WieMkner
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Mittwoch» 29. Dezember 1913.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 605. ♦ 63. Jahrgang.
An unsere Leser!
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Der Verlag.
Die neue russische Offensive.
Russische Vorstöße an der beffarabischen Front und am vnjestr. — Ein Massenangriff zwischen pruth und Toporoutz zusammengebrochen. v«r österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 28. Dez. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 28. Dezember, mittags:
Russischer Rriegsschauplatz.
An der bessarabischen Front und an dem Dnjestr, nordöstlich von Zaleszczyki, wurden gestern wiederholte Angriffe starker russischer Kräfte blutig a b g c w i c s e n. Besondere Anstrengungen richtete der Feind gegen den Abschnitt zwischen Pruth und Waldzone, nördlich Toporoutz. Nach Artillerievorbereitung, die den ganzen Bormittag anhiclt und sich stellenweise bis zum Trommelfeuer schwerer Kaliber steigerte, erfolgten in den ersten Nachmittagsstunden fünf Jnfan- tcrrc-Angriffe, die abgewieseu wurden. Ein anschließender Massenangriff, 15 bis 16 dichte Reihen tief, brach im Artilleriefeuer unter schwersten Verlusten zusammen. Das gleiche Schicksal batten die feindlichen Angriffe nördlich des Dnjestrs. Unsere Verluste sind gering. Nachts über herrschte Ruhe.
Italienischer Rriegsschauplatz.
An der Tiroler Süd- und Südostfront dauerten die Geschützkämpfe fort.
Montenegrinischer Rriegsschauplatz.
Von unseren Kräften verfolgt, zogen sich die Montenegriner von Godijewo nach B i j o c a zurück. Nächst K o v r e n wurden drei montenegrinische Geschütze modernster Konstruktion von unseren Truppen ausgc- graben.
Der Stellvertreter des Chefs des Gcneralstabs: v. Höf er, Feldmarschallcutnant.
Die Ereignisse auf dem Dalkan.
Jur Eröffnung der bulgarischen Sobranje.
Br. Sofia, 28. Dez. (Eig- Drahtbericht. Jens. Bln.) Der Sonderberichterstatter des „B. T." meldet seinem Blatt über den Verlaus der Eröffnung der S o b r a n j e : Begeistert
stimmten die Abgeordneten in die «Schlußworte der Thronrede des Zaren ein: Es lebe Bulgarien, es lebe die bulgarische Armee. 25 Minuten hat die Verlesung der Thronrede gedauert. Dann stieg der König von der Estrade herunter und ging auf jenen Mann zu, der sein treuester Mitarbeiter in der heutigen Erfolg verheißenden Politik Bulgariens gewesen, auf den Ministerpräsidenten Radoslawow. Lange drückte der König dem Ministerpräsidenten die Hand. Dann verließ er mit den Prinzen und seinem Gefolge unter neuem stürmischen Jubel den Saal. Das persönliche Erscheinen des Königs in der Sobranje ist für die Abgeordneten eine Überraschung gewesen, da der König erst im Laus des gestrigen Tages die Thronrede vor den versammelten Vertretern des bulgarischen Volkes selbst zu verlesen beschlossen hatte. Die Thronrede erregte durch ihre sichere feste Sprache allgemeine
Befriedigung. Es fällt auf, daß die Thronrede Rußland trotz der Beschießung von Warna durch russische Schiffe mit keinem Wort Erwähnung tut. Das gleiche ist bei Italien weniger auffällig, da Italien eine feindliche Handlung gegen Bulgarien bisher ncch nicht unternommen hat. Mit Spannung sieht man den Erklärungen entgegen, welche Radoslawow in der Debatte über die Antwort auf die Thronrede geben wird. Doch verlautet, daß diese Erklärungen sehr allgemein gehalten sein werden. An die Parlamente Deutschlands, Österreich-Ungarns und der Türkei hat die Sobranje B e- grützungStelegramme geschickt. Die Sobranje tritt beute nachmittag zu ihrer nächsten Sitzung zusammen.
Die französisch-englischen Verteidigungsarbeiten.
Br- Budapest, 28. Dez. >,E:g. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die Franzosen bringen, wie ans Saloniki gemeldet wird, fortgesetzt großkalibrige Geschütze an Land, die bei den Operationen in Mazedonien verwendet werde» sollen. Die Engländer arbeiten Tag und Nacht an dem Ausbau der neuen Verteidigungslimen. Auch an der Küste legen die Engländer Verteidigungslinien an, woraus man auf die Absicht der Engländer schließt, nach dem Fall von Saloniki sich dorthin zurückzuziehen.
Italien und Griechenland.
Die Enttäuschung in Rom über die griechische Valona- Anfrnge.
Br. Lugano, 28. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der griechische Schritt bei «der Consulta wegen Va l o n a wird von der italienischen Presse sehr :: nfreundlich nusgenonmt-en. Die „Tribuna" nennt die Anträge über den Zweck der Expedition in Albanien absind und ungeeignet, die Beziehungen beider Länder zu befestigen. Italien habe niomals Hintergedanken gegenüber Griechenland gehabt. Die „Jdea Ncziona-le" hofft, daß die Regierung eine ablehnende Erklärung geben wird. „Secolo" schreibt. Griechenland sti nach den Wahlen ententefeindlicher als vorher. Es bleibe nur eine gewaltsame Lektion übrig._
Der Krieg gegen England.
Englands Mangel an Geschützen und Maschinengewehren.
Br. Rotterdam, 28. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Das englische Blatt „Nation" findet Lloyd Georges Mitteilungen im englischen Unterhaus über den Mangel an Geschützen sehr beunruhigend. Tie schweren Belagerungsgejchütze, die bei Beginn des Krieges inr Heere gebraucht wurden, gehören jetzt nach den Angaben Llovd Georges zu den leichtesten Feldgeschützen. Obgleich die Lieferung der mittleren Geschütze und Haubitzen befriedigend sei, seien die Geschütze doch erst bestellt. Wenn diese Tatsache an und für sich schon entmutigend ist — schreibt das Blatt —, was müssen wir, dann erst von Lloyd Georges Mitteilungen halten, daß der Mangel an Maschinengewehren und die Wichtigkeit dieser Tatsache erst durch den Beiuch des Premierministers bekannt wurde, den dieser inr Juni an der Front machte. Daß es möglich war, daß die Entdeckung eines solchen Mangels dem Zufall eines Besuchs an der Front zehn Monate nach Kriegsausbruch zu verdanken ist. läßt ernste Bedenken über die Tätigkeit unserer Offiziere oder des obersten Kommandos aufkommen. Es ist nicht anzunehmen. daß wir schon alles davon wissen, und der Schluß Tennants. mit der scharfen Abweisung der Vorwürfe der Unkchl-üsiigkeit im Kriegs- ministerinm läßt durchblicken, daß von der ganzen Geschichte noch nicht alles bekannt ist.
Enttäuschung der ausländischen Arbeiter in der englischen Munitionsindustrie.
Kopenhagen, 28 Dez. (Zens. Bln.) Der Andrang der für englische Munitionsfabriken angeworbenen Arbeiter ist derart, daß ein aus England nach Amerika zurückgekehrter Arbeiter namens Reley in amerikanischen Zeitungen dringend warnt, Stellung in England anzunehmen. Er weist daraus hin, daß die bet der Anstellung gemachten glänzenden Versprechungen nicht innegehalten werden, und daß die Löhne sogar niedriger seien als in den Vereinigten Staaten.
Eine englische Munitinnsanlcihe von 5 Milliarden?
Amsterdam, 28. Dez. (Zew. Bln.) „NieiN'Z van den Dag" meldet aus London: In Kreisen des englischen Keiegsininisteriums verlautet, daß Lloyd George im kommenden Monat eine besondere Anleihe für Mun i t i o n szw ccke in Höhe von 250 Millionen Pfund Sterling verlangen wende.
Oie erfolglose Seesperre gegen Deutschland.
Ein weiterer Nus nach Verschärfung der Blockade.
Br. Genf, 28. Dez. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Das „Journal des Debüts" bespricht in seinem gestrigen Leitartikel den Mißerfolg der von den Verbündeten gegen Deutschland verhängten See sperre. Deutschland leide nicht an Hungersnot. Die deutsche Artillerie sei hinreichend mit Geschojsen versehen, mit denen Deutschland außerdem
noch halb Europa versorge, die Blockade gegen die Zentral, machte sei unvollständig. Aber die Hauptursache ihres Scheiterns fei der Widerstand, den ihr die N e u t r a l e n entgegensetzten. Selbst die Ausfuh r Deutschlands lebe wenig «unter der Blockade der Verbündeten. Deshalb fordert das Blatt Verschärfungen der Blockade und der Bestimmungen über Bannware, unter welcher Flagge sie auch segelten. Außer der militärischen und diplomatischinr Entscheidung müßten die Verbündeten eine wirtschaftliche Entscheidung suchen, die durch eine vollständige Unterbindung der deutschen Ein- und Ausfuhr in einer wirtschaftlichen Erdrosselung Deutschlands bestehen müsse.
Freigabe der beschlagnahmten schwedischen { Paketpost.
W. T.-B. Kopenhagen, 28. Dez. (Nichtamtlich. Drahibe- richt.) „Nationaltidende" meldet aus Stockholm: Die von den Engländern beschlagnahmte Paketpost ist fr ei ge geben worden. 191 Postsäcke sind heute in Götheborg angekommen, wettere 338 werden erwartet. Trotz der Sperrung des englischen Durchgangsverkehrs nach Rußland durch Schweden sind heute 639 Säcke mit Paketen, die von England nach Rußland bestimmt sind, eingetroffen.
Der Krieg gegen Rußland.
vie beschränkte Tätigkeit der Duma.
Abtransport der Flüchtlinge nach Sibirien.
Br. Kopenhagen, 28. Dez. (Eig. Dvahtbericht. Zens. Bln.) In der russischen Regierung nahestehenden Nationalst sten- kreisen ist man darüber unterrichtet, daß die R e i ch s d u m a erst mn 22. Januar alten Stils (4. Februar) zusammentreten und ausschließlich den Haushalt erledigen wird. Den Präsident der Reichsduma, Rodsjanko, hat im Zusammenhang mit diesen Gerüchten eine geheime Sitzung des Seniorenkonvents für die nächsten Tage einberufen. Der Minister des Innern Chwostow hat dem allrussischen Städteverband und dem Semstwoverband verboten, sich zukünftig mit der Flüchtlingsfürsorge zu beschäftigen. Das Verbot wird damit begründet, daß di>e Flüchtlinge auf Staatskosten faulenzten. Die Regierung hat gleicktzsitig umfangreichere Abtrcmsporte der Flüchtlinge n«ach Sibirien ungeordnet. Der deutsche Adelsklub in Reval, der bisher noch tagen durfte, wurde «durch die Militärbehörden geschlossen.
Finnland von Brotmangel bedroht.
W. T.-B. Stockholm, 28. Dez. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die finnischen Zeitungen beklagen sich, daß die Getreideeinfuhr von ilinßland fast ausgchört habe, so daß «ein großer Teil von Finnland ernstlich von Brotmangel ludraht ist. Die Blätter fordern die Regierung auf, den Zoll auf ausländisches Getreide mifzuhebeu, damit sich Finnland Getreide au«s Amerika verschaffen könne.
Das Weiße Meer vereist.
W. T.-B. Kopenhagen, 28. Dez. (Nichtamtlich. Drahtöc- richt.) „Nationaltidende" berichtet aus Christrania: Über hundert Sch«iffe, zumeist amerikanische, englische und französische sowie einige norivegische, sind im Weißen Meer .vom Eise überrascht worden, so daß sie gezwungen sind, dort zu überwintern. Das letzte Schiff, das rechtzeitig Archangel verlassen hat und damit der Eisumklammerung o* Weißen Meer entgangen ist, war der norwegische Dampfer „Modig", der jetzt in Tromsö eingetroffen ist. Das Schiff hatte «einen furchtbaren Orkan zu überstehen. Die Besatzung hat schricklich unter der Kälte gelitten.
Oie Lage im westem
Deutsche Volksschule in Lüttich.
Köln, 28. Dez. (Zens. Bin.) Lüttich wird nunmehr, wie der „Köln. Volksztg." geschrieben wird, auch seine deutsche Volksschule erhalten. Auf Grund vieler Anregungen aus den Kreisen der in Lüttich und Umgegend ansässigen Deutschen ist seitens des Geh. RegieruugSrats Horning in den letzten Tagen an die nähere Ausarbeitung des Planes geschritten worden. Anfang 1916 soll die Schule eröffnet werden. In Betracht kommen Kinder, die von denffchen Eltern abstammen. Den Kursen wird der Lehrplan der deutschen Volksschule zugrunde gelegt. Schulgeld wiüd nicht erhoben. Bereits über hundert Kinder find zur Anmeldung gelangt.
Der sinkende Rurs der französischen Anleihe.
Br. Haag, 28. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Dln.) „Nieurpe Finanz" sagt: Das. holländische Publikum warf sich in blinder Begeisterung auf He französische Kriegsanleihe. denn es ist kein alltägliches Ereignis, eine 6pro- zentige französische Anleihe zum Kurs von 72 erhalten zu können. Aber schon jetzt s i n k t der Wert dieses Papiers, daher sei es fraglich, ob nicht durch das Sinken des Kurses dasjenige wieder verloren wird, was die hohe Verzinsung einbringt. Die New Dorker französisch-englische Anleihe, die hier mit 91 notiert, mußte infolge gesunkenen Dollarkurses iii New Dork wenigstens 98,4 stehen. Da der Kurs aber dort viel niedriger ist, v e r l i e r e n die holländischen Anleger schon jetzt erheblich. Das Blatt meint, Holland solle sich von fremden Kriegsanleihen sernhalten. Dagegen beständen keine Schwierigkeiten bet der Anlage in fremden Privatpapieren, besonders österreichische Hypotheken seien zu emp» fehlen, die konservativ verwaltet würden.
