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] Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,

Nr. 21. Mittwoch» 26. Januar. 1916.

DXß ITI« (Nachdruck verboten.1 .

Roman von Albert Petcrsen.

T.

An den Feldwegen der Geest standen blaue Glocken­blumen und goldgelbes Löwenmaul in wuchernder Fiille. Weite Mächen toaren mit weißlich blühendem Buch­weizen bepflanzt, hier und da zwischen Kartoffelland und Haferfeldern leuchtendgelbe „Rapssaat"-Streifen, die sich wie breite Bänder durch das vorherrschende Grün dahinzogen.

Die Bauernkaten lagen verstreut an den sandigen Wegen. Die kleinen Gärten, in denen Feuerlilien und Perlblmnen blühten, waren von einem Wall umgeben. Nur hier und da hatte man aus Findlingen oder den Steinen von zerstörten Hünengräbern eine rohgefügte Mauer errichtet, deren kaltes Grau durch frischgrüne Moosfetzen oder Löwen«ihnpflanzen belebt wurde.

Die Katen waren wenig einladend. Das Stroh­dach beschädigt, durch die niedrige Haustür Nälzte sich der Rauch des offenen .Hevdfeuers. Tie kleinen Fenster ohne Gardinen und allzu üppige, knallrot blühende Geranien hielten das bißch-en Tageslicht ab.

Auf dom unkvautreichen Holzplatz hüpften die Hühner zwischen landwirtschaftlichen Geräten, Eimern, Heu- und Kartoffelliaufen herum. Der Hahn saß auf der Holzplanke, welche den Brunnen umgab.

Der Stall war leer, da das Vieh sich jetzt auf der Koppel befand. Die kleinen Geestbanern führten ein hartes Loben, sie mußten schwerer arbeiten als die Knechte ouf den Marsckhöfen drüben. Mer sie saßen doch auf ihren eigenen Besitzen und klebten als echte Friesen an der Scholle. Treu !l»d zuoerlässig ihren Freunden, waren sie Fremden gegenüber mißtrauisch, abweisend, wortkarg.

Eine der besten Landstellen, welche auf dom Haupt- Wege vom Marktflecken Bredbro nach beit Marschkögen lagen, gehörte Tpcho Tychsen, der mit seinem Sohne Uwe und seinen Töchtern Syssel und Petrea den kargen Boden bewirtschaftete. Die Frau ruhte seit Jahren schon ans dmn Bredbroer Friodhof.

Die Sonne neigte sich gen Westen. In der klaren Sommerluft sangen die Lerchen iioch ihr Abendlied. Auf den Koppeln brüllte hier 'und da das Vieh. Von den Teichen drang das oielstiinmige Konzert der Frösche.

Tycho TyMen war mit den Seinen vom Felde zu­rückgekehrt. Vater und Sohn hatten noch in der Scheune zu tun, die zwanzigjährige Syssel bereitete am Herde das Abendessen, die gewohnte Buchweizengrütze. Ihre um Zwei Jahre jüngere Schwester Petrea war an die Gartenpforte getreten und blickte auf die Abendlcmd- schaft.

Im Osten, woher die Dämmerung mit leichten Schleiern nähte, stiegen die Hügol des .Mittelrückens" sacht an. Noch lag die Heide braun und unfreundlich da. Hier und da Felder, ein Tannengehölz, ein Dörf- lein mit armseligen Hütten. Vom Flecken, dessen rote Dücher aus dem Grün der Gärten schavfumrändert lugten, klang das Schlagen der Turmuhr.

Der Westen war noch in Sonneng )ld getaucht. Fried­lich, in stolzer Einsamkeit lagen ans den hohen Warften die Marschhöfe inmitten des fruchtbaren Landes, ^n der Ferne zogen sich die grünen Deiche hin, _ und da­hinter, scheinbar in der Luft schwebend, glitzerte die Nordsee mit den Inseln und Halligen.

Schlank und rank stand das Mädchen da. Das licht­blonde Haar stand in seltsarnom Gegensatz zu dmn sonnen- gebräuntcn Gesicht, dessen Züge regelmäßig geschnitten waren und trotz der ein wenig energisch gebogenen Nase doch etwas lieblich Anmutiges hatten. Die Augen tvarcn graublau, blickten kühl und keusch.

Petrea hatte die Hand schirmend über die Augen ge- legt und blickte nach der Marsch hinunter, sodatz sie nicht das Nahen einer Kutsche bemerkte, deren Pferde sich mühsam durch den sandigen Weg von Bredbro her- arbeiteten.

,Le, du, komm' mal her", rief eine Helle Fraiien- stiinme. Das blonde Mädchen wandte jäh den Kopf und blickte erstaunt fragend nach dem Gefährt.

Auf dein Bock saß stolz und steif der Kutscher mit glattrasiertein Bedientengesicht. Jiil Wagen lohnten sich Zwei Damen ins Polster zurück, eine jüngere mit schönen hochmütigen Zügen, streng rrnd herrisch blicken­den Augen. Sie trug ein enganliegendes Kostüm, welches trotz der sitzenden Haltung den straffen, juno­nischen Wuchs der Dame erkennen ließ. Auf dem üppigen, braunen Haar, dessen zierliches Fädengewirr und weicher, warmer Glanz in seltsamem Gegensatz zu doni abweisenden Gesichtsausdrnck und den energisch gezeichneten schwarzen Aiigenbraiicii stand, saß ein kleiner graugrüner Jägerhut mit kurzen Bussardsedern als einzigem Schmuck.

Die ältere Begleiterin war ein rechter Typ der gräf­lichen Gouvernante und herrschaftlichen Gesellschafterin. Wenn man dieses hagere, faltige, gelbliche Gesicht, auf dem trotz aller Anstrengung, süßlich zu lächeln, die ge- Henne Verbissenheit durchkam, wenn man diese halb ängstlichen, halb lauernden Blicke auf die Herrin beob­achtete, so wunde man mit geradezu lächerlicher Auf­dringlichkeit an die Witzblatt-Karikaturen altjüngferlicher Gouvernanten und „AnstandswauwauS" erinnert.

„He, bat, komm' mal her", rief die jüngere Dame wieder, noch ungeduldiger und herrischer als vorher.

Petrea rührte sich nicht. Ihre slahlavauen Augen blickten abweisend ruhig in die zornig blitzenden der Fremden, welcbe sich ein wenig vornübergelehnt hatte wie zum Angriff.

„Hörst du nicht, Magd, die gnädige Komteß vuft dich", sagte jetzt der Diener mit schnarrender Stmrme und hielt die Pferde an.

Das Mädchen Kreiste den Kutscher mit verächtlichem Blick und antwortete dann langsam: „Wenn Sie etwaS von mir wollen, Sinnen Sie Ihrem Kutscher ja be­fehlen, daß er näh» herfährt."

„Köstlich", und die Gräfin lachte hart auf. Wer doch lag jetzt in ihrem scharfen Blick eher Neugierde und Interesse als Zorn.