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■] Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. I

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Nr. 2

Dienstag, 4. Januar.

1916.

112. Fortsetzung.) IDtC $l'OU ÖUf 130?Q« (Nachdruck verboten.)

Humoreske von Otto Höcker.

Der Minenkönig sah ihr mit einem Blicke nach, der für seinen gewöhnlichen, nüchternen Verstandesmenschen- siandpunki tropisch genannt wenden mutzte. Dann rieb er sich sehr vergnügt die ^ände und schaute so unter­nehmend um sich, wie etwa ein Viertsljahrhun-dert früher, als er auf den Landwiescn draußen gestanden und überlegt hatte, ob er nun einen Purzelbaum schla­gen oder in die Weite tollen sollte. Was war das nur für ein jugendlich übermütiges Gefühl, das ihn durch- prickelte? Er hatte doch nicht zu viel Wein getrunken

— nein, keine Spur, die wasserfimpelnden Heuchler hatten ihn eher Durst leiden lassen) Oder war's gar

— des lieben Mädels Nähe mit seinem guten, aus treuem, mrverdo ebenem Herzen konnnenden Wesen? Das war ja wie lieber Sonnenschein, schuf Leben um sich, inachte warm, froh und jung — ach so töricht und doch wieder so beseligend jung!

Er blieb sich die Antwort schuldig, trat vor einen der Spiegel rmid musterte sich eingehend in diesem. Die Prüfung schien ihn nicht besonders zu befriedigen.- „John", »neinte er vorwurfsvoll zu seinem Spiegelbild,' „du siehst wie dein eigener Vater aus. Du bist ein alter Mann — oder wenigstens auf dem besten Weg, ein -solcher zu werden. Du hast schon graue Haare an den Schläfen, John, und du hast vom Leben noch nichts gehabt!" bestätigte er mit großem Nachdruck. „Du hast dich immer für besonders smart gehalten. Ein lieber John, doch säst will es mich bedünken, als seiest du rvobenüei noch ein grotzer Esel gewesen."

Damit ging auch er schlafen — in der engen Kabine feines Kochs.

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Gute Einfälle kommen in der Regel, wenn man weder Felder noch Papier zur Hand hat, sie festzuhal­ten: verläßt man sich ober auf ihr Kommen, so bleiben sie so sicher aus wie der Getdbriesträger. Das ist näm­lich auch sin ganz heimtückischer Geselle!

John B. Walcham hatte auf dem Dienerbett eine wenig konnfortäble Nacht verbracht: er erhob sich mit dem Vorsätze, schleunigst ein menschenwürdiges Lager für seinen Koch beschaffen lassen zu wollen. Das war ober auch der einzige Entschluß, den er während der schlaflos zrrgebrächten Nacht gefaßt hatte.

Ms er an der Keinen .Küche vorüberkam,-traf er in ihr Lucy schon in reger Tätigkeit an. Sie sah ent- KÜckend rosig aus. Die bei keinem Erblicken ihre Wan­gen bedeckende purpurne Mut wärmte ihn ordentlich; im Augenblicke vergaß er die nächtlichen Beschwerden unb fühlte sich ungeheuer vergnügt aufgelegt, er wußte fegjft nicht warum.

Sie war gerade beim Bocken von Buchweizenküchel­chen, eine sonst für John B. Walcham heimlich gleich­gültige Geschichte. Heute verspürte er indessen ein ganz merkwürdiges Verlangen nach solch einsm deli- toAen Happen, und er bat so lang und so LroWg, bis tzucy eines der runden braunen Dinger auf einen

Teller legte, es sorglich mit Ahornsyrup begoß und chm darreicbte. Als er dabei nicht nur den Teller, sondern auch die rosigen Fingerspitzen faßte und festhielt, wurde sie verwirrt und zitterte. Das machte chn noch über­mütiger, und mit knabenhaft keckem Lachen fragte er, wie sein „Frauchen" geschlafen habe.

Sie schaute hilflos. „Wer Herr Wialthanr", meinte sie fast weinerlich, „nun verspotten Sie mich auch noch!"

„Fällt mir gar nicht ein!" versicherte er, um im gleichen Atem sortzufahren: „Die Kuchen sind aber köst­lich! Ich möchte sie nie wieder zum Frühstück missen!"

Sie sagte gar nichts, doch ehe er sich dessen versah, halte sie ihm die Tür vor iber Nase zugemacht. Da mutzte cr freilich weiter gehen, doch er war durchaus nicht be­leidigt, sondern schimmzelte recht vergnügt vor sich hin.

Im Eßraum traf er seine beiden Gäste an. Sie waren weniger vergnügt; besonders Smith wollte schlecht geschlafen haben, was er den: von Jngersoll ver- iibtert ungeheuerlichen Schnarchkonzect zuschrieb. Sein ,,-Bize" litt schweigend und suchte mit seinen Wasser- augen gen Himmel zu blicken, als wollte er diesem zunr Zeugen seiner Ilnschnld anrufen.

Nach dem Frühstück setzte man sich zur Arbeit nieder. John B. Smith war nicht wenig erstaunt, als er hörte, tdaß Lucy als Stenographin >,u -fungieren gedachte. Doch er ließ es sich gern gefallen und ^machte ihr eine Menge Komplimente weaen ihrer Vielseitigkeit, Als er sich im Laufe der Verhandlungen von ihrer Geschicklichkeit überzeugte, geriet er ganz außer dem Häuschen. „Schade, daß Sie Frau iWaltham sind!" rief er begeistert. „Ich wände eine solche Privatsekrctärin mit Gold aus­wiegen. Nein, im Ernst! Ich zahlte Ihnen jedes Ge-' palt. — Walthom, Sie müssen das Nadelgeld Ihres -lieben Frau um mindestens tausend Dollar monatlich erhöhen, denn so viel ist sie schon als Sekretärin wert!"

Mit einem neckischen Mick streifte Lucy des Minen­königs Züge, doch sie wurde rot und schaute schnell wie­der fort, als er kaltblütig erklärte, ihm sei das Talent seiner Frau die doppelte Summe wert, und er werde demnächst mit ihr auf solcher Grundlage einen Vertrag . adschließen.

Das hielten die beiden Herren für einen Kapital- Witz, den sie pflichtgemäß belachten. Lucy aber saß in wohligen: Träuiuen; sie kam sich plötzlich gesichert vor, gar nicht mehr wie ein überzählig Vöglein auf schtvan- kem Aste. Gewiß, was' Herr Waltham gesagt hatte, war im Scherz geschehen, sie dachte ja auch nicht entfernt an ein derartiges Rieseneinkommen. Doch in ihr lebte ein inmrer noch sich be^estigerrdes Vertrauen, dos ihr die ZMufft in sorglosem Lichte zeigte. Ganz heimlich gestand sie sich, daß Walcham dem Ideal, das sie sich von einem rechtschaffenen, edel und vornehm denkenden Manne gemacht, vollkommen entsprach; er würde seine starke Hand über sie gebreitet halten und chr einen Posten sichern, dessen Einkünfte ihr die Sorgen fütz MLutter und Geschwister evnwglichten. Er behielt st« vielleicht in seiner Nähe; doch nein, das wollte sie nicht,