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!-- » > Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. ^ -i

Nr. 15. Mittwoch, 19. Ianuar. 1916.

% Fortsetzung.) SCteUlffilltU^. ' tNachdruck verboten.!

Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenglitt.

Der Herzog ging eine ganze Weile im Saal hin und her. Wie Koulenschläge hatten ihn hie Worte -des eifernden Geistlichen getroffen. Entsetzliche Bilder stiegen in feiner Phantasie aus. In rasendem T-anmel der Lust sah er die Frauen den Männern nachjagen, sie durch .die Häuser, Mer die Felder, bis in die Lüfte verfolgen. Sie rissen auch seine nächste Umgebung mit fort; Veronika griff nach Hinrmelpsort, Aglaja nach Robenhorst, die dicke Ginster war hinter Dunkelstein her, und seine leibliche Schwester winkte Ambrosius Kiel-Haber zu . . .

Mit Gewalt machte er sich frei von diesen teuf­lischen Eingebungen, ja er setzte sich gegen den zur Wehr, der sie in ihm hervorgerufen hatte. Sein her­zogliches Selbstbewußtsein gewann neue Kraft. Schlank anftgerichtet wandte er sich dom Hosprediger -wieder zu.

Eure Worte wären geeignet, mich tief zu erschüt- rern. aber ich muß offen gestehen, daß ich doch nicht ganz begreife. Saget selbst! Wenn ein Erlaß wie der meine, ein unbedeutendes Stück Papier mit einigen schlichten BestiumMngen, die lediglich begangenes Un- recht gut machen, künftigem Unrecht Vorbeugen soll­ten, wenn dieser schwache Wunsch und Wille eines ein­zelnen- mag er auch ein Fürst sein, wenn dieser Hauch eines vergänglichen, irrenden Menschen im- stände ist, Sitte und Anstand die doch wohl tief im Menschen verankert sein sollten, nicht wahr? komplett über den Hausen zu blase-n- Ja was be­deuten sie dann überhaupt, diese Sitte und dieser An­stand? Was haben sie bisher bedeutet? Habt Ihr es denn nicht verstanden, durch Eure Arbeit'die Sitte so tief in den Gaurütern zu befestigen, daß sie ein klein wenig siandzuhalten vermag? Wozu habt Ihr durch die Jahrhunderte auf die Menschen eingcwirkt, sie mit allen Höllenstrafen bedroht, wenn ihr ganzes Wesen Umschlagen kann, sowie ihnen ein Weg frei gomocht wind, sowie eine kleine ja nur scheinbare Locke­rung der Zügel eintritt? So sind also Eure Bemühun­gen von der Wiege bis zum Grabe vergebens? Ihr habt meine sujets um keinen Schritt ans. dam Natur­zustände emporbringen können, um keinen erbärmlichen Schritt?"

Das Arif- -and Abwandeln Seiner Durchlaucht war in gelinden Sturmschritt übengegangen. Er schwieg eine Weile und blieb endlich vor dem Hofpredig-er stehen.

Und ich?" fragte er heftig.Ich erreichte nicht, tvas ich wollte, au contraire, ich häufte meine Ver­antwortung ins ungemessene, nur weil Ihr mir nicht genug vorgcanbeitet habt!! Welche Entdeckung, Herr Hofprediger, welche fürchterliche Entdeckung!"

Der Geistliche war sichtlich erschreckt über die Straf­predigt, und wenn er sich auch uicht fiir besiegt hielt, so schwieg er doch vor dem Zorne seines Herrn. Dieser sch einige Augenblicke sinnend z-n Boden, dann traf den

Hofprediger ein fragend ernster Blick, und elegischer als bisher sagte der Herzog:

Und wir selbst. Ihr und ich? Was kann unsere eigene Sitte wert sein, wenn die menschliche Natur so grenzenlos schwach ist? Wie werden wir selbst vor Versuchungen bestehen, wenn sich eines Tages die Schranken ein wenig, mir enr ganz klein wenig ver­schieben? Uarbleu, ich befürchte, wir werden vor uns selber Angst bekommen."

Der Panzer unseres Glaubens wird eins schützen", erwiderte Ccwmrnus mit neu gewonnener Zuversicht« Des hin ich gewiß in Christo. Euer Durchlaucht aber wenden den Weg finden."

Halt!" Serenissimus hob den Kopf.Ich sehe, daß Ihr unerschüttert seit, aber den Weg müsset Ihr finden, mein Herr Hospradiger, Ihr! Ich wünsche, daß meine Ordre respektiert werde. Ich verlange, daß Ihr ihrem Geiste nachlebt und Mlen Folgen zu begegnen versteht. Andernfalls müßtet Ihr anshörcn, Schafe zu weiden, von soir!"

14 .

Der nächste Morgen brachte die fürchterliche Bestäti­gung von der SäKväche der menschlichen Natur.

Als der Herzog in aller Frühe das Arbeitszimmer des Kandidaten Ambrosius Kielhaber betrat, fand er öjWn in einer schrecklichen Verfassung. Bleich, gebeugt, die stieren, vortreten-den Auge« auf den Herzog gerich­tet, stand er am Tisch.

Was ist Euch? Seid Ihr krank?"

Da söufzte Kielhaber tief auf und antwortete mit schtoacher Stimme, fast flüsternd:

Errer Durchlaucht bitte ich uni gnädigste Enthebung von n>einem Amt, da ich mich nicht mehr würdig fühle, cs zu verwalten."

Erklärt Euch deullicher!" sagte Serenissimus, irahm Platz und blickte erwartungsvoll in Kielyabers Amre- sündergostcht.

Der besann sich eine kleine Weile, dann brachte er, offenbar unter Anstrengungen, folgendes hervor:

Schon seit geraumer Zeit hatte ich das Gefühl der Nichtigkeit nreiner Aufgabe gegeirMer, da ich Tag und Nacht an schweren Anfechtungen gelitten, die ich in meiner sündhaften Schwäche nicht Überwindern zitz können glaubte. Endlich hat mein Schicksal mich ereilt."

Stockend berichtete er weiter. Mit einem klagenden Mädcherr, das sich gefürchtet habe, allein zu kommen, sei eine Freundin erschienen, die ehrbare Tochter eines Seilernreisters, -und ob nun göttliche oder teuflische Mächte es gewesen seien, die ihn in ihren Bann schlugen, er vermöge es nicht zu sagen, genug, die glatten, roten Wangen des Mädchens, ihre kräftig schlanke Gestalt, dos Frühlingswehen draußen in der düatur. -die ersten Rosen, die Nachtigallen oder was sonst haben seine durch die seitherige Beschäftigung ge- schtvächte, zermürbte Natur überwältigt und seinen geistigen Menschen dem irdisck^en untertan gemacht. Dächer müsse er jetzt schmählich um seine.Entlassung