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Der Roman, ü
Morgen-veilage der Wiesbadener Tagblatts, i«:---
Nr- 301. Samstag. 25. Dezember. 1915.
( 6 . Fortsetzung.) DXC ÖUj (Nachdruck verboten.)
Humoreske von Otto Höcker.
„Ich bitte um Verzeihung wegen der Störung , sagte der Fremde mit klangvoll tiefer Stimme, rüdem er sich förmlich vor dem Mädchen verneigte, ohne den Blick von diesem zu lassen. „Ich -bin John B. Waltham lind glaube mich in meinem Wagen, zu befinden."
„Herr Waltham?" rief Lucy in wachsender Verwirrung. „O, ich dachte, Sie wiirden erst in Madison einsteigen."
,/Das war allerdings meine Absicht", lautete die Antwort Walthams. „Eine unvorhergesehene Konferenz berief mich in diese Gegend, und es gelang mir, den Zug glücklich noch auf der letzten Station zu erreichen." Er hielt einen Augenblick inne. „Wie kommen Sie hierher? Es ist ein Privatwagen, Madam —" Er hielt fragend inne.
„Ich bin Fräulein Lucy Elgin, Ihre neue Stenographin", sagte das Mädchen schüchtern, sich dabei ängstlich verneigend.
Waltham stand.mit offenem Munde. „Was für ern Ding?" fragte er zurück.
,-Die neue Stenographin", stammelte Lucy, in ihrer Tasche suchend und den ihr von Snyder eingchändigten Brief hervorziehend. „Herr Snyder hat mich angestellt. Er brachte mich auch in diesen Wagen — er ist _ ein Jugendfreund meines Vater", setzte sie unsicher hinzu, als Waltham fortfuhr, sie voll unfaßbaren (Staunens zu betrachten, als fei sie irgend eine gespenstige Erscheinung anstatt ein Wesen von Fleisch und Blut. „Ist es nicht recht, Herr Waltham? Er gab mir diesen Brief. Vielleicht erklärt dies alles." Zitternd, kaum mchr ihre Tränen verhalten könnend, überreichte sie den Umschlag.
Mit einer brüsken Handbewegung nahm Waltham den Brief in Empfang und las zuerst den beigelegten Zettel, daun die Depüsck^e. Seine Gesichtsfarbe wurde immer beängstigender, die Adern traten dick auf seiner Stirn hervor. ,Snyder muß verrückt geworden sein! Herr des Himmels, was ist das für ein Unsinn!" Er las die Depesche mit ihrem krausen Inhalt, der ihm augenscheinlich noch unverständlicher vorkam als seinem Personal am Tage zuvor, von neuem durch. Dann wendete er sich nach kurzem Ruck an Lucy. „Haben Sie das Ding da gelesen?"
Das Mädchen verneinte schüchtern. „Herr Snyder tagte mir, ich sollte sofort reisen. Ich war gerade bei ihm, um wegen der Anstellung nachzufragen. Er sagte auch, er müßte mir eine ganze Ausstattung kaufen und — und ein Dinerkleid."
Nun tveinte sie schon wirklich. Walthams Gesichts- ausdruck war auch zu fürchterlich.
Ein drückendes Schweigen entstand. Waltham schien ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben. Seine Züge waren wirklich vom Jähzorn entstellt. Er sprang plötzlich auf, eilte aus dem Zimmer und kam eine Minute daraus zu der so jäh aus all ihren Hosfnnngsträumen Gestürzten in womöglich noch gesteigerter Erregung zurück. „Da hört alles auf!" grollte er. „Kein Koch, keine
Vorbereitungen — nichts! Und in wenigen Stunden sind wir in Madison. Da steigen zwei Herren zu mir ein, die habe ich zrmr Essen eingeladen! Und gerade noch diesen Smith, diesen nur ans Lebensregeln und gesellschaftlichen Anstandsrücksichten zusammengestopften Hanswurst! Das ist keine Blamage mehr — er nimmt's für eine Beleidigung, ja er wird sich tödlich beleidigt fühlen. Die ganze Kombination fällt ins Wasser!" In nicht länger zu bändigender Wut schüttelte er die Fäuste. „Hätte ich diesen Snyder hier — ich könnte ihn erwürgen!" schrie er zähneknirschend. Dann, sich auf die Gegenwart des Mädchens bosinnend, hielt er inne, biß sich auf die Zähne und zwang sich zur äußeren Ruhe. „Sie müssen einen schönen Begriff von mir be- . kommen, Fräulein — Fräulein Elgin", setzte er nach einem Orientierungsblick auf den Zettel hinzu, „Sie können freilich nicht ahnen, in welche Verlegenheit mich dieses unglaubliche Mißverständnis bringt."- Er wurde immer ruhiger, nun suchte er sogar 31t lächeln und deutete mit weltmännischer Höflichkeit auf einen Sessel. ,-Vvr allen Dingen nehmen Sie Platz —■ nein, ohne Ziererei, bitte, ich bin kein Freund von übertriebenen Höflichkeiten. Bitte, weinen Sie auch nicht mehr. Ich hasse Tränen, und — und Sie können doch schließlich nichts dafür!"
„Nein, .das kann ich wirklich nicht!" beteuerte Lucy, gehorsam ihre Tränen trocknend. Null saß sie ihm gegenüber, mit angstvollen Blicken verfolgte sie das lebhafte Spiel seiner noch immer in heller Erregung arbeitenden Züge. Er schwieg eine lange Weile, dann zog er mechanisch eine unförmlich große, kohlschwarze Zigarre aus der Tasche, schnitt die Spitze ab und rauchte sie in starken Zügen an. Dann besann er sich. „Entschuldigen Sie den Mangel an Lebensart. Danien muß man wohl zuerst um Raucherlaubnis fragen. Ich bin so wenig an die Gegenwart des anderen Geschlechts gewöhnt, daß —"
„Ich bin doch Ihre Stenographin, Herr Waltham. Herren pflegen bei den Geschäften immer zu rauchen."
„Ganz richtig, also Sie sind meine Stenographin, das habe ich ganz vergessen. Hätte ich den braven Snyder hier, würde ich es ihm unvergeßlich machen. >— ‘ Nein, nein, weinen Sie um Himmels willen nicht wieder", unterbrach er sich hastig, als er sie nach dem Taschentuch greifen sah. „Ich bin zwar leidenschaftlicher Raucher, doch wenn es Sie belästigt —"
„Aber wirklich nicht. Mein seliger Vater rauchte immer. Ich habe es sogar gern."
„Danke." Nun paffte er in mächtigen Zügen. „Ich muß rauchen, soll ich Nachdenken können. Und diese Situation erfordert Nachdenken." Unvermittelt sprang er plötzlich wieder auf die Füße. „Die Pest über diesen Snyder! — Verzeihen Sie, Miß Elgin, in Damengesellschaft darf umn wohl nicht strichen", lenkte er mrt gezwungenem Auflachen wieder ein. „Ich bin Naturmensch, schwatze, wie mir der <L-chnabel gewachsen isst Es ist auch zu ärgerlich! Nein — es ist niederträchtig!"
