Msrgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr 304. Donnerstag» 20. Dezember. 1918.
(9. Fortsetzung.) DlC $1*011 Otlf BO? £• (Nachdruck verboten.!
Humoreske von Ott» Höcker.
Noch War die geplante Verbrüderung dem Publikum ein Geheimnis, noch stieß dieses nach Kräften seinen unrentabel gewordenen Besitz an Minenpapieren ab. Niemand ahnte, daß John B. Waltham in weiser Voraussicht des Kommenden all diese Papiere auf den verschiedenen Börsen zu gedrückten Kursen aufkaufen ließ und sich in der sicheren Gewißheit rascher Kurssteigerung mit Millionen engagiert hatte. Stand unter dem geplanten Vertrag neben seiner eigenen die Unterschrift von Jahn D. Smith, so hatte Waltham sein Riesenver- mögen mehr als verdoppelt. Trat Smith dagegen zurück, so verlor der jugendliche Minenkönig den größten Teil seines Vermögens, denn in dem alsdann mit verdoppelter Scharfe entbrennenden Konkurrenzkämpfe mußten die Minenpapiere erst recht sinken, vielleicht um sich nimmer wieder zu erholen.
John D. Smith war jedoch ,licht nur sein Mitregent im Minenkönigtum: der gerissenste und skrupelloseste
Geschäftsmann, den die neue Welt je gesehen, war er in seinem Privatleben ein Leisetreter schlimmster Art, einer von denen, die mit niedergeschlagenen Augen sich vor der Sandigkeit der Welt entsetzen und in heuchlerischer ltberhebung ihren eigenen Lebenswandel als wohlgefälliges Muster hinstellen. Vom Wohltun war er dabei keinFreund, sondern erklärte es als Sünde. Bedürftige mit Geldmitteln zu unterstützen, weil man dadurch den Müßiggang förderte. In erquickender Bescheidenheit stellte er sich als einen Auserwählten hin, den der Hin «mal nur deshalb so reichlich mit irdischen Schätzen begnadet habe, um zu zeigen, wie herrlich weit man es durch einen eremplarifchen Lebenswandel bringen könnte. Kurzum, John D. Smith war einer von jenen augenvevdrohenden und unablässig über die Verderbtheit und Unmoral der sündigen Welt seufzenden Kopfhängern, in deren Herzen wahre Frömmigkeit keine Heinlsratt findet, eine von den gerade in Amerika zahlreichen Unnaturen, die hinter dem Mantel ihrer Schein- Heiligkeit um so skrupelloser im trüben fischen.
Noch fünf Minuten, und dieser Mann stieg in Gesellschaft eines vollwertigen Gesinnungsgenossen in den Wagen! Er würde die niodliche kleine Steno». vaphin sehen! Walthmn sah ihn im Geiste schon euchlerisch erröten, ungläubig der notgcdrungencn Erklärung .lauschen. Der Heuchler war in seinem ewigen Mißtrauen imstande, allerlei Kniffliges zu wittern.
Es litt Waltham, nicht länger im Stuhl; ihm war es, als -sollte er ersticken. Der alte Heuchler war nicht nur imstande, nein, sicherlich würde er die liebliche Kleine verdächtigen und ihn, John B. Waltham, dazu! Ah — das war, um verrückt zu werden! Wie hatte er nur diese drohende Klippe übersehen können! Smith war imstande, daraufhin die ganze Kombination hin- fällig zu machen!
Zum ersten Male kt seinem Leben sah sich Waltham ratlos. Eben pfiff die Lokomotive. Noch zwei Minuten und —
Sein Gedankengang verwirrte sich. Mit weit
offenen Migen starrte er auf Lucy, die eben cingetreten war und sich nun errötend präsentierte. Der Angst- schweiß trat ihm auf die Stirn. Das war ja eine Schönheit,, so wundersüß und duftig, so — so traum- schön!, Ei zum Henker! Wenn Methusalem selbst in Begleitung eines solch liebreizenden Wesens reisen und ihm glaubhaft machen wollte, das wunder-holde Weib sei nur durch ein Mißverständnis in den Wagen gekommen — er glaubte es selbst nicht. Die da vor ihm stand, umflossen von >mattschimnrernden Spitzen, dis schlanken, feinen Linien straff von der knisternden Seide umspannt, keinen Schmuck als Rosen im goldenen Haar und doch unsagbar köstlich geschmückt durch die eigene sieghafte Jugendschöne, erschien ihn: wie eine holde Offenbarung. Wo hatte er nur seine Augen gehabt! Wie hatte er diesen entzückenden Liebreiz übersehen können!
Unter seinem Blick errötete -das Mädchen, ihre unschuldsvollen Augen suchten -verwirrt den Boden; di« neckische Frage, ob sie ihm gefalle, erstarb auf ihren Lippen. Schon fuhr der Zug langsamer, bunte Signallaternen glitten imnier zögernder an ihnen vorüber.
Da war Waltham mit einem Satze bei ihr und ergriff die Hand der Erschrockenen. „Miß Mgin", keucht« er wie ein Ertrinkender, der nach einem Strohhalm faßt, „ldas geht nicht, Sie sind zu schön. Ich kann Ihnen das jetzt nicht auseinandcvsetzen, warum es nicht Seht. Halten Sie mich für einen Mann von Ehre?"
„Aber Herr Waltham!" stotterte die völlig Per- wirrte.
„So hören Sie. Die Herren, die zu uns einsteigen werden, sind — ich weiß nicht, was ich sagen soll — es sind Kaffern, Fräulein Elgin. Sie würden Ihrer Anwesenheit falsche Motive unterschieben — mit einem Wort, Sie — Sie müssen es sich gefallen lassen, als meine Frau zu gelten!"
Lucy. schwankte zurück. Sie begriff ihn nicht, so ungeheuerlich erschien ihr sein Vorschlag. Wohl bewegte sie die zuckenden Lippen, doch sie konnte keinen Laut hervovb ringen.
„Zu Auseinandersetzungen ist keine Zeit", fuhr dev Minenkönig fort, der selbst die ruhige Besinnung verloren hatte. „Der Zug hält sofort. Ich bitte, ich beschwöre Sie, Fräulein Elgin, stoßen Sie sich nicht an dom Seltsamen in meiner Bitte! Es ge>ht nicht anders. Sie wissen nicht, was für mich von dieser Konferenz abhängt: Ruf, Vermögen, meine ganze Stellung in der Finanzwelt. Es ist ja nur für kurze Stunden, ein unschädlicher Scherz, wenn Sie so wollen. Und Sie verpflichten mich zu ewigem Dank."
Seine Stimme klang flöhend; er war augenscheinlich mit seiner Weisheit zu Ende.
Lucy stand noch immer in halber Betäubung; si« begriff nichts von dem ganz unerhörten Verlangen, sie fühlte nur, wie Scham ihr die Kehle würgte uns Tränen ihre Augen verdunkeln wollten.
„Nur nicht weinen, jetzt nicht weinen l" stöhnt»
