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Nr. 3. Mittwoch, 8. Januar. 1916.
llS. Fortsetzung.) DtC (Ulf tNachdrrrck verboten.)
Humoreske von Ott» HLckrr. '
Unter «der Eimvirkung von Lucys heimlich flehendem Blick saß Walcham wie auf Kohlen. „Meine Frau hat gesellschaftliche Verpflichtungen in New Aork", log er. „Sic will noch heilte abend zurückfahren. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ihr Komiuen sozusagen eine Mer- raschung .darstellte."
Dock» Smith schnitt jode Einwendung ab; er tat ordentlich entrüstet. „Das wäre noch schöner!" meinte er ungehalten. „Es wäre ja stuft eine Beleidigung für wein eiiifaches Haus, tooüte Frau Waltham meine Einladung abschlagen. Was sollte meine Frau davon denken!" Er wendete sich direkt an die schwer ihre Unbefangenheit bewahrende Lucy. „Sagen Sie selbst, kann es wichtigere Verpflichtungen geben? Hier handelt es sich uni die Bestätigung eines Vertrages von historischer Bedeutung, der sich in seiner umfassenden Wirkung in beiden Ehehälften fühlbar machen wird. Ich meine, in einem solchen Falle gehört die Frau zum Manne. Sie brauchen indessen nicht zu fürchten, Frau Waltham, daß es Ihnen an gewohnter Bequemlichkeit fehlen wird. Ist mein Haushalt auch schlicht und frei von jeder weltlichen Hoffart, so haben »vir im Oberstock doch ein recht behagliches Stübchen, in welchom sich auch ein junges Eheglück gemütlich aufgehoben fühlen kann." Er streckte Lucy die Spinnenfinaer hin. „Ihre Hand daraus, _ Frau Walthanr, ich bin ein schlichter, einfacher Mann — Sie werden mein Haus mit Ihrer Anwesenheit schmücken, nicht wahr?"
Lucy waren die Tränen nahe, doch sie mußte sich wohl oder Mel fügen. Nur oinon flehenden Blick sandte sie Walthcckn zu; er mußte einen schicklichen Arrsweg finden. Bei der ersten unbewachten Gelegenheit hauchte sie ihm auch zu: „Um Hinrme-ls willen, Herr Waltham, Sie müssen Rat schaffen. Hier im Wagen konnte ich manches tun, was — was —" sie schlrickte mutig — .Mas nicht ganz korrekt von mir war. Aber ich kann doch nicht in ein wildfremdes Haus unter falschem Namen, in einer Stellung, die mir nicht gebührt, gehen. Das müssen Sie doch einsehen!"
Das sah Waltham freilich ein, doch ebensowenig sah er einen Ausweg. Sie hatten sich in eine Sackgasse verrannt. aus welcher es keinen Ausweg gab. Er legte sich aufs Bitten. In beweglichen Worten stellte er dem Mädchen die von ihm selbst als unerträglich empfundene Lage vor und beschwor sie, nur noch wenige Stunden lang tapfer auszuharren. ,Fto>mmt unser Schwindel jetzt heraus, so ist alles verloren, das Sinussen Sie doch einsehen I Der brave Smith würde_ tote ein _ Eber schäumen. Er würde die ihm gespielte Komödie nie verzeihen, und das käine einer Kriegserklärung gleich Eine solch« wäre gleichbedeutend mit meinem Ruin. Den können Sie doch nicht wünschen!"
Lucy stand schweratmend, vergeblich rang sie nach Festigkeit. „Ich bin nur ein schwaches Mädchen und Hobe nichts außer meinem Ruf!" sagte sie tonlos.
„Wem sagen Sie dies? Sehe ich aus wie einer, der ihm entgeqengobrachtes Vertrau«! mißbrwuhen kann?" teenbei* er ein..
Sie schüttelte mit dem Kopfe. „Das ist es nicht. Ich schäme mich nur so schrecklich! Wie eine Wer- brecherin erscheine ich mir!"
Sie konnten nicht weiter verhandeln, aufgeräumt rief Smith nach ihnen. Er und Jngersoll hielten sich auch den ganzen Tag in ihrer Nähe. Sie wollten wissen, was es zu essen gäbe, und boten sich zur Mithilfe an. Als sich dann herausstellte, daß Lucy Kartoffelkuchen, Herrn Smiths Leibgericht, bereiten konnte, erbot er sich gar zum Kartoffälschälen. Es waren aber keine Kartoffeln da. Doch Smith »mißte Rat» sie fuhren ja auf Linien, die seiner Alleinherrschaft unterstanden. So wurde eine Depesche aufgegeben, und auf der nächsten Haltestation wurde ein großer Korb mit Kartoffeln in den Wagen geschobest.
Nun konnte sich Lucy der Herren gar nicht mehr erwehren; sie besetzten dre Küche, erwiesen sich freilich >inehr hinderlich als nützlich. Doch unter anderen Umständen «hätte des Miädchens gesunder Sinn wohl die in der eigentümlichen Lage liegende Komik zu würdigen gewußt. Da schütten zwei der mächtigsten Multimillionäre der modernen Wett in ihrem Dienst Kartoffeln, und der durchtriebenste Korporationsanwalt von ganz Amerika bekam beim ungeschickten Hantieren mit dem Reibeisen blutige Fingerspitzen, was seinem Eifer indessen durchaus nicht Abbruch tat.
So konnte aber keine rechte Heiterkeit in des Mädchens niedergedrückter Seele auskommen; sie war stiller und .gedrückter als am Vortag und empfand es als Wohltat, daß die so ungewohnt Beschäftigten dafür um so gesprächiger waren. .
Weiter und immer weiter rasselte der Zug, ohne daß es Lucy gelungen wäre, noch einmal zu ungestörter Rücksprache mit Waltham zu gelangen; Smith und dessen Begleiter hatten es förmlich 'darauf abgesehen, die beiden nicht allein zu lassen, als bereitete es ihnen eine Genugtuung, ein junges Liebesglück zu stören. Förmliche Qual bereitete es Lucy, als Waltham sie später zum Singen aufforderte. Sie konnte nicht gut ausweichen und mußte sich an den Flügel setzen. Doch als ihre Finger erst über die Tasten glitten, verstand sie die gute Absicht Waithanis und war ihm dankbar. Die geliebte Musik verschafste ihrem fieberisch schlagenden Herzen lösende Zerstreuung. Niedertauchend in dos ewig schöne Tonmeer unsterblicher Melodien, fand sie Vergessen für das drangvolle Wirrsal des Augenblicks.
Sie wurde es nicht gewahr, daß. während ihre schönheitstrunkene Seele sich auf den Schwingen der Musik Mer die engen Alltagsgvenzen erhob, Smith und sein würdiger Genosse sanft eingeschlafen waren. Auch Waltham hatte nicht acht darauf; er saß wie im Bann. Wie aus eisgesprengtec Hülle der frische Quell zum Tage drängt, so rauschten aus seiner Seele Tiefen längstvergessene Gefühle zum Licht empor. Jnnner sieghafter beschlich ihn zugleich die wehmütige Erkenntnis, daß die hastende Gagd nach dem allmächtigen Dollar
