Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblatts. ' «
Nr. 10.
Donnerstag. 13. Januar,
1916 .
( 4 . Fortsetzung.) SOTCTltf fltltUS. (Nachdruck verboten.!
Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenglin.
„Er entschuldigt zu viel. Er sollte strengere Anschauungen haben. Gut. daß Er alt ist."
Bächle stand da und sah seinen Herrn von unten herauf schuldbewußt an.
,^st Ihre Durchlaucht schon auf?"
„Freist, Eu'r Durchlaucht. Ihre Durchlaucht lege Lie Karte von woge die Erscheinunge."
„Glaubt Er an die Erscheinungen, Bächle?" Der Alte wiegte den Kopf.
. "’ 8 isch e Zeit, wo viel g'schicht. Im Waschhaus
dvube hat s scho wieder gepoltert."
„Ah bah!"
„Elt'r Durchlaucht könne 's glaube, i selber hab's gehört. Und wenn's im Spritzehaus gelärmt hat wie bisse Nacht, in dene Fälle hat's immer was gebe im Schloß oder in der Stadl ... 's isch scho so, 's sind Zeite, wo was in d'r Luit liegt."
„Torheit, Bächle. Torheit!" sagte der Herzog, und doch wurde er unruhig. Es lag etwas in der Lust, das fühlte auch er.
Als Bächle schon lange hinaus war, ging Herzog Ludwig Christoph noch nachdenklich in seinem Zimmer hin und her. Gedanken an seine Jugend kamen ihm, verführerische Bilder zogen vorüber, es war, als sei eine neue Jugend in ihm. Die Frühlingslust drang ms Zimmer und lockte. Bächles Worte kamen ihm in die Erinnerung. Der liebe Herrgott hat es so haben wollen, wie es ist. O Jugend und Liebe!
So ging er bewegt und von allerlei Zweifeln und Anfechtungen geplagt hin und her, ohne in seinen Gedanken und Einpfinduna.m zu einem Ziel zu kommen. Bijou folgte ihm in gemessener Entfernung, und Jou» jou stand, die rechte Pf Ke erhoben, vor seinem Korb und beobachtete die beiden, ohne daß er sich darüber hätte klar werden können, was das nun eigentlich be- deuten sollte.
7.
„Wer ist noch da?" fragte Serenissimus, nachdem er im Bibliotheksaal mehrere Audienzen erteilt hatte, den Leutnant von Rabenhorst.
„Fräulein von der Win e", antwortete der in strammer militärischer Ha! Ving, den Kopf trotzig emporgerichtet.
„Ach, unsere Veronika! Laßt sie eintreten."
Veronika kam und verneigte sich tief vor dem Her- zog. Rabenhorst warf noch einen unsicheren Blick auf sie, dann ging er ins Vorzimmer und schloß die Tür hinter sich.
„Nun, mein Kmd? Ihr wollt mich sprechen? Es muß etwas Wichtiges sein. Wie?"
Veronika stand bleich, aber hochaufgerichtet da. „Ick) bitte Eure Durchlaucht um mein Recht."
„Euer Recht? Wie? Habt Ihr das nicht?"
,>Noch nicht."
„Ja, aber — welches Recht? Welches Recht?" Serenissimus wurde ungeduldig, wie immer, wenn er nicht vevstand.
Veronikas Stimme klang jetzt weicher. ,^ch liebte-•" sagte sie leise.
Der Herzog sah aufmerksam in ihr Gesicht.
„Sieh, sieh! Und nun?"
Eine Weile zögerte Veronika, dann nahm sie allen Mut zusammen und antwortete:
„Nach der Verordnung Eurer Durchlaucht darf ich darauf rechnen, daß mir Genugtuung zuteil wird."
Sie hielt mutig den Blick des Herzogs aus. Ob man sre schalt, ob sie glücklich wurde, was' küimnerte sie das! Sie kämpfte um ihre Ehre. Ihre umränderten Augen, ihre bleichen Wangen sprachen von einer durch wachten Nacht. Am Morgen endlich hatte sie alle Bedenken hinter üch geworfen und ihren Entschluß gefaßt. Seitdem wax Ruhe über sie gekommen, fast Gleich gültigkeit. Nur mußte sie nicht an Rabenhorst denken, dann wurde ihr Gleichmut gestört. So bemühte sie sich, ihre Gedanken nur auf die Sache zu richten.
Der Herzog blieb wohl eine Minute lang sprachlos. Er schüttelte den Kopf, machte ein paar Schritte ans Fenster, wandte sich wieder um und sagte leise:
„Ihr auch? Diese Folgen habe ich allerdings nicht ahnen können!" Tann wurde er lebhafter. „Es geht natürlich nicht, daß ich da offiziell etwas tue. Ich brauche Wohl nicht zu raten, wer es ist, wie?" Er machte eine Bewegung mit dem Kopf nach der Tür zu. Sie scktzvieg. „Also gut. Ich werde mit ihm sprechen, aber es darf zu keinem Eklat kommen. Es besteht ja kein Verlöbnis soviel ich weiß-"
„Mehr als das", sagte Veronika rrchig.
„Wie sagt Ihr? Wie? Ihr — Ihr seid doch nicht seine — seine Geliebte?"
Veronika zuckte zusanimen, ihre Airgen schlossen sich für einen Augenblick, dann machte sic dem Herzog eine tiefe' Verneigung.
„Ah! Welch bodenlose -Verirrung einer Dame aus guter Familie!"
„Durchlaucht — ich liebte!"
„Ah. bah! Liebte! Liebt soviel Ihr wollt, aber erst, wenn Ihr den Segen des Pfarrers habt! Liebe! Ist denn das eine Entschuldigung?"
Ein Blick aus verschleierten Augen traf den Herzog, und eine von tiefer Bewegung zitternde Stimme sprach langsam und eindringlich:
„Haben Euer Durchlaucht nie gestabt?"
„Ich?" Der Herzog sah nachdenklich zu Boden. „Ah, mein Gott, das ist lange her!" sagte er wie in einem Seufzer.
„Und wenn ein liobebedürftigcs Herz ein anderes gefunden hat und in vollen:, reinen Glauben ihm anhängt und ihm den ganzen Menschen zum Opfer bringen möchte-" Veronikas Augen belebten sich, ihre
Stimme wurde leidenschaftlicher. „Ah, es tut mir leid. Euer Durchlaucht, daß Sie diesen entzückenden, berauschenden, wenn auch nur zu oft verderblichen Empfindungen nie Ihr Herz geöffnet haben, denn wer das nicht tat, ist bettelarm."
