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«g.-*i Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblalts. i»~—a

Nr. 297. Dienstag, 21. Dezember. 1915.

1(8. 8ortfefjuna.]l DiC ÖUf (Nachdruck verboten.)

Humoreske von Otto Höcker.

2 .

Zehn Minuten vor Wgang des Expreß-Zuges war Lucy und deren Begleiter am großen ZentralbaHnhof New Nocks. Geschäftig sprang ein Träger hinzu und nahm das wenige Gepäck, das von dem jungen Mädchen mitgebracht wurde, zu 'sich. Als .sie durch das Tor in die menschenüberfüllte Vorhalle treten wollten, kam ihnen schon Hopkins mit dem Herrn aus dem Waren- haus entgegen.

„Alles in Ordnung", berichtete der letztere. „Wir haben zwei große Koffer gerichtet; einer enthält Kleider und Hüte, sowie Schuhzeug, der andere Wäsche, sowie die sonstigen Toiletteartiksl. Sie stehen bereits in Ihrem Schlafraum, Madam. Hier sind die Schlüssel."

Mechanisch nahm Lucy die vier zierlichen Dinger entgegen und behielt sie in der Hand. Sie beachtete kaum, daß die Herren sich empfahlen. Von dem hastig sich einen Weg durch i>a§ Menschengewühl bahnenden Snyder geführt, betrat sie gleich darauf die riesige Ab- fahrthalle. Der elegante Luxuszug, wohl der schnellste der Welt, stand schon zur Abfahrt bereit. Wie int Traum fühlte sich Lucy an den letzten Wagen heran­geführt, ein tvahres Ungetüm, ganz in Elfenbeinfarbe gehalten, reich mit Gold verziert und mit einer Reihe übergroßer blinkender Spiegelfenster versehen.

Ganz verwirrt nahm sie wahr, wie ein farbiger Diener hurtig einen gepolsterten Leitertritt herbei­rückte, um ihr das Besteigen des Wagens zu erleichtern. Dann stand sie, immer diskret von dem nachfolgenden Snyder vorangeschoiben, vor >d«m goldstrotzenden Eiscn- geländer der Plattform und nahm mit steigender Ver­wunderung währ, wie sich eine breite, aus mehrzölligem Kristallglas bestehende Tür lautlos vor ihr beiseite schob und chr den Eingang in das Innere des Salon- »vagenS freigab. Wie sie nun, immer wieder von Snyder sorglich dirigiert, den Fuß tveitersetzte, fand sie sich zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen plötzlich iw einem vollständigen Zimmer. Und in was für einem Zimmer! Wohin sie auch den Blick wandern lassen mochte, überall traf er auf Eleganz, behaglichen Luxus, verschwenderische Pracht.

Lucy wendete sich ängstlich nach Snyder um. „Aber — aber das ist doch kein Eisenbahnwagen — für ge­wöhnliche Reisende, meine ich!" stotterte sie befangen. „Da sind, ja Tische und Stühl, Sofas an den Wänden und Bilder und Teppiche!" Sie wagte kaum, auf den letzteren zu stehen, so weich versank sie in ihnen; man hätte ans ihnen schlafen mögen, so kosig er­schienen sie. Als Sm-der nur lächelnd versicherte, das sei alles in Ordnung, nahm ihr Blick den Ausdruck ver­steinerten Staunens an. Sie wußte gar nicht, wohin sie Kuerst schauen sollte. Da ivor das Holzwerk der Wände, unsagbar fsin von Künstlerhand abgetönt, mit geschliffenen Kristallspiegeln dazwischen; die Fenster bestanden aus einem einzigen Stück Kristall und liefen reich ornamentierten Silberrahmen. In einer sche »var ein spinnwebzierltcher Bumwntisch aus ge­

schmiedetem und vergoldetem Eisen aufgestellt, mit er­lesenen Topfpflanzen -darin, die sich wiederrnn in kost­baren Sevresvasen befanden.

„Nun will ich Ihnen das kleine Reich, in welchem Sie die nächsten dreißig Stunden alleinige Herrin sein werden, rasch noch zeigen", meinte Snyder, nachdem er sich lächelnd an ihrem naiven Erstaunen ergötzt hatte. Damit öffnete er in der einen Ecke eine durch einen Pfeilerspiegel flankierte Tür und trat mit ihr in einen schmalen Durchlaß. Einige Schritte weiter blieb ec sichen und deutete auf eine Tür. „Stet ist Ihr Schlaf­zimmer, Fräulein Elgiu." Sie traten in ein trotz seiner Kleinheit behaglich eingerichtetes Stübchen mit einem messingenen Himmolbett -darin, Waschtisch, An- kleideschrcmk, Toilettespiegol, einem komfortablem Schmrkelstuhl ttnd einem Etagentisch — alles in Weiß und Gold gehalten. „Da sind auch Ihre Koffer, sie passen gerade unter das Bücherspind — praktisch was?" Er öffnete dieses; eine Reihe gebundener Bücher wurde sichtbar. „Da suchen Sie sich atis, was Sie -wollen, es werden rnPner die neuesten Erscheinmtgen eingestellt. Ich verstehe nichts davon. Hier ist die elektrische Klingel: sie steht mit dom Speisewagen in Verbindung itnd wird sofort einen Diener rufen." Damit klingelte er auch schon. „Auf der anderen Seite befindet sich der nämliche Schlafraum, den können Sie sich später allein ansehen, der dient Herrn Waltham. DanÄen ist auch noch ein kleines Eßzimmer; auf dieser Seite haben wir dafür eine Küche." Sie waren'wieder auf den engen Gang getreten, und Snyder hatte eine andere Tür ge­öffnet. Lucy schlug die Hände zusammeir, als sie in eine vollständig eingerichtete Miuiaturküche blickte, neben welcher sich ein reichlich ausgestatteter Vorratsraitm be­fand. „Da werden Sie alle Sorten Konserven, auch Wein ttnd -dergleichen finden", erläuterte Snyder. „Sonst waltet hier der französische Küchenchef von Herrn Walthain. Ich wundere mich, .daß er keine Wei­sung erteilt hat, den Koch mitzuschicken: er hält auf eine gute Küche und ist bei all seiner Mäßigkeit doch ein schwer zu befriedigender Feinschntecker. Schade, Sie werden nun Ihre Mahlzeiten vom SpeisÄvagen nebenan beziehen müssen."

Er wendete sich dom eben eintretenden farbigen Diener zu. „Hallo, Sam!" begrüßte er den unter­würfig Grinsenden. „Du wirst dir alle Mühe geben, das Fräulein hier zufriedenzustellen. Sie ist die neue Prvvatsekretärin von Herrn Waltham und fährt zu ihm." Der Nigger dienerte. „Well. Fräulein Elain wird gleich ihr Frühstück nehmen. Dtt bist ja ein fin­diger Kopf, Samt. Stell alles zusammen, wie'S jungen Damen behagt."

„Die junge Lady wird zufrieden fein", sagte SaiN und verschwand.

„Und in diesem Palast soll ich wirklich sichren?" riss Lucy ganz verwirrt.

„Selbstverständlich. Vergessen Sie nicht, daß Sie