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!> 9er Roman, t

Morgen-veilage des Wiesbadener Tagblatts, icnzir.»]

Nr. 24.

Samstag. 29. Januar.

1916.

(8. Fortsetzung.)

{lt* (Nachdruck verboten.)

Roman von Albert Petersen.

So, das ziehen Sie über Ihr Schuhwerk, Komteß, und dann kann's losgehen. Komm", wandte er sich an Meggers,wir gehen schon voran."

Die Männer verließen den Raum und schritten lang­sam die Warft hinab.

Das Vorland war sumpfig naß, die Stiesel der Männer sanken tief in die klebrig zähe Kleie des schwer«: Badens.

Jetzt kam auch die Gräfin schwerfällig in den plum­pen Holzschuhen die Warft hinunter. Der Wind fuhr noch ungestüm durch ihr seidiges Haar, aber die graue Wolkenschicht riß auseinander, und ein matter, zaghaf­ter Sonnenstrahl belebte endlich wieder die düsteren Watten. Und die Schate wagten sich wieder von der Warft herab und hnnrpelten in ungeschickten Sprüngen rum Vorland hin, daß von den nassen Wiesen das Wasser ausfpritzte. Die Möwen, die während des Sturmes ruh- los und angstvoll kreischend ninhergeflattert waren, schwebten wieder niit reqelinäßigem Flügelschiage über den Watten, die roten Stelzenbeine und das schwarz- weiße Gefieder der würdigen Austernfischer sah man wieder draußen auf dem glatten Lchlick.

Die Männer hielten an und »»arteten auf die Gräfin, die sich mühsam auf dem klebrigen Baden näherte. Aber sie schien bester Laune und rief schon von weitem:So, Herr Harring, nun erklären Sie mir mal, wie Sie sich die Befestigung und Sicherung der Hallig denken."

Er meinte erst ablehnend, es habe ja keinen Zweck, darüber zu reden, dann aber begann er doch zu erklären. Da, wo die Schlickzungen sich weiter in die See erstreck­ten, müßten Pfahlreiben gerammt, mit Draht und Buschwerk dichte Schutzzäune errichtet werden. Hier, wo die Wogen besonders stark gegen das Vorland, rann­ten und im Boden wühlten, ließe sich aus Zament ein Wellenbrecher bauen. Drüben, wo das Gras schon so hoch stehe, würde es sich lohnen, eine Art Sommerdeich anzulogen. Und je länger Mvmmc sprach, desto eifriger wurde er, Meggers wart dann und wann ein beistim­mendes Wort ein, und Karola von Adlersfelde dachte: Wie lebhaft dieser schweigsame Friese doch werden kann, wenn er ein Thema behandelt, das ihn interessiert. Es wäre doch eiaentlich jammerschade, wenn er seinen Plan nicht verwirklichen könnte."

Während Mommes Auseinandersetzungen waren sie am Rande des Vorlandes entlanggegangen und kamen jetzt nach der Seite, welche dem Festland am nächsten lag.

Die Gräfin blieb entzückt stehen. Bei der Ankunft nach der aufregenden Fahrt hatte sie nicht bemerkt, daß die Strandnelken und -astern in voller Blüte standen. Jetzt sah sie die weiten Flächen in ihrer keusch-rofigen Pracht. Und die Risse im grauen Wolkentuch wurde»: immer größer, die Fetzen des HstumelSblaus wuchsen, und goldig warm lachte wieder der Sommersonnenschein auf Watten und Küste herab. Die Seeschwalben flat­terten eifrig hin und wieder, und eine Lerche stieg jubelnd über der Hallig auf.

Wie seltsan: schön ist cs eigentlich", sagte Karola von Adlersfelde-Falkenhain leise, mehr im Selbst­gespräch als zu den anderen. Und die beiden Friesen standen stumm «dabei, blickten mit ernstfrendigen Augen zu ihrer Heimatküste hinüber. In allen dreien war plötzlich eine feierlich andächtige Stimmung, und sie wuvden sich doch nicht klar, warum:.

Die Gräfin ging zuerst weiter. Aber sie forderte Moinme Harring nicht auf, in seinem Gespräch fortzu- fahrcn, und er schwieg.

So kamen sie bis zu jenein Einschnitt, wo das Boot lag, und die Gräfin fragte:Wann werden ivir zurück­fahren?"

Da lachte Meggers:Bei diesem Westwind werden wir wohl schon in einer Stunde fahre»: können, sonst müßten »vir noch länger aufs steigende Wasser warten. So langweilig Ihnen das auch wäre."

Sie widersprach. Und da sie fühlte, daß Momuie Harring sic forschend ansalh, fügte sie hinzu:Ich habe seit langer, langer Zeit keinen so fesselnden Tag erlebt wie heute."

Wer als sie in seinem Gesicht eine Wirkung ihrer Worte lesen wollte, waren seine Züge unbewegt, unver­ändert. Moinme dachte:Wieder solch hingaworfener Schnack, ans den man nichts geben kann."

Meggers führte seine Gäste »roch durch die Räume des Hauses, in denen sich Teile von angeschwernmtein Strandgut befanden, darunter ein holzgeschnitztes Uhr­gehäuse, .das drei japanische Jongleure darstellte. Es war in seiner Art ein Kunstwerk, und die Gräfin rief entzückt:Wie reizend."

Meggers erzählte, daß vor etwa zahn Jahren ein französischer Scaler draußen ans die Sandbank ausge­laufen sei. Bei sinkenden: Wasser sei das Schiff gevade- z»r auseinandergebrochen. Damals sei«: viele Gegen­stände an die Hallig gespült -worden.

Me Männer begannen plötzlich zn lachen. Und Meggers fuhr fort:Eine Tonne Rum war auf Vor­land gerollt und nachher ausgelaufen. Der Hsitejn»:ge behauptete, die Schafe hätten sich einen gehörigen Rausch angetrunken und wären wie toll auf der Hallig nmher- getorkelt."

Muß ein hübsches Bild gewesen sein", lachte Gräfin Karola.

Die Zeit bis zur Abfahrt verstrich schnell. Die Gräfin wollte dem Hütejungen ein Trinkgeld in die Hand drücken, er aber legte die Fäuste ans den Rücken, schüttelte unwillig dei: Kopf und sagte:Nee."

Die See war noch bewegt, aber ohne Mühe lenkten die Männer das Boot.

Aus «der Deichbrücke desTanzenden Seehunds" stand schon sttlndenlang Fräulein Bangett und blickte in höchster Unruhe ans die See hinaus. Sie hatte sich, trotzdem «diesebäuerlichen Menschen" ihr eigentlich nicht appetitlich genug waren, von Frau Meggers einige wol­lene Tücher geben lassen und stand mit so rnnwickeltsm Hals da, als leide sie an Mandelentzündung. Drüsen