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Dienstag, 25. Januar 1916.
Abend-Ausgabe.
Hr. 40. . 64. Iahrgang.
Wir und Rutzland.
O Berlin, 24. Januar.
Die Mitteilungen der „N. A. Z." (Vergl. Sonntag- Morgenausgabe. Schrift!.) über die Rolle der kleinen Balkanstaaten vor dem Kriege und über die russischen Treibereien und Wühlereien auf dem Balkan sollen uns zu einigen Bemerkungen Anlatz geben. Was die „N. A. Z." über geheime, unter russischem Einfluß gestandene Verhandlungen über einen serbisch- montenegrinischen Zusammenschluß erzählt, ist für die breitere Öffentlichkeit wohl neu, nicht aber für Personen, die schon früher manchen Einblick in die unterweltliche Vorgeschichte dieses Krieges haben tun können. Auch wir hatten vor Kriegsausbruch von jenen Zettelungen vernommen, und Avar wurde uns damals von der Möglichkeit gesprochen, daß Serbien und Montenegro durch irgendeine dynastische Ü b e r qa n>g s so rm verschmolzen werden könnten, daß also Serbien über Montenegro zur Adria vorrücken und so die Donaumonarchie vor die Entscheidung stellen könnte, die sväter, durch Leu Mord von Scrajewo, auch eintrat. Mer diese russisch- serbisch-montenegrinischen Machenschaften sind nicht das Wesentliche an der Darstellung der „N. A. Z.", sie sind nur ein neues Beweisstück für etwas, was das genannte Blatt ruhig d e u t l i cher hätte äus'prechen können, nämlich dafür, daß Rußland den Krieg z u e r st und zuletzt gegen Ö st e r r.e i ch - U n g a r n geführt hat und weiterführen wird, daß in dem österreichisch-russischen (Gegensatz neben dom englisch-deutschen der entscheidende Kriegsgrund gesucht werden muß. Mit wohl 5 >r begreifender Bitterkeit stellt die „N. A. Z." fest, wie schnöde die russischen Machthaber alle deutschen Freundlichkeiten, alle von Berlin ausgehenden Bemühungen um Bewahrung eines überlieferten guten Verhältnisses stets zurückgewiesen haben. 'Liest man diese Schilderung, so fragt man sich aber sofort, warum Rußland gerade solche, der Tradi- tion eines Jahrhunderts entgegenlaufende Politik beharrlich verfolgt hat, warum man sich in Petersburg auf die Serie Englands schlrrg, das dem Zarenreiche doch durch die Entfesselung des Krieges nrit Japan den schwersten Schaden zugefügt hatte. Dies Verhalten muß doch erklärt werden können, es muß doch ein Sinn in dieser russischen Politik stecken. Man bedenke, welche wichtigen Dinge die ,,N. A. Z." berichtet und wie noch viel Wichtigeres sie zwischen den Zeilen merken läßt. Das Regierungsblatt erzählt, „daß Deutschland nach dem Frieden von Portsmouth den Ana erblick für gekommen hielt, in seinen seit dem russisch-türkischen Kriege im Berliner Kongreß getrübten Beziehungen zu Rußland eine neue Seite aufzustlilagen und sie ans die Basis aufrichtiger gegenseitiger Freundschaft zu stellen". Dreier Satz enthüllt also eine bisher unbe- könnt gebliebene Tatsache. Die „F r e u n d e s h a n d" wurde Rußland entzgegengestreckt, aber cm der Newa wurde sie z urückgewi esc n, und dafür vollzog Rußland die Annäherung an 'dasselbe England, den, es seine furchtbare Niederlage in Ostasien ins Schuldbuch zu schreiben hatte. Wie konnte das geschehen? Man wußte in Petersburg doch auch, daß sechs Jahre zuvor englische Bündnisangeb-ote vom Fürsten Bülow abaelchnt worden waren, weil sich die deutsche Politik nicht gegen Rußland testlegen wollt?. Obwohl man also wissen konnte und auch wirklich wußte, wie gut wir es mit Rußland meinten, vollzogen der Zar und sein Ratgeber die Wahl, der wir setzt den Weltkrieg zu danken haben. Bor dem Kriege, als es üble Sitte war, die deutsche Staatskunst gawohnbeit^räfsig hinter die vermeintlich überlegene Diplomatie unserer Feinde zn stellen, hätte man aus den geschildert?!, Vorgängen wohl wieder ähnliche Schlüsse gezogen. Heut? sehen wir klarer, wie unerbittlich sich ein durch keine Kunst und keinen guten Willen abzuwendend:s Weltenschicksal zusammengebaut bat. Wir können ruhig sagen, jeder der von der „N. A. Z." aufgezählien Versuche mußte mißlingen, weil niemals die Quadratur des politischen Kreises zu finden war. der die Feindschaft zwischen Rußland und Osterreich-Ungarn mit seiner in sich selbst Wrücklaüsenden Linie dauernd umspann. Rußland hat niemals Vorstöße nach Ost und West zugleich unter- noinmen. Wenn es nach Ostasien vordrana, ließ es den europäischen Südosten in Ruhe-, wenn es hier ongriffs- weise austrat, zog es sich aus Qstasiev zurück. Nach dem Kriege mit Japan drang die russische Politik wie- der gegen die untere Donau imd die Meerenge vor, und es ist wohl klar, daß wir, für die ein st a r k e s D o n a u- reich mit zu den eigenen Daseinsbedingungen gehört. den russischen Machthabern nichts bieten konnten, was nicht von England übevboten wurde, nachdem man sich in London entschlossen hatte, den bisherigen Gegensatz zum Zarenreich durch die Errichtung des berühmten^ ,.Lände rverwiluugssyndikats" zu begleichen. Gegen diese „Tatbestände" konnte denn Wohl keine noch so wohlwollend gesinnte deutsche Politik tmikam-
men. Wir müssen aber weiter fragen (denn mit Rückblicken allein ist es ja nicht getan), ob 'das für innner so sein muß, ob nicht Umschwünge möglich sind. Hatte sich Rußland von der ostasiatischen Mauer, über die es nicht hinwegkam, nach dem europäischen Südosten gewandt, so mag es eines Tages, wenn diese Mauer ebenfalls unübersteiglich ist, wohl wieder eine Schwenkung nach Asien hin versuchen, und der Weg über Persien zum Indischen Ozean wird ja bereits tastend abgesucht. Es sind das werdende Dinge, die man nicht vorzeitig bereden soll, aber wir wollen sie im Auge behalten.
Die Ereignisse auf dem Balkan.
Der blulize Zusammenstoß zwischen Montenegrinern und Albanesen in podgoritza.
Der Albanesenführcr Boljctinatz getötet.
W. T.-B. Wien, 25. Jan. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Aus dem Kriegsprcsscquartiec wird gemeldet: Unser Gcricralstabsbericht vom 24. Januar erwähnt mm Schluß der Mitteilungen über Montenegro, daß in
Podgoritza Ausschreitungen vorkamcn, die mit dem Erscheinen der ersten österreichisch-ungarischen Truppen nufhörten. So viel bisher bekannt geworden ist, bestanden diese Ausschreitungen in einem blutigen Zusammenstoß zwischen Montenegrinern und den bei Podgoritza wohnenden Albanesen, der dem bekannten Albanesenführcr Boljctinatz und seinem Sohne das Leben kostete. Die Ursache ist noch nicht aufgeklärt. Verschiedene montenegrinische Beamten eilten den an- rückendcn österreichisch-ungarischen Truppen entgegen und baten deren Kommandanten, den Einmarsch in Podgoritza zu beschleunigen, damit Ärgeres verhütet werde. Unser Einrnckcn in Podgoritza traf die Stadt bereits ruhig.
Neue Funde im Archiv von Mich.
Die Blutschuld des Zaren.
Br. Budapest, 25. Jan. (Eig. Dvahtbcricht. Zcns. Bln.) „Az Est" zufolge fand man in dem N i s ch e r Archiv des Kronprinzen Alexander §wei an ihn gerichtete Briefe und ein Telegramm des Zaren Der erste Brief befiehlt, die Narodna Obrana nicht auszulösen und das Ultimatum Ö st e r r e i ch - U n g a r n s z u r ü ck z u w e i s e n, da Rußland geneigt sei, Serbien bewaffnet zu unterstützen. Der zweite Brief setzt die Erfolge auseinander, welche Serbien erreichen könne, wenn Rußlands Verfügungen befolgt würden. Der Zar beruft sich auf seine bewaffnet? Macht und fordert Serbien aus, bis zum letzten Bluts- tropfen zu kämpfen. Die Briefe wurden in einer Reisetasche geftinden.
Liner der Lerajewo-Attentater gcstorbo-.
Br. Theresienstadt, 25. Jan. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Mn.) In der hiesigen Militävstrafanstalt ist der serbische
Anarchist C a e r i n o v i c, der in dem Prozeß gegen die Attentäter von Serajswo am 28. Juni 1914 zu 2 0 Jahren schweren Kerkers, verschärft mit harten: Lager in einer Dunkelzelle am 28. Juni eines j-eden Jahres, vernrteilt worden war, an Lungentuberkulöse gestorben. Der damalige 19jährige Buchdrucker, den die Anklageschrift an zweiter Stelle «ufsühvt, war jenes Mitglied der Berschworenen, die auf der Fahrt des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand aus dem Appel-Kai in Serajewo gegen das Automobil eine Bombe warf, die bei ihrer Explosion aber ihr Ziel verfehlte, so daß nur Personen hinter dem Automobil verletzt wurden. Wegen Minderjährigkeit kannte er ebensowenig wie der Haupttäter Princip zum Tod verurteilt wevden. Er wurde zur Abbüßung der gleiche» Strafe, die Princip erhielt, nach Theresienstadt gebracht.
Die serbischen Heeresresrs in Albanien Sicherlich weit übertriebene Angaben.
Br. Berlin, 25. Jan. (Eig. Drcchtbericht. Zens. Bin.) Über die Stärke des aus Albanien geflüchteten serbischen Heeres werden dem Berichterstatter der „Voss. Ztg." noch folgende Angaben gemacht: GS beträgt rund 100 000
Manu (?) mit 8500 Offizieren; 50 000 Mann seien noch mit Gewehren versehen. Sie sollen noch itber 170 Maschinengewehre verfügen, aber das Artillericmatewml soll fast vollständig verloren gegangen sein.
Die Annahme der Zeldmarschallrvürde durch den König von Bulgarien.
W.T.-B. Sofia, 24. Jan. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) Meldung der bulgarischen Telegraphen" Agentur: Der König hat folgenden Tagesbefehl erlassen: Airs den nsir durch den Oberbefehlshaber und die höheren Truppenbefühlshaber auSgedrückten Wunsch meiner teuren Armee willige ich ein, die Würde eines Genera I f e I d m a r s ch a l l s anzunehnwn, als Zeichen des Dankes gegen Gott und als Erkenntlichkeit gegenüber den Soldaten für ihren opser wiligen Hel», denmut und ihre glänzenden Siege.
Der König von Montenegro in Lyon.
W. T.-B. Ly»n, 25. Jan. (Nichtamtlich. DoaHtbericht.) Der König von Montenegro mit dem Kronprinzen Danilo, dem Prinzen Peter, der Prinzessin Mikitza und Gefolge sind gestern hier an gekommen und im Hotel abge-, stiegen. Es fand großer Empfang statt.
Eröffnung der griechischen Kammer.
W. T.-B. Athen, 25. Jan. (Nichtamtlich. Agenc: HcrvaS.j Die Eröffnung der Kammer fand gestern unter den üblichen Feierlichkeiten statt. Ministeryräsüwnt S k u l n d i s verlas die königliche Verordnung, durch welche die Kammer eröffnet wurde, worauf die Abgeordneten in den Ruf .E3 lebe der König!" ausbrachen. ES folgte die Eidesleistung, woraus die Kammer sich Ivielder vertagte. Der Tag der nächsten Sitzung ist noch nicht bestimmt. D-e Abgeordneten des Nordpiräus nahmen an der Kammrreröfsnri ag teil und leisteten den Eid.
