Morgen.veilage der Wiesbadener Lagblattr. i ^=^ i
Nr- 302.
Dienstag, 28« Dezember.
1915.
P. Fortsetzung.) ÖUf 13©1?0« (Nachdruck verboten.)
Humoreske von Otto Höcker.
Das ging jo etwa zwanzig Minuten lang. Dann war Waltham fertig. Lucy legte den Bleistift hin und erhob sich.
Sie trat an den kurz von seinen Papieren Aufblickenden. „Ich 'habe einige technische Ausdrücke nicht verstanden", meinte sie mit geschäftlicher Knappheit. „Bitte, wiederholen Sie rnir diese." Damit las sie einige angenierkte Stelle«', aus ihrem Stenogramm vor, und Zwar,' wie Walthani zu seiner geheimen Überraschung entdeckte, fließender und korrekter, als er es gewohnt war. „Danke, Herr Waltham", meinte sie, nachdem sie die nötigen Korrekturen gemacht. ^Da-mit ging sie wieder zum Pult zurück und rückte die Schreibmaschine zurecht.
„Sie wollen doch nicht mit Übertragen anfangen? Das hat wenig Zweck, denn wenn Sie Ihr Versprechen einlösen und in der Küche anshclfen wollen, so werden Sie nicht weit kommen."
„Sie haben zwanzig Minuten diktiert, das erfordert zur Übertragung etwa die vierfache Zeit, ich kann es also wagen, Herr Waltham", widersprach Lucy. „Wir haben jetzt gleich halb acht Uhr, um dreiviertel neun Uhr denke ich fertig zu sein; ich habe dann immer noch eine Viertelstunde für die Durchsicht übrig. Wieviel Abzüge wünschen Sie?" _____
„Im ganzen drei Exemplare." Kopfschüttelnd entzündete Waltham die erloschene Zigarre wieder. In der Art des Mädchens lag etwas, das ihm wider Willen fniponierte. Er Kvang sich jedoch zu einer skeptischen Miene.
Lucy schien sie nicht zu beachten. „Sehr wohl. Ich werde vier Exemplare anfertigen, damit eine Ersatzabschrift vorhanden ist." Damit saß sie auch schon vor der Maschine, legte hurtig einige Bogen Kohlenpapier zwischen die Schreibblätter und spannte ein. Die Sekunde darauf tippte sie auch schon. Das ging flott, fast taktmäßig, sie blickte kaum auf ihre über die Buch- stabentasten wirbelnden Hände, sondern behielt unausgesetzt ihr Stenogramm im Auge und unterbrach sich nur, galt es, umzuwenden oder die Schreibseiten zu erneuern.
Nach einer Weile konnte Waltham der Versuchung nicht widerstehen, die ersten bereits fertiggestellten Seiten auf ihre Verwendbarkeit hin prüfend zu betrachten. Als er zu lesen begann, bemächtigte sich seiner auch schon eine angenehme Überraschung. Er hatte selten eine solch sorgfältig, sauber und gewissenhaft sich dor- bietendc Übertragung gesehen. Er war ein gefürchteter Kritiker, denn er besaß die Gabe, beiin Durchlesen ohne weiteres zu erkennen, ob das Diktat wortgetreu war oder nicht. Was er las, war einwandfrei. Er legte die Blätter hin, lehnte sich iin Sessel zurück und begann unauffällig die völlig in ihre Arbeit Vertiefte zu belichten. Wie hübsch und ebenmäßig schlank sie war! Sie saß mit dem Rücken nach ihm, hielt den Kopf ein kpenig nach vorn geneigt; verursacht durch die Anstreu-.
gung lag ein rosiger Hauch über dein schimmernden Schnee ihres von widerspenstigen Goldlöckchen halb verdeckten Nackens. Zuweilen, wenn sie nach dem Stenograinm schaute, erschien ihr feines Profil; das mutete Waltham in seiner jugendlichen Lieblichkeit seltsam bekannt an. Wie er grübelnd nachdachte, kam er auf die Sixtinische Madonna, por weliher er in Dresden lange bewundernd gestanden; das Köpfchen da vor ihm hatte viel mit der Gestalt geinein, die auf dein Bilde zur Linken der Gottesmutter kniet. Mit Behagen nahm der Minenkönig auch wahr, daß ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sein Zorn merkwürdig schnell verraucht war; er konnte jetzt schon seinem Geschäftsführer kaum mehr zürnen. Sonst war ein Ärger bei ihm -von solider Dauer, besonders wenn er sich in einem solchen Dilenrma sah, wie es dieses heillose Mißverständnis geschaffen -hatte. Zur Hälfte war indessen der Shaden bereits ausgeweht; arbeitete das Mädchen in deinselben Tempo weiter, so nrochte sie Wohl zur gesetzt ten Frist niit dem Stenogramm fertig werden, und dieses mochte die Basis für die bevorstehenden Verhandlungen abgeben, fehlten auch die llnterschriftcn der Teilnehmer an der Konferenz.
Immer wieder ertappte sich Waltham bei der Betrachtung der unermüdlich Arbeitenden; sie war keine eigentliche Schönheit, doch unendlich lieblich, etwa wie ein taufrischer Maimorgen, der nichts von «des Som- mers sengender Schwüle weiß. Dabei ging es von ihr so beruhigend aus. War eigentlich ein ganz mutiges Frauenzimmer, ganz anders wie die Frauen, die er bisher kennen gelernt harte. Aus dem Mädchen sprach Einfachheit, ein schlichter, natürlicher Sinn. Sie machte nicht viele Morte, dabei keine Spur von Ziererei oder prüder Zurückhaltung, die er ungefähr ebenso grimmig haßte wie aufdringliche selbstbewußte Koketterie. Sie mutzte noch sehr jung sein, vielleicht noch nicht einmal zwanzig Jahre.
Doch sie war ein Weib! Das allein -war für John B. «Waltham genügend, sie mit unvermindertem Mißtrauen zu betrachten. Er hatte in jungen Jahren eine betrübsame Erfahrung machen müssen, -war damals in die Netze einer Sirene geraten, die ihn: eine tolle Liebeskomödie vorgespielt, bis ein Zufall schließlich noch rechtzeitig ihm entdeckt hatte, daß sie nicht ihn, sondern nur feine Millionen geliebt hatte. Von Stund' an war er zum Weiberhasser geworden und hatte das schöne Geschlecht völlig aus seinem Gesichtskreis verbannt. Seine leidenschaftliche Natur hatte sich einzig aufs Geldverdienen geworfen; in etwa zehn Jahren hatte er das ihm vom Vater hinterlassene Millionenerbe verzehnfacht, und seinem Ehrgeiz war noch lange kein Genüge getan.
Was die fleißige Kleins da anbetraf, fo konnte von ihrer dauernden Beschäftigung in feinen Diensten natürlich keine Rede sein; er würde sie, sah er erst in diesem heillosen Mißverständnis ganz klar, bei nächster Gelegenheit anständig entlohnen und zurückschickm, ilj
