i.-» i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 11. Kreitag, 14. Januar. 1916.
<8. Fortsetzung.) SCrCtttfjttltUS, (Nachdruck verboten.!
Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenalin.
Aglaja schrieb in ihr Tagebuch: „Veronika un>d Rabonhorst wenden sich verheiraten. Der schnelle Entschluß soll durch eine gewisse Jemand in bewirkt worden sein, die ihm einen Korb gab."
Als sie dies geschrieben hatte, legte sie die Feder fort, lehnte sich in den Stuhl zurück und sann über die
S eltsamkeit des Lebens nach, das sie nicht verstand.
vaußen aber sang die Nachtigall gerade eine neue Strophe: „Was willst du von mir? Was willst bit von mir?"
Indessen sah Peter von Himmelpfort zil dam dunk- len Fenster empor, das neben dem erhellten Aglajas lag. Die sonst dort wellte, war fort und sollte bald einem anderen angeboren. Der Kammeriunker empfand grimnlige Pein im Herzen, und nach und nach bildete sich in ihm ein Gedicht, das er später oben in sein Taschenbuch eintrug. Phyllis verschmäht die Früchte aus Dämons Garten. Dämon blickt, seinen Korb in der Hand, täglich zur Hütte seiner Angebeteten hinüber.- Endlich sieht er sie erscheinen, aber nicht seinetwegen kommt sie, sondern wegen des Jägers. Da stürzt Dämon sich in das Flüßchen, uni zu sterben. Doch er wird gerettet und evn>acht an Phyllis' Seite. Zllles Böse war nur ein Traum . . .
Prinzessin Emilie legte die Karten, um zu wissen, weshalb dies Brautpaar sich so seltsain benehme, und ob vielleicht ein feindliches Geschick ihr Glück bedrohe. Und als sie es nicht herausbekam, mischte sie kopfschüttelnd und sagte leise:
„Es muß a-n der Luft liegen."
Und da sah Fräulein von Ginster, die an Aschma litt, von ihrer Häkelei auf und äußerte:
„Diese unangenehme Frühlingsluft!"
Serenissimus aber nahm in diesen Tagen seine Frühritte wieder auf. Tie Frische des Morgens über den Wiesen berauschte ihn. Das Wiesenschaumkraut lag wie ein lichter Schleier über dem Grün, dazwischen öffneten die kleinen Sonnen des Löwenzahns ihre Augen, und vorn hellen Lila bis zuin dunklen Blau schimmerten die Mische des Storchschnabels.
Nachmittags fuhr man in den Bergwald. „Nein, nein, mein lieber Rabenhorst, Ihr könnt Zurückbleiben", äußerte der Herzog, und mit ihm und seiner Schwester fuhren Aglaja und Peter von Himmelpfort. Vor dem stattlichen Viergespann fcm ein Vorreiter. Die Landleute auf dam Acker zogen die Mützen, die Frauen und Mädchen nickten lächelnd, und die Kinder standen bewundernd still, die Finger am Munde.
Serenissimus wunderte sich über sich selbst. Ihm war, als wenn er noch einmal jung geworden sei. Und als er in solchen Empfindungen abends anr geöffneten Fenster stand, >da flötete die Nachtigall abermals ein neues Liod: „Eimnal noch! Einmal! Zum letzten,
zum letzten Male!"
9.
Peter von Himmelpfort kümmerte sich nicht darum, baß der Abend-wind kühl von den Wiesen her über den
Schloßgarten strich. Er saß auf einer Bank in der Nähe der Stelle, wo die Balletrproben gewesen waren. Dorr hatten Veronikas Füße den Boden berührt. Er stierte auf die Stelle, als ob etwas von seiner Angebeteten dort zurückgeblieben sei. Und zärtlich sprach er vor sich hin: „Phyllis!" . v ^ , r * s
Da fühlte er sich leise an der Schulter berührt und hüb dem Kopf. Eine helle Gestalt stand in der Abend- dämerung vor ihm.
„Fräulein von Dnval!" sagte er erstaunt und erhob sich. r w
„Beklagt Ihr Eure Schöne?" fragte die helle Stimme Äglajas etwas spöttisch. „Warum tut Ihr das? Seid Ihr ein Mmm? Wie alt seid Ihr? Siebzehn? Kommt, wir wollen hinunter zimr Bassin gehen oder noch weiter bis zum Weiher, da sollt Ihr mir antworten."
Nun ging er neben ihr her.
„O mein Fräulein! Eure Güte ist wie sanfter Tau der Nachl, der die bedrückte Seele labt."
„Ach mein Gott!" ivarf sie leichthin ern.
„Und er wußte, daß ich sic liebte! Daß meine ganze Seele wie eine Schneeflocke war, vor ihrem Hauch zu zerschmelzen."
„So sprecht doch vernünftig!"
„Und siel Nie würde sie heiraten, erklärte sie mir noch vor wenig Tagen. Ein Verhängnis schwebe über ihrem Loben. Freilich, jetzt glaub' ich das Verhängnis zu kennen —"
„Ihr kennt es? Sprecht!"
„Sagte ich was? Wie?"
Aglaja blieb stehen. „Ihr seid ungenießbar!" sagte sie zornig. „Was wollt Ihr denn nun tim?"
Dumpf antwortete er, tvährend sie weitergingen:
„Ich werde sie von mir stoßen."
„Dazu werdet Ihr keine Gelegenheit haben."
„O sie! Sie!" Er sah gen Himmel und rang seine Hände.
„Und er?" fragte sie ungeduldig. „Werdet Ihr ihm den Degen durch die Brust stoßen?"
Verwundert sah Himmelpfort zur Seite auf dieses halbe Kind, das solche Worte sprechen konnte.
„Ihr — liebt ihn?"
Aglaja seufzte leicht.
„Ich weiß nicht."
„-O dann liebt Ihr ihn!" t A
,-Sprecht es nicht aus, ich bitte Euch!"
„Wenn Ihr Euch rächen tvolltet, so gäbe cs wohl ein Mittel."
„Rächen? Ach! . . . Wer mich geht das gar nichts an. Ich liebe ihn ja nicht."
„Wenn Ihr Euch einem anderen vermähltet, würdet Ihr ihm die beste Antwort geben."
Aglaja sann nach.
„Ihr könntet recht haben, aber warum soll ich daS Opfer fein?" Sie sann nach. . . „Won tvelchem Verhängnis spracht Ihr vorhin, das m'öcht' ich wissen." ,
