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Nr 298.
Mittwoch, 22. Dezember.
- 191J
(8. Fortsetzung.) Dtfc öllf BOt0» (Nachdruck verboten.)
Humoreske von Ott» Höcker.
Kurz vor Schluß der Geschäftsstunden, als der stürmische Drang der Geschäfte wieder abgeebbt hatte, trat der Kassierer mit rotem Kopf bei dom Vielgebietenden ein. „Herr Snyder, ich möchte — ich wollte •—" begann er mit kläglicher Miene.
Snyder war Ä>en dabei, die letzte Unterschriften zu aeben; er ließ sich nicht stören, sondern fuhr in seiner Beschäftigung fort, bis er damit fertig geworden war. Jetzt drohte er sich auf icinem Sessel nach Hopkins um, der mit der Miene eines aeuren Sünders ruhig ab- ' wartete, bis die Reihe an ihn kam. „Nichts mehr von Geschäften heute, ich bin abgespannt."
„Es ist — hm, wegen Wckthams Depesche von heute vormittag", brachte der Ski!' rer würgend hervor.
„Na, was soll'S noch damit? Ich denke doch die Sache ist erlsdigtl"
„Ja, insofern — als nämlich —" stotterte Hopkins kläglich.
Snyder wurde ungeduldig. Mit der Miene eines gereizten Löwen schien er auf dem Schreibtisch nach einem Gegenstand zu suchen, den er dem anderen an den Kopf werfen konnte. „Was soll'S eigentlich?" fraat« er int Kontrast zu seinem Micke wunderbar ruhig.
„Mir fiel nämlich ein, daß die Depesche möglicherweise verstümmelt sein könnte, und da — da habe ich dom Telsgvaphenamt Austrag gegeben, sie mit dem Original vergleichen zu lassen."
Snyder hatte das Gefühl, als ob sich der Schreibtisch vor ihm plötzlich zu drehen begann, zugleich verstärkte üch der flaue Druck in der Magengogend. „Sie wollen doch hoffentlich nicht behaupten, daß eine solche Verstümmelung tatsächlich vorgekommen ist?" fragte er, und als Hopkins nur kläglich nickte, seufzte er. .^Hopkins, Sie sind ein Idiot — ein richtiger Idiot!" wiederholte er. „Es ist doch selbstverständlich, daß man eine derartige Depesche sofort vergleichen läßt. Das ist doch selbstverständlich!" wiederholte er mit großem Nachdruck. „Haben Sie das nicht getan?"
„Sie hatten die Sackte doch selbst in die Hand genommen, Herr Snyder". stotterte Hopkins; „es war doch auch keine Zeit mehr. Die Vergleichung hat über vier Stunden gebraucht."
„Sie sind ein Idiot!" wiederholte Snyder wieder mit der Miene eines Weisen, der eine funkelnagelneue Wahrheit entdeckt hat. „.Haben Sie die verglichene Depesche hier? — Ja? — Na. dann geben Sie her!" Er nahm aus der zitternden Hand das Formular, und tvährend sein Gesicht sich immer beträchtlicher in die Länge zog und sein spärliches Haupthaar sich zu sträuben begann, las er halblaut: „Erwarte meinen Salonwagen moryen abend 9.57 Uhr in Madison, Wisconsin, mit Stenogramm im Fall Smith (Engelsminen). Will 'kommen mit Freunden. Fahren zusammen Leadville, Colorado. Unterwegs schließe persönlich ab. Diner im
Zug. Vollständig mtSstattenI Nichts vergessen! Zwei Wochen unterwegs. John B. Waltham."
Snyder hatse das Gefühl, als begänne sein Dreh, ftuhl mit ihm zu kreisen, ihn immer höher zu wirbeln, um ihn zur Abwechslung dann mit scharfem Ruck wieder in die Tiefe zu schnellen. Seine Züge nahmen jene tiefrote Färbung an, welche auf drohenden Schlagfluß schließen läßt. Er wollte etwas sagen, brachte cs aber nur zu einem unverständlichen Jappsen. Minutenlang blieb er sitzen, ohne einer Bewegung fähig zu sein, und seine Miene wurde nur nock) hoffnungsloser entgeistert. Dann nahm er die Depesche wieder gur Hand und der- senkte sich von nettem in ihren so unliebsam veränderten Inhalt.
„Eine nette Geschichte — das muß ich sagen!" brachte er endlich schwach hervor. Er sah den zerknirschten Kassierer vorwurfsvoll an. „Sie sind eilt Idiot, Hopkins! Da schicken Sie Herrn Waltham, der die Weiber nicht riechen kann, geschweige denn ausstehen, eine Stenographin — mit Engelsmienen!" Er lachte unnatürlich auf. .Seit wie lange sind Sie eigentlich im Geschäft?" fuhr er sanft zu fragen fort. „DaS mutz doch einer Durchschnittsnttelligenz ohne weiteres ein- leuchten, daß Herr Waltham natürlich nur -das Stenogramm in Fall Smith, dein Besitzer der Engelsmienen, gemeint haben kann. Wan muß ein Idiot sein, tun das nicht kapieren zu können — ein Idiot!" schrie er, als Hopkins eine Einwendung, deren Inhalt ihnt von vornherein bekannt zu sein schien, wagen wollte. „Was haben Sie sich eigentlich gedacht, Herr? Ick) will vott mir nicht sprechen", lehnte er bescheiden ab, „ich — hm, ich habe das Geschäft im Kopfe — natürlich", fuhr er energisch fort, „es ist fraglos, daß ich an solche Sachen nicht denken katrn. Ihre Pflicht war es, die Verstümmelung zu wittern. — Keine Widerrede, Herr!" donnerte er. „Da gibt es keine Entschuldigung! Na, Sie I>a.hen sich ja eine recht niedliche Geschichte eingebrocktI Wo sind eigentlich Ihre Gedanken? War nicht vor drei Wochen erst jene große Konferenz, in welcher das Syndikat gegründet wurde, welches alle Erz- tind Kohlenminen unter eine Hand bringen soll? Ist Herr Waltham nicht Präsident dieses Syndikats? Ist er nicht nur ans die Reise gegangen, um überall pevsön- lich abzuschließen?" Seitre Stimme klang jetzt wieder väterlich vorwurfsvoll. „Wie kann man nur Herrn Smith mit seinen Riesenminett vergessen? Dieser Mann ist der bedeutendste Widersacher. Es bedarf der ganzen Geschäfts-kunst Herrn WalthainS, diesen Smith, ohne dessen Beitritt ein Trust nicht zustande kommen kann, zu gewinnen. Und Sie sind Idiot genug, das Mißverständnis nicht zu erraten, bleiben bei einer Stenographin mit EnaelSmienenI — Herr Hopkins", sagte er mit einem schmerzhaften Seufzer, „es tut mir leid, mich so in Ihnen getäuscht zu haben!"
Halb erleichtert erhob sich Snyder und begann eine Promenade durch das Zimmer, dabet den unbeweglich
