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Nr. 294.
Freitag. 17. Dezember.
1915.
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Novelle von Berta Freifrau v. Nauendorf.
.Mollen Sie nicht Platz nehmen", unterbrach sie endlich das Sckstveigen und die sonst so klingende Stimme war heiser, fast rauh. „Ich will Ihnen alles erklären, alles sagen."
Das schlichte Du. das ihr in seinen Armen so leicht und selbstverständlich über die Lippen geglitten war, als sei es von jeher so gowesen, konnte sie nicht mehr anwenden. Sie waren einander fremd geworden in diesen kurzen schrecklichen Minuten — beinahe feind.
Artur gehorchte wortlos und sie fuhr fort:
„Es sind jetzt fast fünf Jahre her. daß rch mit meinen Eltern auf das Land in die Sommerfrische ging. Ich «war ein sorgloses, fröhliches Kind und der Aufenthalt in der schönen, freien Natur gefiel mir ausnehmend gut. Am Tage sang und sprang ich umher und nachts schlief ich wie ein Murmeltier. Schnautzi war damals noch ein sehr junges Tier und mein liobster Spielkamerad. Bald hing er so zärtlich an mir, daß er sogar nachts in meinem Zimmer schlief. Wir,wohnten in einer Mühle, und der Müller, der mich ins Herz geschlossen hatte, schenkte mir den Hund. In meinem festen Kinderschlaf merkte ich nicht, wie eines Nachts dichter Rauch mein Zimmer füllte, und wie rote Flam- men gierig nach mir leckten. -Ich hörte nicht das Bellen und Winseln Schnautzis — ich schlief.
Mein Vater >hatte zuerst meine Mutter ergriffen und sie die Treppe hinuntergetragen, denn der Schrecken lähmte die ohnehin zarte, nervöse Frau. Als er sie glücklich im Freien hatte, bekam sie Gchreikämpfe und klammerte sich in wahnsinniger Angst fest an ihn.. So mußte er sich um die Mutter mühen und hätte mich in der Aufregung vielleicht sogar vergessen, wenn ihn nicht das jämmerliche Geheul des Hundes an mich erinnert hätte, das langgegogen und schaurig durch die Nacht klang. Mein Vater hat es mir später oft erzählt. Als man endlich in mein Zimmer drang, war ich von dem Rauch halb erstickt und von entsetzlichen Brandwunden bedeckt. Schnautzi brannte ein glüheicher Holzsplitter die tiefe Narbe quer über den Rücken, die man ja immer noch sieht ..."
Schnautzi, der wohl merkte, daß von ihn: die Rede war, stützte beide Vorderpfoten auf die Knie der Herrin und blickte sie unverwandt mit so unendlich hingebender Zärtlichkeit an, daß etwas wie Beschämung über Artur kam und er sich zum Aveitenmal darauf ertappte, den häßlichen Hund zu beneiden. Doch diesmal war daS Gefühl ein ganz, anderes. Damals fand er das Los des Hundes beneidenslvert, Tag und Nacht um die Herrin sein zu dürfen, ihr Leben ganz zu teilen. Diesmal kroch es fast wehmütig in ihm hoch, nicht so lieben zu können wie dieser Hund. So ausschließlich, so ohne Rücksicht auf alle Äußerlichkeiten. Es war, eine Liebe, die nicht nach schön und häßlich fragte, die aus den treuen Hunoeaugen leuchtete. Sie war mächtig, schrankenlos.
Er, Artur, er könnt« das Mädchen nicht nrehr lieben, das jetzt so traurig und gebrochen vor ihm saß, und doch
mehr Mut lhatte als er. Nein, er konnte nicht mehr- Was er gesehen hatte, war zu grauenvoll. Ein ge» qruiltes Stöhnen entrang sich seiner Brust, und wieder rannen ihm kalte Schauer über den Rücken.
„Als ich wieder gesund war", nahm Gabriele wieder das Wort, „war ich verunstaltet. Die Eltern ver< lor ich rasch nacheinander und sah mich darauf angewiesen, etwas zu verdienen. Mit meinem entstellten Gesicht fand ich nirgends Anstellung, und es war ein Glück, daß ich Stimme hatte, sie, auf mein kleines elterliches Vermögen gestützt, ausbilden ließ, und dann dieses Engagement fand, das mich vor 9cot und Entbehrungen schützt.
Das alles sollten Sie schon übermorgen von mir schriftlich erfahren, sofort nach meiner Abreise. DaS nannte ich den Schleier lüften. Sie sollten niich nie sehen, um die Illusion nicht zu verlieren . . . und . . « und um mich weiter . . . weiter lieben ... zu können. Und ich, ich wollte etwas haben . . ., eine Erinnerung . . . einen Inhalt für mein liebsarmes Loben . . . Ich liebte Sie, ehe ich Sie kannte, schon als Sie mir folgten . . . darum duldete ich Ihre Begleitung . . . und daß . . . daß . . . Sie inich . . . küßten . . . Wegen meiner Stimme haben ja schon so viele versucht, sich mir zu nähern. Ich erhörte keinen, llnd dann kamen Sie, und ich fühlte — es war das Schicksal. Ein Bild sollten Sie von mir haben, vor meiner . . . meiner Krankheit. Hier ist es." Sie brach ab und reichte ihm ein Kinderbild. Wie durch einen Flor sah Artur ein Ge- sichtchen, so zart und lieblich, ganz so, wie er es erträumt, wie es zu der klingenden Stimme paßte. „So sollten Sie mich lieb behalten, denn selbst wenn ich Ihnen von meinem Unglück geschrieben hätte. Sie konnten ja nicht ahnen, daß ich . . ., daß ich . . . so . . . sc . . Wieder versagte ihr die Stimme. Dann sagt« sie mit letzter Kraft: „Leben Sie wohl. Lassen Sie
mich allein."
Fest und hart klangen ihre Worte, fast befehlend. Etwas Feindliches sprang in ihr- auf gegen diesen Mann, den sie so grenzenlos liebre, und der ihr durch fein Mißtrauen, eine köstliche Erinnerung raubte, die sie für ihr armes Herz hatte einfangen wollen.
Er fühlte, baß sie sich von ihm zurückzog, er hörte den kalten, harten Ton, und in seiner Verwirrung entging seinem geschulten Ohr der schmerzvolle Unterton, der hindurchzitterte. Hier saß eine stolze Frau, die sich nicht beugen ließ —< nicht beugen lassen wollte.
Artur sprang auf. Fort, nur fort. Er mußte mit sich allein fein und mit den stürmenden, quälenden Gedanken. Zu jäh war trotz des schon lange genährten Argwohns das Furchtbare auf ihn herein gebrochen . . * Sie hatte ihn betrogen! Hatte ihm zugemutet, sie zu küssen . . . Wieder schauderte er und konnte nur mit Überwindung nach ihrer Hand greifen und sie flüchtig mit den Lippen berühren. Das Bild ließ er achtlos fallen. Er murmelte unverständliche Worte und stürzte! davon . . . Schnautzis Brust entrang sich ein befriedig«
