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Nr 300.

KreiLag, 24. Dezember.

lyrs.

Morgen.veilage -er Wierbadener Tagblatlr.

(S. Fortsetzung.) Ctlif fNachdruck verboten.)

Humoreske von Otto Höcker.

Sie hatte Mühe, ihr Schlafzimmer wioderzufinden. Zuerst kam sie auf einen Durchgang, der dom anderen völlig glich. Doch ein Blick in das gleichfalls taghell er­leuchtete Gemach ließ sie ihren Irrtum erkennen. Wohl war die Einrichtung fast dieselbe; -doch -da hingen Herrenkleider an den Wänden, in der Ecke statt des Sofas ein Arbeitspult, welches Spuren fleißiger Be- Nutzung auswics; -darauf Bücher und Nachschlagwerke, alles sorglich geordnet, als ob der Besitzer den Raum oben erst verlassen habe, um sofort wieder zurückzu- kohren. Wie voni bösen Gewissen -getrieben, hastete Lucy hinweg, öffnete eine Tür, befand sich im Salon und -vermochte von da aus den zu ihrem eigenen -Stiib- chen führenden Korridor zu entdecken.

Dieselbe glanzvolle Helle umfing sie. Sie riegelte sich hastig ein; die Gardinen an den Fenstern waren bereits sorglich zugezogen, die Rouleaus herunterge­lassen. Ihr Blick streifte die beiden Koffer. Diese hatte sie völlig vergessen gehabt. Nun erwachte ihre Neu­gier. Zaghaft probierte sie die Schlüssel. Die Koffer sprangen auf. Wie sie nun den reichen Inhalt auszu­packen begann, fiel sie von einem Staunen ins andere. Das alles sollte für sie bestimmt sein? Das war doch nicht gut denkbar! Kopfschüttelnd zählte sie die Kleider, fünf, sechs an der Zahl. Als echte Evastochter konnte sie der Versuchung, die Sachen anzuprobieren, nicht widerstehen. Wie herrlich das alles paßte, als ob es für sie gemacht -woöden sei! Staunend beschaute sie sich immer von neuem wieder in dem deckenhohen Ankleide- spiggel. Sie'kannte sich einfach nicht wieder. Ganz zu­letzt kam ein spitzenduftiges Gewebe, Taille und Rock auf rasa Seide gearbeitet. Zuerst getraute sie sich kaum, es anzufassen. Als sie es nachher schüchtern an­probierte und sich im Spiegel beschaute, gingen Glut­wellen von ihren Wangen aus. Nein — das mußte ein Traum sein! Doch sie konnte sich zwicken und kneifen: sie fühlte den Schmerz ganz deutlich, also mußte sie wach sein.

Das wunderschöne Nachtgewand beschloß sie anzu­behalten. Morgen stellte es sich gewiß heraus, daß da ein Irrtum vorlag. So wollte sie über Nacht wenig­stens ganz -glücklich sein und sich wie eine richtige vor­nehme Dame siihlen. Halb im Traume öffnete sie schließ­lich auch noch den zierlichen Bücherschrank. Sie nahm einen Band heraus. Fast hätte sie -vor Entzücken auf­gejauchzt. Das war ja der nagelneue Roman, -der jetzt in allen Zeitungen als besonders lesenswert angezeigt wurde! Da saß sie auch schon im bequemen Schaukel­stuhl, und wie sie -sich erst einmal in die Lektüre ver­tieft hatte, vergaßsie -ganz das Aufhören und blickte richtig nicht eher wieder auf, als bis sie mit -der letzten Seite fertig g(.worden war und die Liebenden nach Werftshung von allerhand wunderbaren Gefährnissen sich glücklich „gekriegt" hatten.

Da schaute sie träumerisch vor sich hin, das Ge­lesene nochmals zu überdenken. Es war fo friedlich still, so märchenschön rings um sie; nur die Räder rasselten

monoton, das hörte sich an wie ein Schlummerlied. Immer mehr übevk-a-m sie wohlige Mattigkeit und mengte sich in das unklare Glücksempfinden ihrer Seele.

Da suchte -sie unter einem wonnigen Schauer ihr Bett auf und verlöschte eilig das Licht.

4.

An der Tür pochte es. Aus tiefem Schlafe wachtg Lucy auf, rieb sich die Augen und sah verwundert um sich. Wo war sie nur? Nur mühsam vernwchte sie sich an die Erlebnisse des letzten Tages zurückzuerinnern. Durch die herabgelassenen Rouleaus blinkte schon -der Helle Tag. Da pochte es wieder.

Es war der Neger. „Entschuldigen, Madam, in einer Stunde sind wir in Chikago. Da wird der Wagen ab- gchängt. Im anderen Zug ist kein Speisewagen. Früh­stück ist bereits aufgetragen."

Geschwind erhob sich Lucy. Wie lange und süß sie geschlafen hatte! Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß es bereits auf neun llhr ging. Sic wollte ihr Kleid vom Vortage überstreifen, doch dann besann sie sich, daß sie ja mit Herrn Waltham zusammentreffen würde. So legte sie nach kurzem Zögern ein dunkelblaues Tuchkleid an, das ihr am Abend zuvor besonders gut gefallen hatte.

Beim Frühstück wartete Sam auf. Sie müsse mit kaltem Frühstück fürlieünehmeu, das er bereits auf das Büfett gestellt habe, berichtete er. Auf den Bahnlinien, die von Chikago aus den Salonwagen wciterbesörder- ten, gab cs keinen Speisewagen. „Wundert mich, daß Herr Waltham nicht seinen Koch hat kommen lassen. Dort oben ist nicht gute Gegend, gibt fast nichts zu essen."

Lucy hörte kaum auf ihn. Sie fühlte sich wieder seltsam bedrückt. Mit Bangen sah sie deni Zusammen­treffen mit ihrem künftigen Chef entgegen; jetzt begriff sie kaum, woher sie den Mut genommen, solch weite, abenteuerliche Fahrt zu wagen. In ihrem Kleinmut wäre sie am liebsten Hals über Kopf nach New Uork zurückgekchrt, wenn sie nur gekonnt hätte. Doch die Mar Silberlinge in ihrer Börse reichten nicht weit. Hätte Herr Snydcr ihr nicht zuvorkommend ausgehol­fen, so hätte sie nicht einmal ihre Verbindlichkeit im Kosthause begleichen können. Was rvaren das für sorgenvolle, entbehrungsreiche Wochen, die hinter ihr lagen! Sie sah sich immer noch auf ihrem tagtäglichen vergeblichen Gong von Geschäft zu Geschäft; überall Achselzucken, frostiges Bedauern, und wo -man ihr ein­mal einen Platz geboten, da war er so niedrig bezahlt, daß sie kaum selbst davon hätte ihr Leben erschwingen, geschweige für die Lieben daheim sorgen können.

Und nun dieser traumhafte Wandel! Zum ersten Male schlich sich etwas wie Neid in ihre junge Seele. Doch sic streifte den unedlen Gedanken schnell ab. Dieser plötzliche Glücksfall -kam sicher nicht von ungefähr. Da hatte daheim ein liebend Mnttevherz bangend und sehnend für sie gebetet — und nun war das Glück qe- foiirtimen, märchenschön, unglaublich verschwenderisch.