iw "üü i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. ! «■■ -
Nr. 19. Sonntag, 23. Januar._ 1916.
(13. Fortsetzung.) SCVßütffltllUS, (Nachdruck verboten.)
Eine Geschichte auS dem Rokoko von Felix v. Stenglitt.
19.
Vor der Dafel versammelte sich der engere Hof in der Galerie. Es wunde fast gar nicht gesprochen, wie idas manchmal gerade dcrnn zu sein pflegt, wenn inan einander viel zu sagen hätte. Dunkelstein war nicht gekommen.
Da öffneten sich die Flügeltüren, und Serenissimus erschien mit der Prinzessin, um sie in den Speisssaal zn führen. Nachdem beide die tiefe Verneigung der Hofherren und Hofdamen erwidert hatten, schien es, als ob sie vorübergehen wollten, ohne jemanden anzu- rcden. Doch vor Aglaja von Duoal hielt Serenissimus einen Augenblick inne. Neben ihr stand Peter von Himmelpfort, als ob er zu ihr gehöre.
„Ach, Fräulein von Duval", sagte der Herzog förmlicher als in der lebten Zeit, „liebtet Ihr nicht eigentlich einen anderen?"
„O ja", antwortete sie schlagfertig, „aber heiraten »nächte ich nur Peter von Himmelfisort."
Da nickte Serenissimus langsam und ging, seine Schwester am Arm, in den Speffesaal.
Bei Tisch sprachen die Durchlauchten wenig, und so duar auch Zurückhaltung für die anderen geboten. Max Von Rabenhorst wagte trotzdem einige kecke Bemerkungen. Fräulein von Ginster, die zn seiner Rechten saß, dämpfte ihn durch stachlige Antworten. In Himmcl- pforts nnd Aglajas Mienen lag noch etwas von Befangenheit und Ungewißheit. Es »var ja eigentlich nichts Neues zwischen ihnen zu besprechen, denn sie hatten sich schon längst heiraten wollen; und doch war alles neu, da beim Gedanken an ihre Pläne jetzt ihre Herzen nütschwangen. Veronika hatte sich -sghr verändert. Die leidenschaftliche Unruhe der letzten Zeit war abgestreift; sie sprach mit auffallend bestimniten!, unfchwärincrifchenn Klange, eine satte Heiterkeit lag iiber ihrsm Wesen.
Stach Tisch, als in der Galerie sttzhend der Kaffee genommen wurde, näherte Rabenhorst sich feiner Frau.
„Abscheuliches Gefühl, wenn alle so ungemütlich find", bemerkte er mit geflachter Stirn. „Man sollte sich bald zn den Türken anfmachen."
Veronika fand von ihrem gesicherten Standpunkt ans den Mut, kühl zu erscheinen.
„Geht in Gottes Namen, wenn es Euch fortziehi", antwortete sie ruhig.
Da sah er sie etwas erstaunt an.
„Ihr behauptetet einst, mich zu lieben."
Sie seufzte leicht. „Übrigens sind die Sachen aus internet Heimat angekommen", antwortete sie ausweichend.
„Ich habe das Ho flehen satt", gab er zurück. „Darüber Muß ich mich mit Euch besprechen. Ihr werdet nichts dagegen haben, daß ich Euch nachher zur Stadt begleite, um mir die Sachen anzuschen."
Max von Rabenhorst kannte sich selbst sehr wenig, sonst würde er gewußt haben, daß seine berzweifelte
Stimmung nichts war als das Verlangen nach einem Menschen, der Anteil an ihm nahm. .
„Ich erwarte Euch also nachher m der Halle, sagte Veronika leise und konnte dabei einen fluchtigen Blick alter Liebe nicht zurückhalten.
Ms der Herzog abends durch Bächle erfuhr, daß der Leutnant von Rabenhorst seine junge Frau in ihre Wohnung begleitet habe, konnte er sich einer Bemerkung nicht enthalten: . , _ , _
„ßa, ßa! Und da sage man noch, daß der Moral-E» laß nicht nötig war!" —
Diese Stimmung der Selbstzufriedenheit wurde indes am nächsten Morgen jäh unterbrochen, als Serenissimus das Cntlassungsgesnch des Kammerherrn von Dunikelstein erhielt. Er ivar sehr zornig, und eS dauerte eine ganze Weile, bis er sich ein wenig besänftigte. Dann freilich gestand er sich, daß er den Kammerherrn iiicht vor dem ganzen Hof und der Dienerschaft hätte obkan- zcln dürfen. Ja, endlich mußte er — wenn auch mit einem unangenehmen Gefühl in der Herzgegend — zugeben, daß Dunklestein in klarerer Voraltssicht gehandelt hatte als er selbst. Und plötzlich konnte er gar lächeln darüber, daß man ihn für elastisch genug gehalten habe, eine Vevführerrollc zu spielen, und fähig, einem reizenden jungen Mädchen zn gefallen. Wie aber oft sehr verschiedene Empfindungen einander folgen, so schloß sich eine sehr ernste, fast tragische an. Er sah sich nachts im Park mit der kleinen Agilaja, drückte ihr die Hand und sprach zn ihr: „Aglaja! Lcbe wohl! kleine Aglaja!"
Prinzessin Emilie pries dir himmlische Vorsehung, die als Prüfung fiir ihren Bruder einen verhältnis- mäßig leicht zil lösenden Konflikt gesandt hatte, denn sie war fest überzeilgt, daß der Angelegenheit Dunkelstein nnd keiner anderen die Warrmngen gegolten hatten, die ihr durch ihre Evscheinungen zuteil geworden waren. Und darum beschwor sie den Herzog, den Wink des Schicksals zn verstchcn nnd die Sache beizulegen.
Bei Besichtigung der neuen Porzellankanyner war's, daß Serenissimus in Anwesenheit des Hofes und der Dienerschaft seinem Kammerherrn von Dnnkelstein einige besonders freundliche Worte sagte, die als Ent, schnldigung gelten konnten.
Die Prinzessin war beglückt. Der Kammerherr aber äußerte ganz leise zn seinem Herrn — und damit hatte er allerdings die beste Rechtfertigung seines Verhaltens gegeben: .....
„Euer Durchlaucht wollen doch auch gnädigst bedenken, daß Sie andernfalls in Gefahr gekonnnen wären, unter Ihr eigenes Gesetz zu fallen."
Serenissimus brach die Unterhaltung ab. Hiervon durfte niemand, am allerwenigsten feine Schwester, etwas wissen.
„Ah, mon eher, ist noch nicht alles in Ordnung?" fragte sie.
„Alles."
"Ich befürchtete schon, es sei Euch noch ettvas andere? zngestoßen."
