriff steht, die Wehrpflicht, wenn auch .mit zahlreicheren Ausnahmen, als bei uns bestehen, bei sich einzuführen, und die Frage liegt nahe, welchen Einfluß diese Tatsache voraussichtlich auf den weiteren Berlauf des gegenwärtigen Krieges ausüben wird Die Frage muß selbstverständlich vorurteilsfrei geprüft werden, eine Unterschätzung der Folgen wäre ebenso schädlich wie ihre Überschätzung.
Bekanntlich ist der größte Teil der wehrfähigen Männer Großbritanniens, der kräftig gerührten Werbe- trommel folgend, bereits in das Heer eingetreten. Mit Hilfe dieses Zuwachses wll die Zahl der für die Verwendung im Auslands verwendbaren, ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Divisionen, die bei Beginn des Krieges 6 bis 3 betrug, auf etwa 75 gestiegen sein. Die englische Gesamtmacht in Frankreich wird auf 34 bis eine Million Streiter geschützt. Dazu kommt eine beträchtliche Zahl Kolonialtruppen, die sich jetzt größtenteils im Ägypten, Indien, Mesopotamien und Griechenland befinden dürften. Die Anaaben über die Zahl der Rekruten, die die Wehrpflicht liefern wird, schwanken zwischen einer halben und einer Million. Sie werden allerdings nicht die wertvollsten Elemente des Volkes Erstellen, sondern überwiegend aus „Drückebergern" bestehen.
Immerhin wird England fortan über eine ausreichende Zahl von Ergänzungsmannschaf.
ten verfügen, um an eine weitere Erhöhung der schon beträchtlichen Kopfitärke ieines Heeres denken zu können. Wie steht es cker mit den Mitteln, ans einer halben oder gar ganzen Million von Rekruten kriegstüchtige Soldaten, Truppen- und Heerkörper zu bilden? Die dazu erforderlichen materiellen Mittel zu beschaffen, wird dem noch immer reichen Lande nicht allzu schwer werden. Aber an allem, was darüber hinaus der Zweck erheischt, leidet schon das heute bestehende englische Heer in solä-em Grade Mangel, daß es feinem inneren Werte nach nicht unerheblich hinter den Heeren der anderen kriegführenden Mächte zurücksteht.
Das -bedarf keiner eingehenden Begründung für den, der einige Kenntnis von militärischen Dingen hat. Aus einem Söldnerheere, dessen Bestand darauf berechnet ist, daß es im Falle eines kontinentalen Krieges die Unterlage für sechs, höchstens acht Divisionen bilden soll, kann man selbst im Belaufe von Jahren nicht ein den Anforderungen des großen Krieges entsprechendes Heer von 75 Divisionen schaffen, geschweige denn dieses ohne schwere Beeirrträchtigung seines inneren Wertes noch erweitern. Schon die «unzulängliche Zahl des berufsmäßig geschulten Lehr-, Führer- und Verwaltungs-Personals bildet ein Hindernis, das selbst eine kriegerisch hervorragend begabte Nation nur unvollkommen zu überwinden vermag. Nun ist die Bevölkerung Großbritanniens zwar körperlich tüchüg, zähe und taps«:. Aber der in ihr übermäßig entwickette Individualismus, starker Materialismus sowie scharf ausgeprägte Klassengegensätze beeinträchtigen die geifügen und moralischen Faktoren, von denen hauptsächlich die Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit eines Heeres anhängig ist. Dazu kommt, daß ein Volkskrieg, wie solchen England jetzt zum ersten Male zu führen unternommen hat, Anforderungen an alle Gebiete des Staats- und Vvlks- lckens stellt, denen ohne entsprechende Vorbereitung schwer Genüge zu leisten ist, und denen England unvorbereitet gegenübersteht. Kurz, es fehlt dort — der Militarismus, der den Engländern an uns so verhaßt ist.
Die Mängel, an denen das Heerwesen Englands leidet und bei weiterer Verstärkung seines Heerwesens noch mehr leiden wird, werden erst dann voll in die Erscheinung treten, wenn auf dem westlichen Miegs- schauplatz der Stellungskrieg wieder in den B c - wegungskrieg übergehen sollte, der schnelles, sachkundiges Entschließen und Handeln an allen Stellen, Verantwortungsfieudigkeit, nicht minder aber auch Ein- und Unterordnung von den höchsten Führern wie von den jüngsten Soldaten fordert. Millionenheere. denen es Hieran fehlt, sind unbeholfene Massen. Sie können wohl im Stellungskriege bei der Verteidigung und bei forgfälfig vorbereiteten Angrrffsunternehmun- gen sich als achtbare Gegner erweisen, im Bewegungskriege aber find sie einem nichtigen, wenn auch erheblich -minder zahlreichen Feinde gegenüber schwer im Nach- teil.
Es wivd übrigens längere Zeit vergehen, ehe die Einführung der Wchrpflicht in England praktische Be- deutung für den gegenwärtigen Krieg gewinnen kann. Die Vorarbeit für die Einstellung der neuen Rekruten und die Beschaffung der Ausrüstung für sie dürfte min- bestens zwei Monate dauern und der Spätherbst herankommen, che unter den schwierigen Ausbildungs- Verhältnissen an eine Verwendung der Leute im Felde gedacht werden kann. Möglich, daß man sich dann da- mit begnügen wird, -sie zum Ersatz der inzwischen ein- getretenen Verluste bei den jetzt vorhandenen Truppen- verbänden zu verwenden. Wie lange freilich England imstande sein wird, den Krieg nach Annahme der Wchrpflicht -wirtschaftlich durchzuhalten, ist eine offene Frage. Sicher ist nur, daß es das nicht länger als w i r vermag.
Zur „Lufitania"-Frage.
Eine Einigung noch nicht erzielt.
L. Berlin, 31. Jan. (Eigene Meldung. Zenf. Bln.) Die Nachrichten, die dieser Tage über den angeblichen Abschluß der Verhandlungen in -der „Lusitama"- Fvage vechreitet wurden, enfiprechen nicht den Tat- fachen. Zwischen Staatssekretär Lau sing und Botz- schafter -Graf B c r nst 0 r f f ist eine Einigung noch nicht erzielt worden, sie konnte auch nicht'erzielt werden, da die Regierung der Vereinigten Staaten immer noch Fa r d e r u n g e n stellt und Zugeständnisse verlangt, die über «das h i n a u s g e h e n, was wir als im Seekrieg gerechtfertigt arischen müssen.
Tie amerikanische Munitionsausfnhr.
Wilson mit einen, Veto gegen ein AussichrveeSot zur Hand.
W- T-B. Washington, 31. Jan. .Nichtamtlich. Drahlbericht) Renter meldet, es sei sicher, dag Wilson f-m Veto einlegen würde, wenn das Glsetz, das die Mmiitionsansfuhc verbi-t» durchging- Die Presse faßt den Standpunkt der Ämwik-wer datzi« zu.
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Dienstag, 1. Zebruar 1916.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 31. . 64. Jahrgang.
