* i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 18.
Samstag, 22. Januar.
1916.
(12. Fortsetzung.)
Eine Geschichte aus dem
.®P § öer Herzog sich von Aglaja verabschiedete, sagte er chr: „Ich sehe Euch valdl"
Und als sie bann unter dem Schwarm der Fort- Myenden stand, hörte sie dicht hinter sich Rabenhorsts Stimme. ,,^;ch muß Euch noch einmal allein sprechen — zum letzten Male!"
_SBto&er lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter.
Sre machte, ohne zu antworten, einige Schritte zur Serie, da stand Kimmelvfort plötzlich naben ihr und sagte^mrt seinem freundlichen Läclreln:
/'-pst es nicht ein entzückender Abend, .Freundin Aglaia? Habt Ihr übrigens bemerkt, wie die Stadt- damen uns in ihre Teilnahme eingaschlossen haben? Lrrr müssen uns über diese Dinge noch einmal besprechen, nicht wahr?"
Da lächelte sie ihm zrl.
Und noch einer sprach sie an, gerade als sie im Ge- folge der Prinzessin das Schloß betrat. Das war Kammevherr von Dunkelstein.
„Kommt, sowie der Garten leer ist, in den Tee- tempel! Es wartet Euer ein Herr, den, Ihr sehr teuer send Er hat Euch eine wichtige Mitteilung zu machen."
Aglaja wollte noch etwas fragen, da war Dunkelstem schon fort.
Nachdem die Prinzessin ihr Gefolge entlassen hatte, verabschiedeten die einzelnen Mitglieder des Hofes sich von einander. Himmelpfort verneigte sich vor Frau- lern von Ginster, die ihm die Hand zum Kusse bot und chm zuflüsterte:
,^?hr werdet im Teetenrpel von einer Dame erwartet, die Euch, wie ich annehme, sehr wert ist. Gute Nacht!" —
Die Lichter waren erloschen, Musik und -.Geplauder Verstummt. Still lag der Garten l,m Dunkel der Nacht Die Menschen im Städtchen schliefen, im Schloß ver- hüllte sich ein Fenster nach dem anderen. Mondlichter spielten an den Mauern, huschten zwischen den Kronen der Baume einher, ruhten auf Wegen und Rasen und zogen über die Teichfläch.- bis zum Tempelchen.
Aglaja saß in ihrem dunklen Zimmer am offenen Fenster.
„Aglaja! O Aglaja!" lockte eine zärtliche Stimme. Es war wie ein Rausch in ihr. Die Welt war in einen Zaubergarten verwandelt, in dem ganz seltsunie nner- küirliche, verworrene Dinge geschahen. Sie aber trat als Königin in diesen Garten.
„Aglaja, kommst du?" Was war das nur für eine
Stimme? Sie lauschte.Er schätzt Euch, wie Ihr
wißt . . . ^uplter wird koimuen und Euch in sein Schloß führen . . . Wir sehen uns wieder . .
. rn nun sah sie sich in den Zaubergarten eintreten. Alles nergte sich vor: Rosen und Lilien, die Bäume des Parks und der Mond und die beiden Schwäne auf drm dunklen Weiher. Sie saß auf einer Bank, eine Gestalt kniete vor chr. Des Herzogs Haupt lag in chrem Schoß, und sie streichelte es wie das eines Kindes.
Ein heftiger Windstoß und ein rollender Donner!
(Nachdruck verboten.)
Rokoko von Felix v. Stcnglln.
Rabeichorst stand vor chr und lockte mit seinen lodernden Blicken und sprach: „Ich kann die andere nicht
lieben, sei du meine Gemahlin!" Das Blut stieg chr in den Kopf, die Hände wurden chr kalt.
Die Lüfte schmeichelten so süß. Der Stolz, begehrt zu werden, schwoll in dem jungen Mädchen mächtiger an. Blitzschnell kam der Gedanke, daß Himmelpfort, während Rabenhorst seinen Abenteuern nachging, ja nun Zeit lhabe, mit Veronika zu schlvärmen, der er heute zweimal verstohlen die Hand drückte. Oder — Aglaja wußte nicht, ob sie das wirklich gesehen oder nur ge- träumt hatte. Gleichviel, ein bitteres Gefühl stieg in ihr auf darüber, daß hier wieder einnral einer der Frau eines andern nachgehe. Ihr Gemüt war durch all die hin» und herflutenden Empfindungen fo bewegt, daß sie weinen mußte. Aber die Stimmung dauerte nicht lange an. In schroffem Wechsel übcrkam sie kecker Übermut. Und brennend neugierig war sie.
Da erhob sie sich, lauschte und ging leise zur Tür. „Ein Herr, dem Ihr sehr teuer seid", hatte Dunkelstein gesagt. Aber Dunkelftein als Rabenhorsts Liebes- bote? Er mochte einfehen, daß eine letzte Aussprache nötig war. Aglaja hatte die Hand auf die Klinke ihrer Zimmertür gelegt. Da stockte sie noch einmal. „Aglaja!" rief es. „Komm, Königin, in meinen Zanbergarten!"
Kammerherr von Dunkelstein war in den Schloßgarten zurückgekehrt und stand wartend hinter einer Buchenhecke. Da sah er, wie sich die kleine Seitentür öffnete. Eine zierliche Gestalt in lichtem Kleid, ein Tuch über den Kopf genommen, trat hinaus, machte einige schnelle Schritte bis in den dichten Schatten der Linde, blieb horchend stehen und bewegte sich dann wie eine schwebende Elfen^estalt durch den Garten bis zunr Tempelchen. Hier blreü sie abermals eine Weile im Schatten, spähte umher, stieg dann langsam die paar Stufen hinauf, öffnete die Tür und schlüpfte hinein. Nicht lange danach kam eine männliche Gestalt aus der Richtung deS Kavalierflügels und nahm ebenfalls die Richtung zum Teetenrpel, in dem sie verschwand.
Jetzt schlich Dunkelstein sich an die Tür, drohte ganz leise und vorsichtig den Schlüssel herum, zog ihn heraus und steckte ihn in die Tasche.
Über die ruhende Stadt hin erklang zur mitternächtigen Stunde vom Glockenspiel der Kirche der Choral: „Wer nur den lieben Gott läßt walten".
18.
Ter Morgen erwachte.
Herzog Ludwig Christoph Sotm in den Dorsaal unS traf dort den Kammevherrn. Es war eine Morgenpromenade des Hofes in Allssicht genommen.
Serenissimus waren gnädig, wiewohl etwas nach- denklich.
. »Der Prinzessin ist es für eine Promenade zu frisch, wir müssen also ohne sie diesen schönen Morgen ge-' nießen. Ist der Hof in der Halle versammelt^"
„Zum Teil — soweit —"
Serenissimus
