■] Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, n
Nr. 12.
Samstag, 13. Januar.
1916.
(6. Fortsetzung.)
Serenissimus.
Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenglin.
(Nachdruck verboten.)
„Ihr werdet Euch morgen verheiraten", sagte sie. um allen Dreistigkeiten von seiner Seite vorzubeugen. Er verneigte sich.
»- "'Serenissimus wünscht es", antwortete er ernst, ahne die Augen von ihrem Gesicht zu wenden.
Da konntesie sich nicht enthalten, zu fragen:
"Und — Ihr wünscht es nicht?"
^ os «wünschen, solange Ihr in meiner Nähe seid? So lange ich hoffen dark —"
cv r "®f ir . dürft Ihr hoffen, gar nichts! Wißt ^hr nbngens, daß es erbärmlich ist, ohne Liebe zu heiraten? 0
S diesen mir auferlegten Zwang mit
Herzen^—"^tlgEoit wie ich, und ich danke Euch von
„Ihr seid unverschämt —"
„Schade nur daß Ihr mit schuld an allem seid, da Ihr mich abwleset, trotzdem Ihr —"
„Schiveigt! Laßt mich!"
Sie wollte gehen und vermochte es doch nicht.
. kurze Zeit", fuhr er fort, „dann zi«he ich in
des Kaisers Heer gegen die Türken."
„Gegen die Türken? I", Sie sah ihn entsetzt an. „Oder wollt Ihr. daß ich bleibe?"
„Ich?"
„Wenn Ihr wollt, bleibe ich."
„Und wie komme ich zu der Ehre?"
„Weil ich Euch liebe."
"§' vVÖr ^obt mich und wollt mich entehren?" .Izch bin rasend vor Liebe zu Euch."
«Aglaja raffte sich mit aller Gewalt zusammen „Dann Wunsch' ich Euch gute Reise", sagte sie und wollte an «hm vorüber. Er aber trat ihr in den Weg . -'Kann ich Euch heute im Park sprechen?" fragte er eindringlich. a
„Nein!- Was wollt Ihr von mir?"
„Ihr fragt? Und doch liebt Ihr mich auch!"
„Nem!
„Ihr wißt noch nicht" — er sprach es leise und aufgeregt. „wie, suß es sich zu Zweien in der Nacht wan- velt, engoneinandergeschmiegt. glühend vor Liebe."
Das Übermaß seiner Dreistigkeit stieß sie ab. 'Ihre Augen blickten kalt und verloren, als sie spöttisch — obwohl rmmer noch ein wenig im Taumel — ihn fraaft: „Aber Veronika weiß es Wohl?"
„O, über Eure Eifersuchtl"
-Hch bin nicht eifersüchtig, denn ich liebe Euch Nicht!" rief sie trotzig aus.
..Ich fühl' es ja aus Euren Blicken, wenn sie auch noch so verstohlen sind, aus dem Zittern Eurer Stimme, wenn Ihr recht gleichgültig scheinen wollt, aus Eurem Zorn, aus Eurem Erröten, aus dem sehnsuchtsvollen Wogen Eures Busens —"
Seine Augen sähen auf ihre weiße Haut. Ihr «war entsetzlich zumute. Er kannte die Liebe, er durchschaute sie, es gab keine Möglichkeit, sich vor ihm zu verstecken-
„Ihr werdet mir iuohl glauben müssen", sagte sie da plötzlich ganz ruhig und wunderte sich selbst über ihre Ruhe. Sie trat eiiien «Schritt zurück und richtete ihre zierliche Gestalt so hoch auf wie möglich.
„Wenn ich Euch liebte, würde ich wohl kaiim die Bewerbung eines anderen angenommen haben."
„Ihr? Ihr hättet —" Er lachte, halb ungläubig, halb hohnvoll. „Und wer «wäre dieser unglaublich Beglückte, dieser widerwärtig Dreiste, dieser -—"
„Peter von Himmelpfort", antwortete sie und eilte an ihm vorüber.
Ein kurzes Lachen klang hinter ihr her. Leutnant von Rabenhorst war zweifelhaft, ob er sofort zu seinein Nebenbuhler stürmen und ihn mit dem Degen herausfordern, oder ob er damit bis nach seiner Rückkehr warten solle. Höhere Mächte entschieden darüber. Am Abend hielten ihn seine dienstlichen Pflichten fest, und als er am nächsten Morgen herunterkam, war der Kammerjunker mit dem Herzog in den Wald geritten. So mußte er sein Reisepferd besteigen, ohne seine Klinae mit derjenigen Himmelpforts gekreuzt zu haben.
Am Tage darauf war's, daß Peter von Himmelpfort um eine Privataudienz beim Herzog bat.
Leider trat er nicht zu günstiger Stunde vor seinen Herrn.
Prinzestin Emilie war krank. Noch zweimal in der letzten Woche war ihr der Engel mit den großen weißen Klügeln erschienen, an derselben Stelle wie vor zwei Jahren das rote Pferd. Man deutete dies verschieden. Die Gesellscftrft von Lauingen hatte sich in zwei Lager gespalten. Die um die Frau Forstmcisterin. deren Vater erst vor zahn Jahren geadelt worden war. eine Dame mit kleinen Eitelkeiten, aber sonst voll Güte und hausmütterlicher Fürsorge, neigten zu optimistischer Auffassung, während die um die Frail Ministerin von Bleichingen und ihre lange Tochter Dorette (die schon seit fünfzehn Jahren »u Hof ging) den schwärzesten Vermutungen Raum gaben.
.Tie Prinzessin selbst fürchtete nicht für sich, sondern für ihren Bruder, und zwar glaubte sie in dem Moral- erlaß und allein, was damit zusammenhing, die graue Wolke zu scheu, die sein Glück bedrohte. Denn diese Sache machte ihm von Tag zu Tag mehr Sorge. Prinzessin Emilie war nachgerade zu der Überzeugung gekommen, daß irgendeine Frau ihm Unheil bringen werde, und obwohl sie selbst eine Frau war, fürchtete sie keine Gefahr mehr als diese.
Der Hofprediger Carminus war bei der Prinzessin, inzwischen erschien der Chirurgus Brettinger, der kleine, unansehnliche Leibarzt mit dem großen Kopf, beini Herzog.
Serenissimus war sichtlich besorgt, denn das Befinden seiner Schwester hatte sich in der lebten Nacht verschlimmert. Sie hatte den Engel dreimal durchs Zimmer gehen sehen, diesmal mit einem roten Tuch in der Hand. Und nach dem dritten Mole war sie von einem leichten Schwindel, verbunden mit heftigem
