Verlag Langgaffe 21
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greitag. 21. Januar 1416. Morgen-Kusgabe. Nr. 33. . 64. Jahrgang.
Das Ausharren der österreichisch- ungarischen Truppen gegen den russischen Ansturm.
Oer österreichrsch-ungarifche Tagesbericht.
W.T.B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich. Drahtbericht.)
Amtlich verlautet vom 20. Jan., mittags:
Russischer Rriegsschauplatz.
Die neue Schlacht an der bessarabischcn Grenze hat an Heftigkeit zugenommcn. Außer den schon gestern gemeldeten Angriffen, die alle in die frühesten Morgenstunden fielen, hatten unsere Trupven. ihnen voran die Budayester Honvcddivision, bis in den Nachmittag hinein last stündlich an verschiedenen Stellen zwischen Torporoutz und Voran zähe Anstürme überlegener Kräfte abzuschlagen. Der Feind drang im Verlaufe der Kämpfe einige Male in unsere Schützengräben ein, wurde aber immer wieder im Handgemenge — einmal durch einen schneidigen Gegenangriff der Honvedregimenter Nr. 6 und Nr. 3» — unter schweren Verlusten zurückgeschlagen. Das Borgelände unserer Berschanzungen ist mit russischen Leichen übersät. Im Gefechtsraume einzelner Bataillone wurden 800 bis 1000 gefallene Russen gezählt.
Die andere Front der Armee Pflanzer-Baltin stand den ganzen Tag hindurch unter russischem Geschütz - f e u c r. Auch bei der nördlich anschließenden Front in Ost- galizicn gab es kurze Artillcriekämpfe.
Italienischer und südöstlicher Rriegsschauplatz.
Keine besonderen Ereignisse.
Der Stellvertreter des Chefs des GeneralstabeS: v. Höf er» Feldmarscholleutnant.
Reue.
Italien zerrt an der Leine.
-er Berlin, 20. Januar.
Nach der Unterwerfung Montenegros gibt es nur eine politische Frage von entscheidender Bedeutung: „Was wird Italien tun?" Seit Lagen und Wochen nehmen die Beratungen des Königs mit seinen M i n i st e r n und den Botschaftern Frankreichs, Englands, Rußlands kein Ende. Jetzt besprach er sich wieder mit dem Prinzen Mirko von Montenegro. Will er von dem Sohne Nflit-as erfahren, wie man am besten um Len Londoner Vertrag qerumkommt, der den Bundesgenossen Englands Sondersriöbenssästüsse verbietet und unter dessen denkwürdigen Artikeln ja neuerdings auch der Name Sonnino prangt? Warum auch ist man so kurz vor der dämmernden Erkenntnis ans die englische List hereingefallen! Ein Gefühl unendlicher Reue wächst und wächst in weiten Kreisen Italiens heran. Schon Ende Novemlber v. I., ehe noch Montenegro in die große Klemme kam, fand es der „Corriere della Sera" in einem spaltenlangen Aufsatz durchaus begreiflich, daß „viele vom besten Willen beseelte Männer fangen an, am guten Ausgang des Krieges zu verzweifeln. Rußland ist unter die deutschen Räder gekommen. Nun -müssen wir uns endlich zur Einigkeit aufraffen. Vermögen wir unsere Unfähigkeit dazu nicht zu überwinden, so wird es unser Untergang sein, und es wäre dann besser, vom Kriege ab zu stehen". Weiß der Himmel, aus welchem Grunde der Zensor jenen Alarmartikel durchschlüpfen ließ.
Heute, nachdem auch Serbien und Montenegro unter hie Räder gekommen sind, ist die ganze italienische Presse voll von solchen Verzweiflungsrufen, und der Zensor, wollte er da verbieten und streichen, wüßte garnicht, wo er anfangen sollte. Heute schreiben „Jdea Nazionale", „Messaggero", „Tribuna", „Secolo" und wie sie alle heißen, genau ktffeillbe. Also nicht etwa nur der kriogs- feindliche Sozialismus von der Richtung des „Avanti" stößt in das Horn der Besinnung, sondern in der ganzen nationalistischen und demokratischen Presse Italiens hat sich ein Sturm der Entrüstung gegen das Kabinett Salandra-Sonnino, das Ministerium des Krieges, erhoben. Da helfen alle Waschzettel und Widerrufe der Konsulta nichts. Die öffentliche Meinung Italiens ist u m g e s ch l a g e n. Das Volk kommt zu Wort und verlangt den Kopf Salandra-Jochanaan. Das Ministerium soll entweder durch Eintritt von weiteren radikalen Elementen umgewandelt oder am liebsten durch ein ganz neues, vorwiegend aus radikalen, reformsozialistischen und republikanischen Elementen zusammengesetzt werden. Uns kann es ja gleichgültig sein, was bei diesem Durcheinander schließlich herauskommt. Wir nehmen es lediglich als deutliches Zeichen der Zer- setzung und als Beweis tiefer Reue, die gern ungeschehen machen möchte, was im Verfolg des „heiligen Egoismus" alles geschehen ist. Mit wahrer Todesangst fordert die römische Presse die Zurücknahme der italienischen Truppen aus Durazzo und Valona.
Denn diese Hilss- und Eroberungsarmee ist nicht nur vollständig nutzlos geworden. Sie ist auch aufs höchste gefährdet. Jeden Tag können diese fürchterlichen Österreicher, die den Lowtschen nahmen, über Sku- tari, Dibra und EGasfan dccherbrausen. Sie brauchen ihre „strategischen Waldstreisung", die jetzt zur Säuberung Montenegros unternommen wird, nur ein wenig aus Albanien auszudehnen, und die kecken Katzelmacher, die da im Trüben zu fischen hofften, werden im eigenen Netz gefangen und als gute Prise nach Wien gebracht. Und dos wird geschehen sein, e h e man sich im „eroberten" Korfu besinnt, daß man doch zur Hilfeleistung verpflichtet sei. Auch von der griechischen Grenze her können die in Albanien eingedrungenen Italiener angegriffen werden. Das Mißtrauen der Griechen gegen alles, was zum Vierverband gehört, erstreckt sich auch mit vollem Recht gegen Italien. ' Griechenland beansprucht das Gebiet Berat-Dibra für sich, und Italien hat wiederholt Miene gemacht, seine „Hilfsaktion" siir Serbien und Montenegro auch auf dieses Gebiet auszu- dehnen. Jetzt, wo Österreich auf dem westlichen Balkan so gründlich ausräuimt und nahe daran ist, den gepeinigten Griechen über Albanien hinweg die Freundeshand zu reichen, setzt scheint es allerdings für die Italiener die höchste Zeit zu sein, alle ihre adriatischen Hoffnungen, einschließlich der albanischen, zu begrüben. „Alle unsere Truppen in Montenegro werden nun frei", verkündet die Wiener „Neue Freie Presse" in ihrer authentischen Meldung über die Waffenstreckung Montenegros. Man denkt dabei an jenes B e t h m a n n s ch e Wort von den „neuen Schlägen", zu denen die deutschen Truppen nach der Zurückschlaguug Rußlands frei wurden und die dann auf Serbien niederfielen.
Wer wird wohl jetzt die neuen Schläge mit dem österreichischen Stock bekomjnren? Verspürt man in Italien schon ein Jucken in der Hose? Merkt man, daß man an die Reihe kommt? Anders läßt sich die merkwürdiae Unruhe, die sieberhaste Bewegung der leitenden Stellen nicht erklären. Italien zerrt an der Leine, mit der es an den Vierverband angeschlossen ist. Sein Glück, wenn es ihm gelingt, sich noch rechtzeitig loszureißen, che das ganze Haus zuscrmmenstürzt.
K
Der deutsche Kaiser auf der Zitadelle von Belgrad.
Seit Barbarossa stand hier kein deutscher Kaiser.
W. T.-B. Belgrad, 20. Jan. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Von der hochragenden Felskanzel der Belgrader Zitadelle hat der deutsche Kaiser heute das Kampfgelände an der Donau und Save in Augenschein genommen. Gegen 9 Uhr lief der Hofzug von Nisch hier ein. Eine österreichisch-ungari- sche Ehrenkompagnie stand salutierend vor dem Bahnhofsgebäude. Geschütze senden von den donnergewühnten Höhen den Ehrengruß. Der Kaiser fährt zunächst zu der Belgrader Eisenbahnbrücke. Das gewaltige Werk wird eingehend besichtigt und auf jede technische Einzelheit erstreckt sich das fachkundige Interesse des Kaisers. Die Fahrt geht sodann unter Führung des österreichischen Gouverneurs und Festungskom- mandanten am Konak vorbei zum Kalimegden. Seit Barbarossa aus der Fahrt ins heilige Land mit 100 000 Rittern hier Parade gehalten hat, stand kein deutscher Kaiser mehr auf der Zitadelle. Auf ihrem Borsprung. hoch über der Einmündung der Save in die Donau berichtet ein Generalstabsosfizier dem obersten Kriegsherrn über den Donau- und Saveübergang. Für die Teilnehmer wird die Szene auffdem Kalimegden zu einem Erlebnis von innerer Größe, zu einer Feier von weltgeschichtlichem Rahmen. Neben uns aus einer ins Abendland vorgeschooe- nen Klippe des balkanrsch funkelnden Gebirges steht ein zerschossenes zersetztes Haus. Das serbische Generalstabsgebäude hat sich hier oben auf der Zitadelle weithin sichtbar dem habs- öurgischen Nachbar dargeboten und ist tödlich getroffen. Von Belgrad fährt der Kaiser auf ungarischen Baden zu den Truppen des Korps, denen die schwere Aufgabe des Saveübergangs zugesallen war. Es konnte für dieses Korps keine freudigere Überraschung und Genugtuung geben. Im offenen Viereck standen die Regimenter blitzblank und ausgcruht, als kämen sie aus der Rekrutenstube. In eindrucksvollen Worten sprach ihnen der Kaiser Anerkennung undElück- w ü n s ch e für ihre hervorragenden Leistungen aus. Er überreichte selbst die Eisernen Kreuze an die Auserwählten und hatte für jeden ein Wort persönlicher Anteilnahme. Auch die Bevölkerung nimmt innerlich Anteil. In den ungarischen Dörfern flattern die Fahnen und die Kirchenglocken läuten.
*
Rvnig Nikita übergibt seinen Degen.
Entflohene montenegrinische Generale.
Br. Rotterdam, 20. Jan. (Eig. Trahtber. Zens. Bln.) Ein „Exchange"-Tclcgramm aus Rom meldet, das? dort eine drahtlose Nachricht aus Cettinje cin- traf, der zufolge die weiße Fahne über G r a h o v o wehe. Dort habe König Nikita seinen Degen dem General von Koeveß überreicht. Die montenegrinischen
Generale Wistowic und Valutovic weigerten sich, sich zu ergeben und entwichen zu den Serben.
Wien, 20. Jam (Zens. Bln.) Nach hier vorliegenden Meldungen hält sich König Nikita in Skutari aus, von wo er auch Einfluß auf die Frredensverhandlungen nehmen torrd.
Montenegro und Oesterreich-Ungarn.
,• Br. Berlin, 20. Jan. (Ech. Drahtbenicht. Zens. Bln.) Der Berichterstatter des „B. T." meldet aus Sofia: Uber den Friedensschlnß mit Montenegro erfahre ich folgendes: Eigentlich wurden die Verhandlungen schon vor zwei Wochen (?!) eingeleitet, als König Nikita durch sein neues Kabinett die ersten Schritte in dieser Richtung unternahm. Trotz dieser einleitenden Verhandlungen kämpfte die montenegrinische Armee außerordentlich erbittert, wahrscheinlich eben zu dem Zweck, um Österreich-Ungarn in bezug aus die Bedingungen nachgiebiger zu machen. Jetzt, nach der Kapitulation, hat Montenegro hauptsächlich den Wunsch, daß seine entwaffneten Leute heimkehren können, um dem Ebend am heimischen Herde abzuhelfen. Ob Österreich-Ungarn diese Bitte erfüllt, ist noch fraglich. Viel wahrscheinlicher ist die Internierung der gewesenen Krieger, da sonst die Aussicht m den einzelnen Dörfern viele Kräfte in Anspruch nehmen würde. Eine vorüber geh ende Schwierigkeit machte noch die Besatzung des Berges Tarabosch, da die Truppen zögerten, die Waffen zu strecken und den Weg nach Skutari versperrten. Im Augenblick, wo dieser Weg offen wird, stehen die österreichisch-ungarischen Kräfte in der Richtung nach Nordalbanien, um von dort gegen Essads Truppen und gegen- die I taliener an der. Küste vorzurücken. Es ist selbstverständlich, daß nicht nur die Montenegrinor eut- wassuet werden, sondern auch die in Montenegro befindlichen, dorthin geflüchteten Teile der serbischen Armee. Hier ist allgemein die Meinung verbreitet, daß für den Lowtschen Montenegro reichliche Entschädigung aus dem serbischen Lande erhalten wird, und daß die montenegrinische Dynastie auf dem Throne eines vergrößerten Montenegros vcpbleiben wird.
Englische Betrachtungen und Bcrmutrmgen.
W. T.-B. London, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Die „Times" schreibt in einem Leitartikel: Die Kapitulation des Königs Nikolaus ist Mar kein Unglück, das nicht wieder gut- znmachen wäre, aber sin Signal, das die Alliierten nicht ignorieren dürfen und eine Warnung, daß sie nur mit größerer Energie und mehr Voraussicht, als sie bisher au den Tag gelegt haben, hoffen können, den Krieg zu gewinnen. Die „Daily News" verzeichnst die italienische Auffassung, daß schon im Oktober sin Ablommeu zwischen Österreich-Ungarn und Moutensgro bestand und schreibt: Wenn diese Ansicht wirklich vorgeherrscht hat, erklärt sie vollständig, weshalb Italien keine Truppen nach Montenegro sandte. Denn diese wären dann in eine Falle gegangen.
Vorbereitungen für den Abzug der italienischen Truppen aus Albanien.
Sr. Haag, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Mn.) In hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, daß Italien Vorbereitumigen tvllffe, seine Truppen aus Albanien zurückzuziehen.
Barzelai bearbeitet die öffentliche Meinung.
Br. Lugano, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Mn.) Barzelai hielt in Ancona seine anyekündigte Rede. Sie sche-nt aber nur den Zweck gehabt zu haben, die Öffentlichkeit auf den Rückzugaus Albanien vorzubereiten. Barzelai sagte, die Expedition nach Valona sei unternommen worden, als keine zeitige wirks.nne Hilfe von Saloniki für Serbien möglich gewesen sei. Der Zweck der Expedition sei die Hilfe für Serbien gewesen und kein vorwiegendes italienisches Interesse. Nachdem die Expedition bereits teil- weije ihren Zweck erfüllt habe, werde ihre Führung künftig nach den gemeinsamen Interessen der Entente und der Zweckmäßigkeit im gemeinsamen Kampf erfolgen.
Die äußerst schwierige Lage Griechenlands.
Br. Budapest, 20. Jan. (Eig. Drcchtberichk. Zens. Bln.) „Az Est" meldet aus Sofia: Hier wird die militärische Lage Griechenlands äußerst ungünstig aufgefaßt, da das griechische Heer zwischen den englisch-französischen Strcit- kräften eingekeilt ist. Durch die Sprengung der Eisenbahnbrücke östlich von Saloniki ist ein Teil des griechischen Heeres von dem großen Heere getrennt worden.
Der vierverbandskredit für Griechenland.
Rotterdam, 20. Jan. (Zeus. Bln..) „Daily Notvs" meldet aus Athen, daß die letzten zehn Millionen von der 30 Millionen Franken betragenden Anleihe, welche die Entente Griechenland zur Verfügung gestellt habe, in der kommenden Woche an die griechische Regierung au-sbe- zahlt werden sollen.
Die kSlotte des vrerverbandes vor Saloniki.
Strengste Absperrung des Hafens.
Br. Wien, 20. Jan. (Eig. Dvahtbericht. Zens. Bln.) Das „Neue Wiener Journal" berichtet aus Saloniki: Die Flotte des Vi er v erb.r n d s ist vor dem Hafen von Saloniki in Flächenreihen aufgestellt. Die Flotte besteht aus 10 bis 12 großen Einheiten und aus 15 bis 20 kleineren Kriegsschiffen, worunter sich auch ein r u ssi{d) er Kreuzer bescher.
