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i* ~J ) Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatis. !-

Nr. 9. Mittwoch» 12. Januar. __1916.

(8. Fortsetzung.) SßlfCtttffilTtllS« (Nachdruck verboten.)

Eine Geschichte aus dem Rokoko von Felix v. Stenglitk.

Veronika sank in ihre Kissen zurück. Sie zermar­terte ihr Hirn mit dmn Gedanken, was Wohl in dem Brief gestanden haben könne. „Er — lachte. . sprach sie leise vor sich hin. Und sie meinte, es müsse etwas Gutes in dom Brief gestanden haben. Sie aber lag hier elend im Bett und mußte alles geschehen lassen!

Sie fühlte sich grenzenlos verlassen, wie so oft in ihren: Loben. Ihr Gemüt hatte viel ertragen müssen, schon in der Kindheit. Die Eltern waren früh ge­storben, sie war bei wenig freundlichen Verwandten, die sich an ihrem Gut bereicherten, erzogen worden. Mit ihrer ganzen Seele hatte sie die Liebe des schönen jungen Offiziers in sich ausgenommen. Sie stöhnte und »rächte sich schwere Vorwürfe, um gleich darauf Tränen der Seligkeit in ihr Kisten zu weinen .

Zur Verwunderung aller erschien Veronika an der Tafel des Gefolges im kleinen runden Saal. Sie war noch sehr bleich und sprach zuerst wenig: doch allmäh­lich kam sie in eine nervöse Lustigkeit und ging auf Himmelpsorts Unterhaltung nrit auffallender Lebhaf­tigkeit ein. Ihr Bemühen, etwas von dem Gespräch zwischen Rabenhorst und Aglaja aufzufangen, war zwar vergeblich. Rabenhorst schien guter Laune wie immer. Veronika sah. daß Aglaja eine kühle, ab- wehrende Miene aufsetzte: das beruhigte sie etwas, aber dann kamen die Zweifel, ob das ernst gemeint sei. Endlich schien es ihr Gewißheit, daß Aglaja sich heuch­lerisch den Anschein der Gleichmütigkeit zu geben suche, während sie heimlich Liebesbriefe mit Raben­horst tausche und in verschwiegener Stuu.de ihn für ihre Zurückhaltung in der Gesellschaft entschädige. Von da an war sie zerstreut, und es gelang dem Kammer- jünker von Himmelpfort nicht mol)r, sie durch seine ge­wählten Bemerkungen zu fesseln. Je mehr sie ihn ab- fallen ließ, desto schmachtender gebärdete er sich.

Veronika hatte eine Weile nervös mit einem Brot- kügelchen gespielt: als sie es los ließ, griff er schnell zu und steckte es in den Mund. Sie beachtete auch dos nicht. Ihre Miene drückte Stolz und Verachtung aus. Aus jede Weise suchte sie Aglaja zu reizen: durch Blicka und Worte. Als Fräulein von Ginster von den Opernaufführungen zu Zeiten des hochseligen Herrn sprach, bemerkte Veronika, indem sie einen Blick auf Aglaja warf:

,^Jch hasse alle Schauspielerei und Verstellung."

„Da mußtet Ihr nicht an einen Hof gehen", er­widerte die Ginster trocken.

Rabenhorst mischte sich hinein:

.Zräillein von der Winse hat ganz recht, ich hasse bergleick>en auch, aber es gibt Leute, die Aufrichtigkeit nicht vertragen können."

Da wußte Veronika nichts zu sagen, ein tiefes Weh durchzog sie. so daß sie hätte weinen mögen. Aber fie raffte sich enrpor, sie wollte nicht verzweifeln, sich nicht schwächlich zeigen. Vor allein wollte sie Gewiß­heit, und bald fing sie von neuem an, spitze Bemerkun­gen zu machen, um Aglaja aus ihrer Ruhe herauszu­

locken. Sie sollte sich verraten. Und dann ja, sii wußte noch nicht, was dann tun: das eine nur wußte sie: Rabenhorst sollte der anderen nicht gehören. Sie erwog Möglichkeiten, die sie gleich wieder verwarf. Sie kühlte'in der Pl-antasie ihre Rache, um darauf er- nüchtert ihren ganzen Jammer desto tiefer zu fahlen.

Längere Zeit bewahrte Aglaja ihre Ruhe. Wenn sie sich in die allgemeine Unterhaltung mischte, merkte man ihrer Stiinme keine Bewegung an. Sie hatte eine fließende Art, zu sprechen, mit Heller Stimme, als wenn sie aus einem Buche ablese. Endlich wurde e-^ ihr aber zu toll, und sie fing an, mit Raben hör st .zu kokettieren. Wenn sie antwortete, sah sie mit schelmr- scheu Seitenblicken auf ihn hin. Manchmal legte ste, anscheinend im Eifer -des Gesprächs, ihre Hand auf me seine. Als das Konfekt gereicht worden war, nahm sie eine gezuckerte Frucht, biß ab irnd gab den Rest ihrem Nachbarn mit den Worten:

„Das schmeckt siiß, Herr von Rabenhorst."

Ein strafender Blick der Ginster traf sie. Der Stallmeister, ein hagerer Junggeselle, sah belustigt hinüber. Lakai Hensel lächelte ein ganz klein wenig. Veronika aber wurde setzt ganz still. Eine finstere Ruhe kam über sie. Wie ein Marmorbild saß sie da, und Himmelpfort vermochte ihr kein eiirziges Läck)eln mehr zu entlocken. .

Abends in ihrem Zimmer aber, das unmittelbar an das der einst so geliebten und jetzt so verhaßten Aglaja stieß, lag Veronika auf den Knien und weinte.-

Am nächsten Morgen nach dem „Aufwecken" wurde bekannt, daß eine Stafette angekommen sei. Sie brachte Nachricht vom Prinzen Eberhard Karl. Der entflohene Gärtnevbursche war aufgegrifsen, und des Herzogs Neffe «hatte nicht gezögert, ihn in Begleitung von zwei Dragonern zurückzuschicken. Noch am Nachmittag langte der Transport in Lauingen an, und Serenissimus lieh sich alsbald im Garten den Ausreißer vorführen.

' „Da sicht Er, wozu dergleichen Extravaganzen führen. Man wird wie ein Verbrecher aufgegriffen und heimtransportiert. Gut nur. daß ich Ihm seine Stellung offen gehalten habe während dieser Tage. Wende demnächst den Alten pensionieren, dann kann Er in feine Stelle rücken. Nun?"

Mit niedergeschlagenen Aiigen und anscheinend ganz ergeben stand Tobias Eller da.

„Will Er denn nun seine Pflicht erfiillen?"

Da sah Tobias scheu empor und nickte.

„Nun, dann geh' Er zu seiner jungen Fraul"

„Serenissimus kann alles", bemerkte Kammecherr von Dunkelstein, als er im Vorllbergchen dem Fräu­lein von Ginster einen Besuch machte.

„Wenn es gut ist, mag .mcm's gelten lassen", er- widerte die Oberhofmeisterin gewissermaßen ein­schränkend.

.Meint Ihr, daß der Moval-Erlaß seine Wirkung tun wird? Nach dieser ersten Probe sollte man's glauben."