m . . .WWW ■ 1
fe ==* i Morgen.SeUagr der Wiesbadener Tagblatir. ). ■===»)
Nr- 295. Samstag. 18. Dezember. 1915.
Die Stau auf Borg. (*«»«* verboten.)
Humoreske von Otto Höcker.
■ i.
„Es tut mir aufrichtig leid, Hhre Bitte rundweg abs-Äagen zu müssen, Fräulein Elgm, schon um meines alten Freundes, Ihres guten, verstorbenen Vaters willen. Doch es rst absolut unmöglich. Sie bei uns unterzubringen. Bitte, überzeugen Sie sich selbst: Sie wenden im ganzen Geschäft auch nicht ein einziges weibliches Wesen finden, nicht einmal eine Frau zum Aufräumen. Herr Walthanl will nur Männer um sich sehen. Er ist trotz seiner verhältnismäßig noch jungen Jahre ein eingefleischter Weiberhasser."
Tom Snyder, der Geschäftsführer und vertraute Berater des wegen seines Reichtums sprichwörtlich gewordenen Minenkönigs, erhob seine ungelenken Glieder aus dem Schreibstuhl, streckte sich zu seiner ganzen stattlichen Länge und führte seine Besucherin, eine lieb- siche, schlanke Blondine, deren verschüchterte Miene zu ihrer überaus einfachen TrauerKeidung paßte, an die sein Privatkabinett mit den: geräumigen Kontor verbindende Tür, hob den Vorhang ein wenig von der Glasscheibe und ließ sie Hindurchblicken.
Mit einem Seufzer lenkte sie den Blick ihrer blauen Augen auf die langen Pultreihen. Da saßen wohl fünfzig Herren, alte und jurige, in emsiger Tätigkeit begriffen, doch keine der flinken Maschinenschreiberinnen und Stenographinnen darunter, wie nian sie in den New Korker Geschäften sonst überall findet.
Als Lucy Elgin nun von der Tür wieder zurücktrat, schien ihre bekümmerte Miene noch hoffnungsärmer ge- worden. „Entschuldigen Sie nur, Herr Snyder, daß ich Sie nutzlos behelligt habe", sagte sie leise.
Sie schien sich raisch verabschieden zu wollen, doch das acch Snyder nicht zu, nötigte sie vielmehr mit unbe- holfener Liebenswürdigkeit wieder in den vorher von ihr eingenommenen Sofasitz zurück. „Sie müssen schon meine Derbheit verzeihen", meinte er lächelnd. „Ich alter Junggesell habe keine große Übung mit Damen, darin passen Herr Waltham und ich vortrefflich zusammen." Er hatte sich inzwischen selbst wieder in seinen Schreibstühl niedergelassen. „Kann ich Ihnen auch bei uns kein Unterkommen vermitteln, so wird sich schon etwas anderes finden; wir müssen uns nur umschatten, denn mit vier bis fünf Dollar wöchentlich ist Unen doch nicht gedient." Er betrachtete sie köpf- schüttelnd. „Daß mein guter Nad auch sterben und seine Familie so hilflos zurücklassen mußte! Ist übri- gens brav und mutig von Ihnen, Kleine, für die kranke Mutter und die jüngeren Geschwister eintreten zu wollen. Sie sind erst heute aus dem fernen Iowa ange- langt und haben Ihre Lieben in Erosion gelassen?"
Unter hervorquellenden Tränen schüttelte Lucy den Kopf- ,^ch bin schon über vier Wochen in New York", hauchte sie. .
„Aber warum kamen Sie nicht sofort zu mir?! Ihr Water und ich sind doch gute Freunde gewesen. Haben -vir uns auch die Jahre über aus den Augen verloren, jg ist es doch selbstverständlich, daß ich zu Rat und Tat
gern bereit bin, zumal es sich um solch tapferes kleines Fräulein handelt."
„Ich wollte nicht belästigen und — und" — ft« schluckte tapfer die Tränen hinunter — „es tut so weh, anderen gestehen zu ntüssen, daß man in. feinen Verhältnissen zurückgekommen ist. Papa ivar immer so stolz und hat darum den Zusammenbruch seines Ge. schäfts auch nicht lange überlebt. Ich dachte, ich würde in dem großen New Kork bald lohnende Anstellung sin. den. Ich stenographiere fertig und kann alle gebräuchlichen Schreibmaschinen bedienen. Doch ich laufe seit vier Wochen Tag für Tag, ohne etwas finden zu kön- uen. Ta wußte ich mir schließlich nicht mchr zu helfen, nahm mir ein Herz und suchte Sie aus."
„Arme Kleine!" Er war aufgestanden und streichelte mitleidig ihre Hand. „Na, ich finde schon einen gut« bezahlten Posten für Sie. Meine Einpfehlung gilt' etwas, und in der Zwischenzeit, hm" — er suchte ve» legen werdend nach Worteit — „ohne viel. Umstände, Fräulein Elgin, das New Korker Pflaster ist kostspielig. Darf ich Ihnen einen kleinen Scheck geben?"
Sie wehrte errötend ab. „Nein, Herr Snyder —< Sie verkennen mich. Ich — ich bin mit Mitten noch hinlänglich versehen!"
Er lächelte guinnütig zu ihrer Verwirrung, die ihm deutlich genug das Gegentell kündete. Doch er kam nicht zu einer Erneuerung seines Vorschlags. Ein kurzes Pochen an der Tür, ein Angestellter trat ein und überreichte eine Depesche. „Ah — von Herrn Waltham selbst!" ineinte Snyder halblaut, die rasch ge- öffnete Drahtnachricht überfliegend. Dann stutzte er, trat ans Fenster, las wieder und schatite schließlich kopfschüttelnd auf. „Lesen Sie selbst, Brown, ich verstehe das nicht!" Damit händigte er den: jungen Mann die Depesche ein. Dieser las und schaute gleichfalls kopfschüttelnd auf.
„Das kommt mir auch sehr merkwürdig vor", wagte er zu bemerken.
„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Fräulein Elgin, ich bin gleich wieder zurück. — Nein bleiben Sie nut ruhig hier", sagte er und drängte die Aufstehende in den Sofasitz zurück. „Es handelt sich nur um den Unsinn da." Damit ging er rasch, die Depesche in der Hand, mit Brown nach dem Kontor.
Er trat an daS Pult des Kassierers. „Lesen Sie ural, Hopkins — ivas halten Sie davon?"
Dieser las tinter steigender Verwunderung halblaut vor: „Erwarte meinen Salonwagen morgen abend 9.57 in Madison, Wisconsin, nut Stenographin. Falls mit Engelsmienen willkommen mit Freuden. Fahren zufamrnen Leadville, Colorado. Unterwegs schließe persönlich ab. Dineranzug. Vollständig ausstatten! Nichts vergessen! Zwei Wochen unterwegs. John B. Waltham."
Der Geschäftsführer mußte sich setzeu; er war zu- nächst sprachlos. „ „
„Sollte das nicht ein Irrtum fern?" bemerkte der
