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Der Roman.

." i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, e

Nr. 13.

Sonntag» 16. Januar.

1916.

P. SortfcfeunQ.l

(Nachdruck verboten.)'

Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenglin.

11 .

Serenissimus war über den Erfolg seines Moral- Erlasses verblüfft. Es begann eine Wallfahrt von Frauen und Mädchen in das Herzogliche Schloß. Aus der Stadt und aus den Dörfern kamen sie, um „an die höchste Stelle zu rekurrieren". Seine Durchlaucht war genötigt, eine vermittelnde Persönlichkeit anzustellen. In dem Kandidaten der Theologie Ambrosius Kiel­haber glaubte er den rechten Mann gefunden zu haben. Er räumte ih,in ein Zimmer inr Erdgeschoß des Schlos­ses ein; dort hatte er die Petentinnen zu verhören. Er hatte den schriftlichen Berkohr mit Behörden, Verwand­ten und entflohenen Geliebten zu führen, die persön­lich erreichbaren jungen Männer vorznladen und Lurch seine Überredungskunst oder durch ein kräftig geistlich Wort die Gewissen feshumachen. Es kam ihm zustat­ten, daß er ein Kind -des Volkes war und in der Art des Volkes mit den Leuten zu reden verstand.

Manche Fälle lagen so klar, daß die Entscheidung schnell. getroffen werden konnte. Schwierigkeiten kamen aber, sowie der männliche Teil leugirete oder Einwände persönlicher oder materieller Art ' machte. Ebenso heikel war die Sachlage, wenn gewisse Frauens­personen fälschliche Auklagen erhoben, oder wenn Dinge vorgebracht wurden, die man notgedrungen als verjährt betrachten mutzte.

Ambrosius Kielhaber stand wie ein Eichenpfahl in der Mitte der Brandung. An seine Gewissenhaftigkeit wurden große Anforderungen gestellt. Er hatte Ver­suchungen von sich abzuwehren.

„Ihr Säule verstockte, schaut mi nit mit Eure Kalbs­auge bis ins Gedärm!" rief er wohl den Koketten zu, die ihn durch Schöntun für ihre Zwecke gewinnen woll­ten. Er schützte sich durch seine Grobheit. Umgekehrt mußte er sich hüten, gegen die Häßliche,:, die berechtigte Ansprüche hatten, ungerecht zu sein, und das war manchmal auch nicht leicht, da Ambrosius, unter seiner rauhen Außenseite ein empfängliches Herz besaß.

„'s isch nit zu ändern", sagte er mitleidig zu einem Burschen, dem er ein garstiges Mädcl>en zusprechen mußte. „Tragt den Wille Gottes in Ergebung. Bei Nacht sind alle Katze grau."

Kielhaber hatte die Last, Seine Durchlaucht erntete den Lohn. Die Dankbarkeit der weiblichen Unter­tanen gegen ihren guten Herzog war unbegrenzt. Wo er sich blicken ließ, drängten sie sich heran, ihn zu be­grüßen. Im ganzen Lande feierte man Hochzeiten. Nie war ein Fürst so oft zum Paten gebeten worden wie Herzog Ludwig Christoph in diesen Frühlings­tagen. Ein Fest reihte sich an das anders. Man ver­gaß fast, die Wiesen zu schneiden, so sehr hatte man sich an das sorglose Hinleben gewöhnt. Das Leben nahm einen heiteren Glanz an. Noch viele Jahre später sprachen die alten Leute mit verklärten Gesichtern vom FriMing und Sommer des Jahres 1737.

Den Frauen und Mädchen des Dorfes Trullingen ober war es Vorbehalten, ihrem Dankgefühl gegen Ähren

Herzog in ganz besonderer Weise Ausdruck zu geben und sich damit zu Dolmetschern für ihre Genossinnen zu machen. Seit Menschengedenken war kein Fürst von Weinburg-Lauingcn in Trullingen gewesen, da es etwas abseits vom Hauptverkehrswege lag. Von den Weibern ging es aus: sie wollten ihren Herzog, der zur Jagd ins Bergland zu fahren gedachte, in ihrem Dorf begrüßen. Und bald hatten sie die Männer so weit, daß diese dachten, sie wären zuerst auf die Idee gekom­men. Durch einen Soldaten der Leibwache, ein Trul- linger Kind, war es gelungen, den Herzog von dein Wunsche der Dörfler zu unterrichten. Der historische Gedanke, daß wahrscheinlich noch nie ein Fürst von Weinburg-Lauingen in Trullingen gewesen war, gab den Ausschlag. Der Herzog willigte ein, den Umweg zu machen.

Spät abends brachte die Botenfrau die gute Nach­richt in ihr Heimatdorf. Alsbald begann ein unge­heures Gekrabbele und Gewirtschafte in dein Bergdorf. Die Dorfmusik wurde zusammengeholt, die Schiitzen­gilde beriet, Abordnungen holten Grün ans dein Wald. Der Schultheiß instruierte die Gemeindodiener und ließ sich voni Kantor seine Rede aufsctzcn, die Mädchen übten unter Leitung des achtzigjährigen Hullerfriedels, der den Ton angab, ihre schönsten Lieder.

Mit Erstaunen sah der Mond aus das Dorf herab, wo sonst um diese Zeit alles im tiefsten Frieden zil ruhen pflegte, höchstens einmal ein liebestolles Kätzchen miaute oder ein Hund im Traum ausbellte — und meinte, die Drullinger seien allesamt kontrakt ge­worden.

Der Morgen kam, und mit ihin näherte sich der Landesherr in seiner vierspännigen Jagdkalesche der Steigermühle. Schon begannen oben die Musikanten zu blasen und hörten nicht wieder auf, bis die Pferde des herzoglichen Jagdwagens vor der Ehrenpforte an den ersten Häusern scheuten. Die Schiitzcngilde präsen­tierte, die Bevölkerung in ihren Sonntagskleidern rief „Vivat hoch!", der Schultheiß versuchte vergebens, die Rode des Kantors an den Mann zu bringen, und die Goineindodiener bemühten sich, durch Zurufe den Kutscher zum Halten zu bewegen.

Serenissimus war von diesem Empfange wahrhaft überrascht. Er stieg aus und ging die Reihen entlang. Manchen: Alten schüttelte er die Rechte, den Kindern winkte er freundlich zu. Und nun stand er vor den jungen Mädchen, die in ihrer bunten Tracht einem Strauß frischer Wiesenblumen glichen. Der alte Hullerifriedel gab den Ton an, und da brauste es dem Herzog wie ein einziger, warmherziger, inniger Gruß entgegen.

Nein, solche Huldigung hatte Herzog Ludwig Christoph noch nie erlebt. Die Mädchen mußten ein Lied nach dem anderen singen. Eines schien mit beson­derer Bedeutung gewählt. Es war das Lied von dem Freier, der sein Mädchen sitzen lassen will, dann aber durch sein Gewissen und ihre Schönheit bewogen wird.