Einzelbild herunterladen
 

fe==gj Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. r g~ »i

Nr 303.

Mittwoch, 29. Dezember.

1915.

[(8. Fortsetzung.)

Die Srou auf Borg.

Humoreske von Otto Höcker.

(Nachdruck verboten.)

Doch das blieb nur die sentimentale Regung eines Augenblicks. Waltham nahm sich gewaltsam zusammen, um den Zauber unwirksam zu machen, den dies Haus- Mütterchen, das wie eine gute Fee im engen Raume waltete, verbreitete, abzu'chütteln.

„ - Doch er konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

- * ihr das alles so leicht und zierlich von den Händen ging! >§hr frisches, einfach natürliches Wesen paßte w zu der Vorstellungsschaiblone, die er sich von

weiblicher Art zurechtgemacht. Seinem selbstherr- lraien Sinn waren die Frauen bisher nur als Drohnen erschienen, wollte man galant sein, wie Lilien auf doni Felde, die das Schriftwort in ihrem inneren hohlen Wesen so treffend zeichnet. In diesen Borstellungs. rahmen pachte seine unverhoffte Reisegefährtin wenig. Wie hatte ,ie vorhin den Flügel gemeistert! Es mußte fuß sein, sich in den wenigen Mußestunden von ihr Vor­singen zu lassen Wie tüchtig hatte sie sich in der grau- samen Diktatprobe bewährt! Er gestand sich selbst, daß er eme derartige Leistung kaum einem -Manne zuge- tvaut halben würde. Run stand sie vor dem Kochherd und bmmltigte ihre neue Arbeit in derselben selbstver- stand lichen Art. Dabei durchfuhr sie nun schon den zweiten Dag: es war, als ob sie gar nicht ermüden konnte. Wie ihre Berlchsnangen frisch zu blitzen wuß- ten; ste kannte wohl überhaupt nicht das unentbehrliche Reauiflt der Modedame: die Nerven, welche der Sklave Enn nicht genugsam respektieren kann. Und wie hübsch sie war — geradezu gefährlich hübsch! Vielleicht m feinen Augen gerade darum so hübsch, weil ihr all das abgmg, was die Mädchen im großen Stil aus seinem Bekanntenkreis im Übermaß besaßen, tribut- heischende Prätensionen.

. Lucy sah seinen bewundernden Blick Wohl; sie hätte keine Evastochter sein müssen, hätte sie seinen Gedan- kenqang nicht erraten. Das machte sie befangen, und sre versuchte nun d-urch Plaudern «darüber -vsgAudom« men. „Die Herren werden ein leidliches Diner be- rammen . meinte sie, ahne sich -dabei in ihrer geschäfti- gen Hantierung stören zu lassen. „Zuerst Hühnersuppe. Wollen Sie emmal kosten. Herr Waliham? Sie ist schon fertig. Damit hatte sie auch schon aus einem der brodelnden Topfe mrt der Schöpfkelle gefischt und reichte chm d-rese nun einladend hin. „Erst pusten", mahnte sie vorsorglich, als er der Einladung nicht widerstehen konnte, .chre Suppe ist heiß, Sie verbrennen sich sonst die Lippen!

'-Ganz vortrefflich!" meinte er überrascht und kostete nochmals. . „Wie l>aben Sie das fertig gebracht? Das schmeckt nicht nach Konservensuppe."

„Dabei ist keine Kunst; hier im Schrank sind genug fertige Sachen, n«an miiß nur den richtigen Geschmack herausbrmgen. — Es mundet also, das freut mich. — Nachher gibt es die unvermeidliche Hummermayonnaise; wh verspreche Ihnen aber, die Turike delikat zu machen. Hierauf Chanipignons niit Zunge. Dann ein Phan-

dasieragout", lachte sie errötend. „Schelm, der es besser Echt. als er kann! Dg waren nämlich allerhand Fleischkonserven, einzeln schmecken sie fad, aber durch- einander in einer pikanten Soße mag man sie wohl essen können. Wollen Sie kosten? — Doch neinl" unter- brach sie sich. „Dazu gehören abgoschmälzte Nudeln, die kommen erst ins Wasser. Zuvi Schluß gibt's einen Pudding mit Weincreme; der bäckt bereits." Sie hatte den Brutofen geöffnet, um nachzuschauen. Ein appetitlicher Ge laich begann die Küche zu durchströmen. „«, er gerät prächtig I" rief sie erfreut. „Können Sie sehen, Herr Waltham? Er ist schon ganz goldbraun. — -vj«, das wäre alles. Sonst gibt es nur noch Käse, Butter und Brot zum Nachtisch. Früchte sind ja noch genug ,m Eßzimmer. Es ist nur wenig, doch ich habe nicht mehr zur Hand."

'.'.^berZENug ist es!" beruhigte Waltham, ganz ver­gnügt schnüffelnd. „Ob wohl noch Eis -da ist? Es werden sich auch noch einige Flaschen Wein vorfinden."

"Ist bereits besorgt. Ich habe einen kleinen Wein- läden entdeckt, iinterbrach sie ihn hastig. „Weißwein und Ghanipagner liegt bereits ans Eis. Wir haben noch genug Vorrat."

„Prächtig!" Waltham nickte beifällig. „Holla, wer tragt über die Speisen auf? Doch umiwglich Sie, Fräulein? Verwünscht, nun haben wir niemand!"

, . '^Selbstverständlich trage ich auf und bediene auch ber Tisch . erklärte Lucy. „Deiiken Sie etwa, das ver- stehe ich nicht? Wir haben manche Gesellschaft zu Hause peihabt, ehe Papa sein Vevnrögen verloren hat. Da habe ich als die Älteste immer aufgewartot. In Iowa hat inan nicht so viel« geschulte Dienerschaft."

„Das kann ich unmöglich zugeben!" protestiert- Waltham ganz bestürzt.

Das junge Mädchen lachte. „Wird Ihnen wenig helfen, Herr Waltham. Wer soll's denn sonst tun? Doch nicht etwa Sie? Das müßte ein komischer An- blick fern!"

Nun mußte er doch schwach lächeln. Er drohte mit dem Finger. „Nun machen Sie sich gar über mich lustig! Sie müssen einen schönen Begriff von meiner Lebensart bekommen — ich nutze Sie ja rein aus!"

„Ich tu' es gern", meinte sie ehrlich. „Viel lieber als stenographieren. Ich wollte, ich hätte eine große Hauswirtschaft, da wäre ich in «rieinem Element."

„Da würden wir uns wohl doch bald auf die Daiii-e von Stand besinnen!"

„Ich nicht — gewiß nicht, Herr Waltham. Ich be­greife nicht, wie man müßig sein kann. In einen gol- denen Käfig eingesperrt zu sein, stelle ich mir schrecklich vor. Und wäre es die ollerstolzeste Frau, sie muß den Ihren mit gutem Beispiel vorangehen. Lieber Gott, wieviel Gutes kann eine solche Frau wirken!" Sie brach errötend ab, als sie seinem Bück begegnete. „Bitte, Herr Waltham", ries sie unvermittelt, ,^-hen Sie wie-