i« — Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiattr. • =» j
Nr. 4.
Donnerstag, 6. Januar.
1916.
{14. Fortsetzung.) Dtß ^VOll Qllf BOt0* , (Nachdruck verboten.)
Humoreske von Ott» Höcker.
Er hatte sie mittlerweile, begleitet von seiner Frau und sämtlichen Smithfchen Grazien, nach einem im Oberstock gelegenen Riesenzimmer geführt. Lucy, hie vor Angst fast mit den Zähnen klapperte, konnte sich eines Schauers nicht eiwehren. Die Vahle Einfachheit des Raumes, der weder Fenstergardinen noch Teppiche oder Bilderschmuck aufwies, mochte sie frösteln. Ihr war es, als ob sie den Futz weiten und fliähen müßte, iraend -wohin, nur um dem Erheben ihrer schreckhaft geänstigten Seele m entgehen.
Doch noch war Smiths Redestrom nicht versiegt. „Lassen Sie mich recht süße Träume Ihnen anwünschen, 0rau Waltham!" Er schickte sich schon an, die Zitternde in seine ungeheuren Windstügetarme zu schließen und ihr die bereits gespitzten Lippen auf die Stirn zu drücken, als er zum Glück»für Lucy durch einen energischen Handdruck zur Seite gedrängt wurde.
Es war seine Frau: sie nahm Lucy in die Arme, küßte sie auf -die Stirn und meinte mit sauersüßem Lächeln: „Lassen Sie sich am unserer schlichten Einfachheit genügen."
Lucy kam sich wie ein Opferlamm vor; die Berührung dieser kalten Lippen erschien ihr als unerträgliche Orial. Doch sie mußte die gleiche Prozedur auch von sämtlichen Töchtern hinnehmen. „Die reine Froschfamilie I" dachte sie entsetzt. Dann -marschierten, wie bei einem Hochgeitsreigen, die Töchter paarweise ab. und zuletzt schloß sich ihnen Herr Smith, am Arm die nicht abzuschüttelnde Gattin, an.
Die Tür schloß sich. Lucy war mit ihrem Pseudogatten allein. Da war sie auch mit ihrer Kraft zu Eiche. Wie vernichtet sank sie aus einen Stuhl und schluchzte leise vor sich hin. Doch als der über diesen elementaren GefühlSansbruch bestürzte Waltham sich ihr nähern, tröstend chre Hand ergreifen und zu ihr sprechen wollte, maß sie ihn mit verstörtem Blick, und in -heftiger Autzvallu-ng stieß sie ihn zurück. „Rühren Sie mich nicht an!" ächzte sie tonlos. .Lebt ein Funke Barmherzigkeit in Ahnen, so lassen Sie mich allein! Endigen Sie diese unwürdige Komödie!"
Waltham starch wie gerichtet: er hätte nie geglaubt, daß Trauen ihm solch Körperliches Weh bereiten könnten. Trotz ihres Widerstrebens trat er dicht auf sie zu. .Fräulein Elgin", begann er, und seine Stimme klang heiser, „es ist weder Ort noch Zeit, um Ihnen zu sagen, was in mir vorgeht. Sie sollen mir aber nie Vorwersen -dürfen, daß ich Ahr Vertrauen, Ihre Kameradschaft je mißbraucht habe. Das bin ich — meiner zukünftigen Frau schuldig!" sagte er sehr bestimmt.
Sie zuckte unter seinen Worten zusammen. Flammender Stolz sprach plötzlich auS ihren Blicken. Wie konnte er sie so demütigen, daß er von Rücksichtnahme auf eine zukünftige Frau, die er ja noch nicht einmal kannte, ihr gegenüber sprechen konnte! Das war roh. tzhr fehlte daS Verständnis für sine solche .Handlungs- tzseis«. Doch zugleich durchzuckte sie auch schon wieder
bitterer Schmerz. Wie er nun gar ihre Hand ergreifen wollte, stieß sie ihn in verletztem Stolz herb zuruck.
Doch er ließ nicht ob von ihr; er wagte es, ihrem Widerstreben zum Trotz, sie mit sanfter Gewalt festzu- hcrlten.
„Lassen Sie mich, Herr Waltham — oder ich schreie um Hilfe!" keuchte -sie.
Da lachte sie der herzlose Mensch gar an. „DaS würde ein erbauliches Schauspiel geben — die Smith- schen Töchter möchte ich sehen!" Nun wurde er wieder ernst. „Also, Fräulein Elgin — ich gehe jetzt. Die Luft ist ja warm, und draußen im Park werde ich irgendwo schon eine Bank ftir die Nacht finden." Sie wollte ihn unterbrechen, ihn: sagen, daß sie selbst gehen wollte, doch er ließ sie in seiner bestimmten, fast befehlenden Art gar nicht zu Worte kommen. „Wollen Sie recht zeitig ausstehen, Fräulein Elgin? Sagen wir, etwa bei Sonnenaufgang. Ich tverde unten vor dem Hause auf Sie warten."
-Sie sah ihn immer befremdeter an. Sein Benehmen erschien ihr rätselhaft — unverständlich.
„Ich meine es so, wie ich sage!" bestätigte er offenbar in großem -Ernst. „Wir werden dann -den nächsten Friedensrichter aufsuchen und uns unverzüglich trauen lassen."
Ganz entsetzt wich Lucy vor ihm zurück. Der arme WalthamI Die Aufregungen der letzten Tage mußten ihn um den Verstand gebracht haben. Sie war keines Wortes fähig, nur ihre verstörten Mienen kündeten, daß sie ihn verstanden hatte.
grauen lassen!" wiederholte er, als gälte es eine einfache geschäftliche Anordnung. „Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht korrekt ausd rücke. Ich habe keine Mung im Flirten. Als dummer Junge glaubte ich mit- den Frauen fertig zu sein. Ah war eS auch, bis ich Sie gestern sah. Da hat's mich gepackt, und eS packt mich noch; es wird mich bis zu meinem letzten Tage gepackt halten. Mehr kann ich nicht sagen. Wollen Sie meine Frau werden, Lrrcy, können Sie mir ein ganz klein wenig gut sein? Ich bin ja Ihnen gegenüber ein alter Mann und —"
„Das ist nicht wahr!" entfuhr es Lucy wider Willen. Dann stand sie wieder wie vom Donner gerührt mit den Händen vor dem Gesicht und wagte sich nicht zu rühren.
.Fräulein Elgin, es — es ist eine verwünscht schwierige Sache mit den Liebeserklärungen — hm!" Er räusperte sich „Verzeihen Sie den Ausdruck. Doch es ist sehr schwierig, besonders wenn man miteinander allein ist." Er schöpfte wieder Atem. .Mitte, schauen Sie mich nicht an — wenigstsas jetzt noch nicht, sonst verliere ich den Text!" hatte sich nach ihn: um- wenden wollen, doch sanft, aber entschieden hatte er sie wieder umgÄkchü. „Sie haben es mir angetan. Ich habe mich auf der DeFuchung ertappt, Purzelbäume schießen zu wollen. @Sk werden zugeben, daß das ftir.
