Einzelbild herunterladen
 

*■

/

K- -b i Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts, i « » >

Nr 299.

Donnerstag, 23. Dezember.

1915.

£4. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Humoreske von Otto Höcker.

„Mer, Herr Snyder, ich trage doch nicht mchr Schuld, als etraa —"

„— als ich?" ergänzte Snyder mit einem Vernich­tungslächeln. „Das wollen Sie vermutlich sagen. Sie haben recht. Ich hätte mich nicht mit Idioten umgeben dürfen. Dieser Vorwurf bleibt mir nicht erspart." Wieder durchwanderte er den Raum. „Ich habe einen Ausweg!" rief er dann plötzlich. „Ich werde Herrn Waltham in einer ausführlichen Depesche über den gan­zen Irrtum aufklären. Ich will versuchen, Ihre Ver­schuldung so milde wie möglich auszudrücken, Hopkins", unterbrach er sich wohlwollend. „Ja, ich will noch mehr tun. Ich werde mit dem Verband lungsstenogramm über die Smithichen Engelminen persönlich Nachfahren. Der Westerpreß geht um sechs Uhr; immerhin komme ich nur acht Stunden später in Madison an. Ich werde in meiner Depesche Herrn Waltham ersuchen, seinen Wagen dort anhalten imd auf den Westerpreß warten zu lassen. Der Wagen trifft ohnehin erst um zehn Uhr nachts ein, da verhandeln die Herrn doch nicht mchr. Sie werden einfach in Madison über Nacht bleiben und am nächsten Morgen die Fahrt gemeinschaftlich fort­setzen. Ich nehme Miß Elgin mit hierher zurück und, abgesehen von einer vorübergehenden Verstimmung, löst sich die Sache, in Wohlgefallen auf. Ja, das will ich tun!" sagte er feierlich. „Um Ihretwillen, Hopkins, weil Sie sonst ja ein ganz tüchtiger Beamter sind. Ich werde Herrn Waltham3 gerechten Unwillen zu besänf­tigen wissen. Doch seien Sie in Zukunft — hm, weni­ger begriffsstutzig. Hätte ich mich nicht auf Ihr Nach­denken verlassen, würde ich natürlich die Situation so­fort überschaut haben."

„Selbstverständlich!" Hopkins war ganz dank­erfüllt und eitel Hingebung, als ihm der Gefürchtete nun mit Gönnermiene die Fingerspitze hinstreckte.

Als er.aber die Tür zum Privatzimmer von außen zugemacht hatte, lächelte er ingrimmig und sagte mit wahrer Wollust, doch so leise, daß es von den übrigen Beamten reiner hören konnte: „Jd'ot!" — womit er natürlich pflichtschuldigst nur sich selbst meinte.

3 .

Lucy Elgin kam sich wie die verwunschene Prinzessin in einem Märchen vor. In der kleinen Heimatstadt war ihr Leben einförmig genug verflossen. Die Reise nach New Bork, die sie unternommen hatte, uni sich dort eine Stellung zu suchen, war die erste einschnei­dende Veränderung in ihrem jungen Loben gowesen. Doch ihr Herz, all ihr Sehnen und Fühlen waren da­heim bei ihren Lieben geblieben. Sie hatte auch in der Riesenstadt ihre schlichten Lebensgewohnheiten nicht ge­ändert und hatte sich aus dom unfreundlichen, billigen Kosthause nur gewagt, um die tagtägliche Jagd nach einer Stellung abzuhaspeln. Im übrigen hatte sie wie eine Schnecke in ihrem Haus gelebt, unberührt von dam gewaltigen Treiben der Metropole. Die an die-

{ om Movgon einander überstürzenden Ereignisse hatten ie vollständig verwirrt gemacht. Sie stand mit Wachen

Augen immer noch wie im Traum, auch als sich der Zug längst in Bewegung gesetzt hatte.

Mit Wide^villen dachte sie an ihre Herfahrt vor vier Wochen. Da war sie im gewöhnlichen Zuge ge­fahren, dem billigsten, den es überhaupt gab, Tag und Nacht hatte sie auf engem, unbequemem Sitz ausharren müssen, der Wagen «hatte gestoßen und geschüttelt, daß ihr ganz übel geworden war.' Kurz, es war ihr ent­setzlich gewesen. Nun spürte sie das Fahren kaum, nicht die leiseste Erschütterung, kein plötzliches Stoßen oder Rütteln; nur das rollende Rädergerausch und die blitz­schnell an den Wagenfenstern vorübechuschcnde Land­schaft machten es ihr klar, daß sie überhaupt fuhr.

Sie stand noch zaudernd vor der offenen Tür, die zu ihrem Schlafzimmer führte. Ihr schwindelte. In die- sam köstlichen Messingbett mit dem duftigen Spitzen- Himmel darüber sollte sie schlafen! Ganz mechanisch trat sie an das breite, mormorne Waschbecken mit den silbernen Hähnen darüber. Sie erschrak ordentlich, als sie an diesen drehte und heißes Wasser dampfend in das Becken wallte. Zaghaft wusch sie ihre Hände und kühlte dann mit kaltem Wasser Stirn und Schläfen; es kostete sie förmlich Überwindung, sich des bereithängen­den kostbaren Linnens zum Abtrocknen zu bedienen. In ihrem Elternhaus hatte früher ja auch Wohlstand ge- herrscht, ehe die schlimme Zeit gekommen war, doch solch köstliches Gespinst je gesehen zu haben, konnte sie sich nicht entsinnen. Ganz zaghaft berührte sie den Seiden- samt der Portieren, den welchen Plüsch des winzigen Ecksofas, strich behutsam über den echten Krokodilbezug des Lxchailkelstuhlpolsters. Die Ausstattung dieses Raumes allein nrußte ein kleines Vermögen gekostet haben. Der Verstand stand ihr still, dachte sie davan, daß sie auf dom Wege zu dom Besitzer all dieser Herr­lichkeiten war. Von einem solchen Multimillionär konnte sie sich gar keine Vorstellung machen; der konnte doch nicht wie gewöhnliche Menschen sonst aussohen — und nun sollte sie gar in seiner Gegenwart ailbciten! Wüvde sie das auch fertig bringen? Eine Riesenangst schnürte ihr die Kehle zu.

Leise Schritte hinter ihr ließen sie nmschauen. Der farbige Diener grinste sie freundlich an und meldete, daß aufaetragen Ki. „Bitte, hier", meinte er höflich, als sie mechanisch nach dem Salon zurückgehen wollte. Wieder schob sich ein Eckspisgel zur Seite, und diesmal traten sie in einen luxuriös ausgestatteten Raum, der an Große dem Salon nichts nachgab. Blumen in ver­schwenderischer Fülle, wohin sie auch blicken mochte. Zwischen den Fenstern zu beiden Seiten schmale, zier­liche Glasschränke, an der einen Schmalwand ein kunst­voll geschnitztes Büfett mit einer Uhr darüber; Wände und Decken mit farbenprächtigen Geinälden von be­rufener Künstlevhand geschmückt. Nun erst die Tafel selbst! Welch schimmernde Pracht an Gold- und Silber- gerätcn, leuchtenden Kristallen, köstlichen Fruchtauf, sähen, gefüllt bis zum Rande!

Der schwarze Bursche lief geschäftig auf und üb; ein

m